Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 06/1991 Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge VIII
Artikelaktionen

Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge VIII

Was bisher geschah:

Victor Orloff sucht seit Monaten im eigenen Interesse (GummiAllergie) und im Auftrag des Chemiegiganten Rosapharm (Bad Schwartau) die sagenumwobene Pflanze, die Aids besiegt. Erfolglos. Kürzlich mußte er obendrein feststellen, daß sein Arbeitgeber Rosapharrn schon längst in den Klauen des vermeintlichen Erzkonkurrenten Rubber International ist. Rubber International glaubt Orloff zur Mitarbeit zwingen zu können und will ihn nach Borneo schicken (oder so). Doch Victor hat, den Lesern seiner Abenteuer darin nicht ganz unähnlich, die Schnauze voll.

Folge VIII: Potemkinsche Dörfer

von Martin O'Peeds ins deutsche übersetzt von Bov Bjerg

Nein, nein, alles ist Schwindel, alles Lug und
Trug in diesem windigen Europa. Geben Sie acht,
ich werde recht behalten.

(F. Dostojewski, Der Idiot)

Klingbeil und Klingbeil, Sylvie Latex und Mrs. T., John Pauls und Jürgen Sparwasser; Manfred Krug, Rosapharm und Rubber International: Blickte da eigentlich noch irgend jemand durch? Ich jedenfalls nicht. Allmählich kam ich mir vor wie ein lispelnder Stotterer, der unaufhörlich "Stille Post" spielen muß - und nicht wahrhaben will, daß ihm längst niemand mehr zuhört. Borneo? Ohne mich.

Ich beschloß also, mich selbständig zu machen, und setzte mich ab. Adieu, korrupte Pharma-Industrie!

Natürlich hatte ich nicht die Absicht, die Suche nach der Pflanze, die Aids besiegt, aufzugeben. Irgendwann würde ich sie finden, alleine und auf eigenes Risiko. Auf eigene Rechnung würde ich sie vermarkten, vor allem aber würde sie mir mein eigenes Liebesleben ungemein erleichtern. - Zunächst jedoch benötigte ich eine schöpferische Pause.

Illustrationen von Gästen der Feierlichkeiten im Haus von Seggern am 20.10.1990

Nach Berlin zog es mich, zu Doktor Strehnschlaaf, meinem alten Freund, dem "Marmeladen-Stalin von Bad Schwartau". Vor Jahren hatte ihn die Betriebssicherheit ertappt, als er die Kirschkernverbrennungsanlage von Rosapharm in die Luft sprengen wollte. In weiser Voraussicht hatte ich damals veranlasst, ihn laufen zu lassen; seitdem war er für kleine Gefälligkeiten immer zu haben. Zwischenzeitlich war Strehnschlaaf in der Hauptstadt zum Showmaster avanciert: Als eine Art Wim Thoelke des Häuserkampfs kümmerte er sich um das geistige Wohl hausbesetzender Sorgenkinder, indem er aus seinen ollen Revolutionskamellen wenigstens den einen oder andern Lacher herauszupressen versuchte.

Bei ihm, Strehnschlaaf, hatte ich mich ankündigen lassen. Er sollte mir helfen, eine neue Existenz aufzubauen. Vielleicht konnte ich ja - zunächst wenigstens - als Pausenclown bei ihm anfangen.

Es war also gegen Ende November - oder war es Anfang Januar? - bei Tauwetter, als eines Tages gegen neun Uhr morgens ein Zug der immer noch und endlich wieder mit Recht so heißenden Deutschen Reichsbahn "mit vollem Dampfe" sich der Havelstadt (Spreestadt?) näherte. Die Luft war so feucht und neblig, daß das Tageslicht kaum durchzudringen vermochte. Obendrein klebte an den Scheiben der Dreck von vier Jahrzehnten kommunistischsozialistischer Zwangskommandowirtschaft, und meine Augendeckel waren von etlichen Radebergern, einer seltenen Bierspezialität, die ich dem Mitropa-Kellner hatte abluchsen können, sowie zweieinhalb Flaschen Bommerlunder beschwert (meine Augendeckel). Aus den Abteilfenstern jedenfalls konnte man auf zehn Schritte links und rechts nur mit Mühe etwas erkennen.

