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Hans Duschke: Andrea

Wenn ich versuche, mich an den letzten Sommeraufenthalt in meinem Heimatstädtchen zu erinnern... Am Wochenende natürlich in die Dorfdisco, etwas außerhalb gelegen, so daß frühzeitig die Rückfahrt organisiert werden muß. Als Neuerung gab es in einem Raum eine Videogroßbildleinwand: Filme, die der hiesigen Jugend gefielen, wurden gezeigt. "Blues Brothers" und "Easy Rider". Und genau hier machte ich an einem Freitagabend eine Eroberung. Oder umgekehrt. Wenn ich bedenke, wie leicht alles ging.

Auf jeden Fall verbrachte ich die Nacht bei Andrea. Und aus irgendeinem Grund, an den ich mich nicht mehr genau erinnere, schliefen wir nicht miteinander. Und als ich sie am nächsten Morgen verließ, wahrscheinlich um das Familienmittagessen nicht zu versäumen, lud sie mich ein, am Nachmittag wieder zu kommen, und war überrascht, als ich tatsächlich kam. Da liebte sie mich.

Sie präsentierte Tee und DeBeukelaer-Doppelkeks - oder war es doch schon Rotwein? -, aber als ich die Vorhänge zuziehen wollte, sagte sie, wir sollten noch in den Schloßpark gehen, dort würden heute Bands spielen, und es seien eine Menge Freunde von ihr da, und sie müsse unbedingt hin, und ich unbedingt mit.

Und im Park waren tatsächlich alle da und hatten Wein und Decken und Dope mitgebracht, und es gab auch eine Bühne - ein LKW-Anhänger -, und der Gitarrist, der Van Halens Gitarrensolo so perfekt kopieren konnte, das war ihr Ex-, und auch ansonsten kannte sie einfach jeden, und, den Arm um meine Hüften, schob sie mich hier und dort hin und erzählte allen, daß ich aus Berlin sei und Student und den Sommer hier verbringen würde. Zwei, drei Wochen. Wer weiß.

Später gingen wir zurück zu ihr, und ich wurde ihrer WG vorgestellt. Es fiel mir erst später auf, wie unglaublich wenig Interesse Andreas Neuer auf sich zog.

Dann wurde es Schlafengehenszeit, und ich stellte mich unter die Dusche. Ich kam zurück und kroch unter die Decke. Aber nun mußte das Licht gelöscht werden, befand sie, einzig eine Kerze dürfe Licht spenden. Und dann erkannten meine Hände, daß sie einen Badeanzug trug. - Das sei wegen der Verhütung, sagte sie und erzählte von ihren Abtreibungen, sie würde die Pille nicht vertragen. So erregten wir uns nur und genossen es, bis kurz vor den Punkt des Kontrollverlusts vorzudringen. Irgendwann, sehr spät, schliefen wir ein.

Ich war nun ihr fester Begleiter geworden, sie zog mich in ihr Leben.

Sie hatte immer viel zu tun, obwohl sie nicht arbeitete, sie mußte Leute besuchen.

Nachts erfand ich Märchen für sie: von unseren acht Kindern, und wir stritten uns um die Namen, und sie gab mir immer Recht.

Durch sie lernte ich mein Städtchen neu kennen. Nicht mehr der Dunstkreis der Gymnasiasten und ihrer Eltern in ihren Einfamilienhäuschen, sondern junge Leute, Arbeitslose, Looser.

Ich lernte Andreas Familie kennen: fünf Geschwister auf einem Bauernhof, der Vater arbeitete in der Stadt, und sah zum ersten Mal eine Art Landkomune.

Alles war leicht und flüchtig, denn ich würde ja bald wieder fahren. Andrea genoß den Abschiedsschmerz, bevor er da war.

Es war Sommer, aber ich ging nur selten baden - in der nahen Nordsee.

Aber war das das Glück? Ich genoß meinen Status, aber waren nicht alle anderen - alles andere viel interessanter als meine - nun ja Fast-Geliebte?

Worüber konnten wir noch sprechen? Und ich weiß nicht wie, - vielleicht weil ich damals Psychologie studierte. - es drängte sich ein Thema in den Vordergrund: Andreas Therapie. Bzw., daß Andrea eine Therapie bräuchte, das wäre doch sicher auch meine Meinung, oder? Ich könne doch sehen, daß...

Und alle glaubten, daß ich einen guten Einfluß auf sie habe, und ich könne doch sehen. daß sie schwer gestört sei. Allein schon diese ganzen Männergeschichten, immer.

Davon hatte sie mir auch allerhand erzählt und irgendwann sprach auch sie das Thema an und fragte mich, ob ich nicht auch meine, daß eine Therapie für sie 'ne gute Sache sei. Ich studierte wie gesagt damals Psychologie und war der Meinung, daß allen Menschen eine Therapie helfen würde und sagte ja. So hatten wir ein Thema.

Sie wurde immer Quirliger, immer unruhiger. Sie langweilte mich.

Ihre Freunde luden mich ein. Zuerst nur um über sie zu sprechen. Doch nicht lange.

Sie organisierte eine Party: für mich (ich hatte meine Freunde nicht eingeladen) und schloß sich dann auf dem Klo ein. Durch die Tür redeten die Gäste auf sie ein. Ich stand ein wenig abseits und jemand berichtete mir von ihrer Selbstmordversuchen, wobei er den letzten besonders hervorhob: als sie sich mit einer Überdosis Aspirin vergiften wollte. So hatte ich mir meine Sommerliebelei denn doch nicht vorgestellt. Ich wollte wieder raus aus der Beziehung, aber ich wollte, daß sie mich verließ. Ich dachte, daß würde ihr gut tun, und wenn sie mich hinterher für ein Arschloch halten würde... Ich war bereit diesen Preis für einen für sie - günstigen Ausgang unserer Affäre zu zahlen. Einmal sollte sie stark sein. Ich ließ meine Gleichgültigkeit stärker durch scheinen, ich behandelte sie schlechter, sie sollte böse auf mich sein. Sie wurde aber nur traurig.

Schluß. Aus. Zurück nach Berlin, wo die Menschen ihren Seelenschrott besser unter Kontrolle haben. Laßt Selbstdarsteller um mich sein.

Zeichnung von Salbader.-Redaktion

Copyright: Hans Duschke

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero
Nummer 07
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Vorrede
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Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge IX
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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