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Andreas Scheffler: Offener Schlußakt

Der Sex war gut gewesen. Nun lagen sie erschöpft in den Kissen, rauchten die übliche Zigarette und tranken. Am Gipfel hatte sie geschrien. Sie hatte gelernt, nichts zu erwarten, umso mehr bekam sie, und bei jedem Höhepunkt war sie aufs Neue überrascht, zu welchen Empfindungen der Mensch in der Lage ist.

Auch jetzt, wo sie aufeinander eingespielt waren, erwartete sie nichts. Er tat es genauso. Gegen Enttäuschungen waren sie abgesichert.

Der Mann griff zur Whiskyflasche auf dem Nachttisch und schenkte ihnen beiden ein. Im Fernsehn schaute Vincent Price seinen dekadenten Blick in einem Roger Corman-Film.

"Ich werde die Initiative ergreifen müssen", dachte sie bei einem Schluck Whisky. Bald würde der Alkohol ihn lahmgelegt haben, und auch ihre Empfindlichkeiten waren von einem gewissen Punkt an nicht mehr der Rede wert. Sie ergriff die Initiative.

Auch diesmal war es schön, nicht so fahrig, dafür ruhig und entspannt. Noch einige Zigaretten, zwei, drei Schnäpse und einige Worte von Zusammengehörigkeit, dann schliefen sie, einander in den Armen haltend, ein.

Sie hatten sich in einer Kneipe kennengelernt, als flüchtige Bekannte an einem großen Tisch. Schließlich waren sie zu zwein gewesen, beide allein mit ihrem Bierglas und ihrer Unzufrieden- und -befriedigtheit. Er mit seinen hehren melioristischen Ansprüchen in einer Umgebung von Ignoranz und Borniertheit. Sogar politisch-aktiv war er gewesen, bis er gemerkt hatte, daß er für einen Don Quixote einfach nicht verrückt genug war. Seine Liebesversuche (oder waren es Ausflüchte?) waren sämtlich mißlungen an zu hohen Ansprüchen. An seinen zu hohen Ansprüchen. Doch er nahm es seinen entflohenen Geliebten nicht übel. Er war getäuscht worden, doch sie nicht minder. Liebesfähigkeit ist eine Mangelerscheinung im technokratischen Faschismus. Er wollte niemanden mehr überfordern. Seine nüchternen Nächte (es waren nicht viele) hatte er mit schweißtreibenen Visionen aus Verfolgung, Gewalt und Sex verbracht, ohne Aussicht auf Erlösung. Ein morbider Zustand zwischen Melancholie und Aggression. Zweisame Intermezzi hatte er geflohen. Der allmähliche Verfall war ihm erträglicher erschienen, als das permanente Erwarten einer Kündigung. So hatte er es sich eingerichtet im Dämmerlicht, und nichts war unwichtiger als die Zukunft.

Zeichnung von Salbader.-Redaktion

Sie wirkte unscheinbar und schüchtern, phlegmatisch und kraftlos, den Anforderungen einer lustlosen Zivilisation nicht gewachsen. Seit sie erkannt hatte, daß die Familie ihr einen Mangel an eigenem Willen anerzogen hatte, verweigerte sie sich jeder Liebesbeziehung aus Angst vor zu großer Vereinnahmung. Die allgemeine Unfähigkeit zur Freiheit hatte sie in eine Abscheu versetzt, angeborene Pflichten zu erfüllen. Sie hatte sich gesehnt nach Geborgenheit, ohne gerade denen, die sich ins sogenannte Unvermeidliche fügten, zuzutrauen, dieses Gefühl zu vermitteln. Allgemein war das Zusammenleben ein Geschäft, und ein Geschäft lebt davon, mehr zu erhalten, als zu geben. Dazu war immerwährend das Verlangen in ihr gewesen, das Verlangen nach befriedigter Wollust in Verständnis. Sie war ohne Hoffnung; eine Erwartung von nichts.

Sie waren allein. In einem verzweifelten Akt gegenseitigen Verstehens hatten sie sich ihre Geschichten erzählt. Und irgendwie war es gekommen, daß sie in stummer Übereinkunft, einer beiderseitigen Eingebung folgend, zusammen nach Hause gegangen waren. Sie liebten sich nicht, aber sie brauchten einander im Unwillen zu dem hoffnungslosen Kraftakt eines Neubeginns. Sie brauchten einander, und das war mehr als Liebe. Keine Erklärungen und Rechtfertigungen waren nötig. Niemand brauchte die letzte Etappe allein zu gehen. Und so war es gut.

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero
Nummer 07
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Vorrede
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