Den Bahnhof Zoo verschlief ich, auf dem Bahnhof Friedrichstraße stolperte, fiel, plumpste ich aus dem Zug und auf den Perron. Es zog wie Hechtsuppe. Geliebte Ostzone, alte Hütte! - Drei Stadtstreicher glaubten wohl, in mir einen der ihren erkannt zu haben, und halfen mir auf die Beine. "Ob er das ist?", hörte ich den einen dann aber fragen. Um mich zu erklären, stammelte ich etwas von "Rararara-Rachengold, Kräuter gegen Aids" und daß ich die Welt erlösen wolle. "Das muß er sein", legte der zweite sich fest. "das muß er einfach sein." Ich versuchte noch ein Wort hinterherzuschieben, von dem ich hoffte, daß es wie "Strehnschlaaf" klingen würde. Die drei Männer, allesamt in mehr als biblischem Alter, trugen kleine Faschingskrönchen aus goldfarbiger Pappe. Ein breitnasiger Kerl mit reichlich ungewaschenem, schwärzlichen Anglitz rief: "Hört ihr? Zu Strehnschlaaf will er!" Und zu mir gewandt: "Was glauben Sie, wer uns schickt?"

Illustrationen von Gästen der Feierlichkeiten im Haus von Seggern am 20.10.1990

Die drei Greise führten mich durch die trübe Stadt, und nach Abenteuern unterschiedlichster Art, die zu erläutern an dieser Stelle zu weit führen würde, gelangten wir in ein kneipenähnliches Etablissement, das einem Stall tatsächlich nicht ganz unähnlich war. Ungezähmt lachendes Volk saß frühstückend und eifrig trinkend vor einem Mauerdurchbruch, in welchem - wie schlug das Orloff-eigene Herz da höher - heimelig salbadernd Dr. Strehnschlaaf stand, mein alter Freund und Kupferstecher. Zwischen seinen Auftritten las eine Horde junger Männer Aufsätze voll undefinierbarer Komik vom Blatt.

Illustrationen von Gästen der Feierlichkeiten im Haus von Seggern am 20.10.1990

Aus lauter Vorfreude Bier und Sekt wild durcheinandergurgelnd wartete ich im Nebenraum auf das Ende der Vorstellung. Schließlich verließ ein Pulk widerlich aufgeräumter Menschen das Lokal; im Mauerdurchbruch stand schulterklopfend und witzereißend die Dichterriege um Strehnschlaaf herum. Als ob ich gerade erst hereingekommen wäre, trat ich auf ihn zu: "Altes Haus!" usw. Wir plauderten ein wenig, dann stellte er mich den anderen vor. Die schauten mich ungläubig an. "Orloff?", fragten sie. "Victor?" - Ich nickte zweimal, da prusteten sie los. Man schien mich zu kennen. Ich äußerte diesen meinen Verdacht. - "Kennen?", lachten sie. "Könnte man so sagen. Um genau zu sein: Wir haben dich erfunden! Komm, laß dich anschauen. So siehst du also aus..." - Diese Leute hatten mich erfunden? Ich fühlte mich wie ein potemkinsches Dorf.

Wird Victor Orloff diesen Schreck überleben? Hat die Postmoderne eine Zukunft? Oder ist dies das Ende der Selbstreferentialität? Was hat mit all dem die fraktale Geometrie zu tun? Was wird aus dem Penisknochen Jesu? Ist Dr. Strehnschlaaf in Wirklichkeit König Herodes? Wird Victor Orloff die Pflanze finden, die Aids besiegt? Wird Gorbatschow es schaffen, und was wird aus dem Krieg im Golf?

Fortsetzung folgt

Copyright: Bov Bjerg

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero
Nummer 06
Titelbild
Vorrede
Bov Bjerg: Berichte aus der Redaktion Kvara Bistoj: Die Salbader.- Worterklärung Hans Duschke: Kackvogel des Monats Andreas Scheffler: So nebenbei Horst Evers: Fernseh? Ich tu's!!! Hans Duschke: Fabrik der Träume Siegfried Löwy: Mehlbeutel des Monats Bov Bjerg: Gallus, der Sekretär E 338: Kennen Sie Cola Andreas Scheffler: Es gibt Momente Siegfried Löwy: Drei Anekdoten Bov Bjerg: Du, der Mann mit dem Horn Heinrich Muoth: Der Rügener Baus Andreas Scheffler: Glück
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge VIII
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Was die anderen schreiben
Impressum
Mehr…
 

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: