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Horst Evers: Eine Kriminalgeschichte

Zeichnung von Salbader.-Redaktion

Es war eine Donnerstagnacht, daran erinnere ich mich noch ganz genau. Ja, der gesamte Vorfall, jedes Detail ist mir noch in solchem Maße gegenwärtig, als wäre es erst gestern gewesen. Aber, wie sollte es auch anders sein, bedenkt man den Grad des Eigenartigen, des Geheimnisvollen meines Erlebnisses.

Schon weit nach Mitternacht war es, als ich mein Buch zur Seite legte. Vollkommen allein in meiner Wohnung hatte ich mich durch die spannende, wenn auch zuweilen recht blutrünstige Kriminalgeschichte der Autorin Martha Grimes zur Gänze gefangennehmen lassen. Nur mühsam fand ich in die Wirklichkeit meiner bescheidenen Parterre-Wohnung zurück, obschon mir der Lärm der Straße, welcher durchs offene Fenster in mein Zimmer drang, dabei nach besten Kräften half.

Nach einer Entspannungszigarette spürte ich ein Ziehen in den Lenden. Nur zu gut kannte ich dieses Zeichen. Schwerfällig hob ich mich aus dem Sessel und schleppte mich müde zur Toilette. Ich drückte die Klinke und mein Gesicht erhitzte sich schlagartig auf mindestens 40 Grad. Die Toilette war besetzt, von innen verschlossen.

Wirre Gedanken schossen mir durch den Kopf, wie konnte das sein, ich war doch definitiv allein zu Haus. Mein Mitbewohner war für vier Wochen in der Schweiz, noch gegen sechs hatte ich mit ihm telefoniert und außer ihm besaß niemand einen Schlüssel für die Wohnung.

Zeichnung von Salbader.-Redaktion

Ich ging zur Wohnungstür. sie war fest verriegelt, auch alle Fenster, außer meinem waren geschlossen und nirgends die Spur einer gewaltsamen Öffnung.

Ich ging zurück zur Toilette, um nochmals die Klinke zu drücken. Die Tür war verschlossen. Ich klopfte. Nichts geschah. Ich rief. Hallo, ist da jemand! Stille.

Gerade wollte ich beginnen auf die Tür einzutrommeln, als ich einen kleinen gelben Postzettel bemerkte: Schauen Sie bitte sofort in ihren Hausbriefkasten.

Verwundert riß ich den Zettel ab, ging zum Briefkasten und fand tatsächlich einen schwarzen Umschlag. Ich erbrach diesen, kaum daß ich zurück in der Wohnung war und fand einen Brief mit einem aus ausgeschnittenen Zeitungsbuchstaben zusammengesetzten Text. Ich las:

Schieben Sie sofort 250.- Mark in kleinen
Scheinen unter der Toilettentuer durch.
Dann legen Sie sich aufs Bett und fesseln
sich an Fuss- und Handgelenken. Wenn Sie
alle Anweisungen korrekt ausfuehren,
sorge ich dafuer, dass man Sie noch heute
nacht findet und befreit.
Wenn Sie die Polizei einschalten sehen
Sie ihre Toilette nie wieder.

Sofort griff ich zum Telefonhörer, was interessiert mich das Klo, dachte ich, das ist schließlich Sache der Hausverwaltung..., aber andrerseits, ich zögerte, wie lange das wieder dauern würde, der Irre wird ja wohl auch sprengen, da geht doch nicht nur das Klo kaputt, und außerdem, irgendwie häng ich ja schon an meinem Klo, den Kartoons, der roten Bürste und überhaupt. Wieviele schöne ruhige Stunden wir miteinander verbracht hatten und wie nah wir uns dabei waren, nein, wir hatten keine Geheimnisse voreinander.

Zeichnung von Salbader.-Redaktion

Ich hatte keine Wahl. ich mußte meine Toilette retten. Allerdings hatte ich keinen Pfennig Geld im Haus. Was sollte ich tun?

Ich riß mich zusammen und klopfte nochmals an der Tür: Ich, ich habe Ihren Brief gelesen, hören Sie, ich würde Ihre Forderung ja gerne erfüllen, aber ich kann es nicht, ich habe keine müde Mark da.

Stille. War da überhaupt irgendjemand?, irgendetwas? Ich legte mein Ohr an die Tür, um zu horchen. Atmete da jemand? Erneut erhob ich die Stimme:

Hören Sie, ich habe keine 250.- Mark da!

Gut. Ich erschrak. Es war tatsächlich jemand auf meiner Toilette. Dann holen Sie es eben morgen von der Bank.

Bank?!?, ich war verzweifelt. Das geht auch nicht. Ich habe Schulden, mein Dispo ist weit überzogen, die geben mir nichts mehr.

Erneut Stille. Er überlegte wohl.

Haben Sie Münzen?

Nein.

Briefmarken?

Ach was.

Wertpapiere?

Woher?

Schmuck?

Versetzt.

Gemälde?

Hören Sie!

Fernsehn?

....

Ich zuckte zusammen. Nein nicht den Fernseher, bitte nicht den Fernseher. Meine Stimme begann weinerlich zu kreischen.

Schon gut. schon gut, beruhigen Sie sich doch. Die Stimme des Mannes bekam jetzt beinahe etwas väterliches. Versuchen Sie doch auch einmal mich zu verstehen. Meinen Sie etwa ich mache das gern hier? Ich könnte mir auch bessere Jobs vorstellen.

Ich wischte mir die Tränen aus den Augen. Ja natürlich, es geht auch schon wieder.

Na also, dann mache ich Ihnen jetzt mal einen Vorschlag wie wir beide die Angelegenheit hier regeln können, und sich trotzdem keiner übervorteilt fühlt. Sie haben doch bestimmt ein paar Vorräte im Haus, oder?

Doch, klar.

Schön, und nu sag ich Ihnen mal was. Ich bleib einfach für eine Woche hier in der Toilette, sie kochen in der Zeit für mich, reichen mir ab und zu ein Buch oder ne Tageszeitung rein, machen vielleicht das Radio etwas lauter und nach einer Woche ist die Sache für uns beide erledigt. Is das fair?

Ich war einverstanden.

Da ich nun tatsächlich ein hervorragender "Koch mit geringsten Mitteln" bin, und mein Gast auch nicht zu wählerisch bei Zeitungen, Büchern und Radioprogrammen war, kamen wir die Woche über auch recht gut miteinander aus.

Dumm war nur, daß ich nicht auf meine Toilette konnte. Nach vier Tagen war ich bei allen Hausbewohnern schon einmal mit der Ausrede: Entschuldigung, ich hab gerade WC-Reiniger in meiner Toilette, muß aber so nötig..., aufs Klo gegangen. Der zweite Umlauf war schon schwieriger und als ich das dritte Mal bei Frau Jahnes klingelte, klärte mich die gute greise Frau darüber auf, daß sie auch schon einmal Wasserflöhe in der Toilette gehabt hatte und noch gut wüßte, wie unangenehm das war.

Etwas mehr als eine Woche war vergangen, als ich gegen Abend in die Wohnung kam und die Toilette offen vorfand. Sie war leer. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel: Es war sehr nett. Vielen Dank.

Mein Klobesetzer war, also wieder verschwunden, genauso lautlos und geheimnisvoll, wie er gekommen war. Bis heute weiß ich nicht, wie er in die Wohnung gekommen ist, wie alt er war, wie er hieß, ja noch nicht einmal wie er aussah, denn ich mußte ihm immer alles vor die Tür stellen und dann kurz die Wohnung verlassen. Aber irgendwie habe ich ihn gemocht.

Zwei Tage nach seinem Auszug klingelte es an meiner Tür. Es war Fr. Günther aus dem zweiten Stock, ihr Klo sei verstopft und sie müsse so nötig, ob sie nicht einmal....

Lächelnd ließ ich sie ein, denn auf einmal fiel mir auf, daß mein Erlebnis nichts geringeres ist, als die wohl offenste und entlarvenste Anklage gegen Wohnungsnot und Sozialabbau.

Erstaunlich genug.

Zeichnung von Jürgen Witte

Copyright: Horst Evers

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero
Nummer 07
Titelbild
Vorrede
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Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge IX
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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