Andreas Scheffler: Glück
Als der junge K. seinen Verlobungsring, der ihm erst am Abend zuvor von seiner Geliebten angesteckt worden und welcher ihm nun vom Finger gerutscht war, zwischen den U-Bahn-Gleisen wiederzufinden suchte, wurde er von einem plötzlich einfahrenden Zug überrollt und war augenblicklich tot.
Dieses war dem jungen K. für diesen Lebensakt der günstigste Moment, weil es der glücklichste war. Gewiß, K. hätte in den nächsten Monaten, vielleicht Jahren, noch viele glückliche Momente erlebt, hätte sich in Leidenschaft und Liebe gewälzt. Doch niemals mehr wäre ihm dieser einzigartige Augenblick, von dem er selbst sagte, es wäre der glücklichste seines Lebens, wiederbegegnet. Die Zukunft mag eine Steigerung bereitgehalten haben; allein für ihn war es dieser Moment. Er war dem Glück verfallen wie einer Droge, und hätten ihm ungünstige Wendungen dieses entzogen, wäre ihm der plötzliche Mangel unerträglich gewesen.
K. starb am Tag nach seiner Verlobung, als er das Symbol seines machtvollen Glücks, den Ring, unter den Schottersteinen der U-Bahn-Gleise hervorholen wollte. Nichts ist dem emotional Aufgewühlten wichtiger als Symbole. K. hatte es beinahe erreicht und starb mit einem Lächeln.