Andreas Scheffler: Mehlbeutel des Monats
Heute: Junge Autoren
Du bist also ein »Junger Autor«. Nun wohl, das kann ich sehen; soweit du dir nicht eine hinfällige Ältlichkeit angetrunken hast, kann ich in etwa dein Alter schätzen. Und bist du ein Greis, so meinst du vielleicht, du bist jung geblieben, im Herzen sozusagen. - Alles Quatsch. Die Wahrheit ist: Als Autor bist du jung; schreibst noch nicht so lange. Und wenn deine Texte schlecht sind: »Entschuldigung, aber ich bin ja noch jung.« Eine Vorab-Rechtfertigung also.
Sei's drum. Im Germanischen Seminar wimmelt es von jungen Autoren und Autorinnen, die von Zeit zu Zeit ein Stück Prosa oder ein Poem tief in ihrer Schreibtischschublade verschließen. Doch du - Unsäglicher! - trägst es auf der Zunge. Du bildest Zirkel und - hingerafft von der Last des Lebens oder der Lust der Droge - du bist bleich. In Hinterzimmern von Kneipen und Nebengelassen von Kirchen triffst du dich, im Verein deine juvenilen Versatzstücke zu plazieren. Du, Verbindung, schlägst zu, doch triffst du nicht. Die Gruppe gibt dir ein Bewußtsein deiner selbst. Dein Gebrechen - ohne das geht's nimmer - gehört ausgestellt. Dein Existenzrecht steht auf dem Spiel. Doch Ruhe, die Gruppe, dein Treffen gibt es dir. Du bist bleich.
In dem Hinterzimmer, da lest ihr euch gegenseitig vor. Ihr heuchelt Interesse, doch in zitternder Aufregung wartet ihr nur auf euren eigenen Auftritt. Dann ist sie da, die Illusion hörender Ohren. Die flackernde Stimme und Feuchte Finger verfolgen die Zeilen. Anschließend sprachlose Diskussionen in allgemeiner Übereinkunft. So räsoniert eine junge Frau, daß sie den gerade geendeten Vorleser gut verstehe, da sie auch über Orgasmus-Schwierigkeiten verfüge. Zu dumm nur, daß der Text gar nichts damit zu tun hatte. Jemand anderes ist so mitleiderregend neurotisch und ehrlich, daß er behauptet »Ich habe es zwar nicht verstanden, aber es macht mich betroffen.« - Der Gipfel der Unzulänglichkeit.
Unversehends kommt mir ein Rühmkorf-Satz in den Sinn: »Sie flüstern vor lauter Beklommenheit so leise, daß (...) keiner mehr herauskriegt, was hinter dem Feigenblatt der Feigheit, das sie ständig vorm Munde führen, eigentlich noch an Meinung (...) vor sich geht.«
Und frage ich dich, Junger Autor, ob du Ruhm willst, Ruhm und Reichtum, so antwortest du »Aber nein.«. - Das ist doch garantiert gelogen.
Aber deine verborgenen Zirkel störten mich gar nicht. Störten mich so wenig wie die private Seance oder familiäre Hausmusik. Doch manchmal veranstaltest du Lesungen. In Leihbüchereien, vor Freundinnen und Freunden, Bekannten und perückentragenden Hausfrauen. Dort lebt die Form in formaler Laxheit. Du willst ja nicht erzählen, du möchtest aussagen, du Didakt, du. In einer Reihe sitzt du, stotterst und bist bleich. Ist das Kunst. Manchmal liest du Gedichte, Reimen jedoch wirst du auf keinen Fall. Du bist ein Zeilenzerfetzer. Den Reim haßt du, denn du bist frei, du Progressist. Applaus willst du keinen, du Abgesicherter, und die anschließende Diskussion findet nicht statt.
Der eigentliche Grund aber, warum du Mehlbeutel bist, liegt darin, daß du ab und an beschriebenes Papier an den Salbader. schickst. Wir müssen darin Erbrochenes lesen wie »Ich leide./ Ich sitze und schaue und leide./ Und leide./ Der Tag war furchtbar,/ Ich bin ganz fertig./ ...« Und mir wird davon immer sehr, sehr schlecht, Junger Autor, weißt du das?
