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Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge IX

Was bisher geschah:

Privatdedektiv Viktor Orloff sucht seit Monaten - auch im eigenen Interesse (Gummiallergie) - die Pflanze, die Aids besiegt. Erfolglos. Nach Streitigkeiten mit seinem ehemaligen Auftraggeber (Rosapharm, Bad Schwartau) flieht Viktor nach Berlin, wo er vier jungen Männern begegnet, die behaupten, ihn erfunden zu haben. (Selbstreferentialität)

Folge IX: Reise ín die Vergangenheit

von H.D.

Neun Wochen saß ich schon in dieser billigen Absteige in Berlin Köpenick. "Zur Linde." Und wartete. Ich weiß nicht worauf. Vielleicht, daß die Schußverletzung entgültig ausheilen würde, oder auf... Irgendwas. Einen Auftrag. Eine Aufgabe. Den Fingerzeig Gottes. Was weiß ich.

Ich lag die meiste Zeit auf dem durchhängenden Bett und starrte die Blumentapete an. Ab und an versuchte ich meine Zimmernachbarn zu belauschen, gab es aber bald wieder auf. Sie waren zu langweilig.

Mittags schlug ich mir den Wanst voll mit Rouladen und Apfelrotkohl. Das gab mir ein Gefühl von Heimat, zu Hause sein - back in the DDR. Am späten Nachmittag wälzte ich mich noch einmal hoch, um Rotwein und Zigaretten zu holen. Dann lag ich auf dem Bett, hörte Radio - die Empfänger im Gasthof kannten nur Mittelwelle -, rauchte. trank und wartete. Auf nichts.

In den Klauen der Depression. Ich sollte damit aufhören, Privatdedektiv zu spielen, dachte ich. Die Pflanze, die Aids besiegt, das war längst eine Farce. Und die Gummiallergie? Nun, das war keine Farce, aber wie wär's mit Schafsdarmkondomen? Warum nicht. Und ich könnte ein ruhiges Leben führen als Nachtwächter, Kaufhausdedektiv oder beim Wachschutz.

Ich hatte niemanden in Berlin. Dr. Strehnschlaaf war zum korrupten Kasper mutiert, ein Melancholiker mit einer gefestigten Weltanschauung. Von ihm war weder Trost noch Hilfe zu erwarten. Außerdem hatte er ständig diese Gestalten um sich, die vier jugendlichen Rabauken, die behaupteten, mich erfunden zu haben. Unerträglich.

Ab und an hatte ich einen von ihnen gesehen, wenn ich die Gardine meines Zimmers zur Seite schob. Sie beobachteten mich offenbar. Ihr kleines, kindisches Leben war ihnen anscheinend zu langweilig geworden, und sie glaubten, indem sie mich beobachteten, würde ein wenig Licht auch auf sie fallen.

Irgendwann hatte ich die Schnauze voll von diesen Amateuren. Ich steckte die 38er ein und verließ die Pension, um ein wenig spazieren zu gehen. Da war dies Kind auch schon, mich zu verfolgen. Unten am See stellte ich ihn. Es war der große mit der Nase und der altklugen Nickelbrille, der am penetrantesten von "Selbstrefe-bla-bla-bla" gequallt hatte. Zuerst freute er sich, mit mir sprechen zu können, erst als ich ihm einen linken Haken verpaßt hatte, kam sein Mundwerk zum Stillstand. "Hör zu", sagte ich dem Vertreter der oberschlauen Bande, "ich kann es nicht leiden, wenn man mich beschattet. Konnt' ich noch nie. Kapito?" - "Aber, Viktor, wie hast Du... wie haben Sie das denn 'rausgekriegt? Wir waren immer so vorsichtig." - "Druff jeschissen. Und jetzt hör mal zu: Wenn ich einem von euch Pflaumen noch mal über'n Weg laufe, dann kommt ihr nicht so glimpflich davon wie Du jetzt." Zwei Handkantenschläge und er lag am Boden. Ich trat noch einmal nach und ging darin meines Weges.

Von irgend welchen Trotteln, die mich angeblich erfunden haben, hab' ich seitdem nichts mehr gehört oder gesehen.

Aber gut tat es mir, mal wieder ein wenig Sport getrieben zu haben, und auch zu sehen, wie leicht es immer noch ist, mit Leuten fertig zu werden, die zwanzig Jahre jünger sind als ich. Meine Kraft kehrte zurück. Ich beschloß Berlin zu verlassen. Aber wohin. Ohne Auftrag.

Ich hatte noch ein wenig von dem Geld, daß ich Rosa-Pharm unterschlagen hatte, so konnte ich Urlaub machen. Vielleicht nach Gera. Sentimental journey. Eine Reise in die Vergangenheit.

Am nächsten Tag holte ich mir ein Ticket. Die Züge waren so langsam wie damals, wie alles in der DDR, aber erstmals gab es eine richtige erste Klasse. Mit mir waren drei westdeutsche Geschäftleute im Abteil, die sich Witze über die Dummheit der Zonis erzählten und Addressen austauschten von Damen, die sauber, unverbraucht und preiswert - zu allerlei Eskapaden bereit wären. Einer erzählte schließlich, er habe in der DDR ein ganz großes Ding vor, nur müsse er dazu einige Einheimische einstellen, und da habe er, die anderen nickten, einige Bedenken. "Kein Wunder", sagte der Dritte, "die Besten Leute kann man ja nicht nehmen, die waren ja bei der Stasi." Da mußten sie lachen und ich verließ das Abteil.

In Gera hatte sich nicht viel geändert, in 14 Jahren. Der graue Gestank war derselbe, nur die Neonleuchtreklame war neu. Und die vielen West-Autos mit Ost-Nummernschildern, von denen jeder zweite sich selbst zum Verkauf anbot. Weit unter Preis. In der Hauptstraße war die Deutsche Bank eingezogen, nebenan ein Sex-Shop.

Ich wollte die alten Plätze aufsuchen und ging in die Speisegaststätte "Zum Hirschen". Aber das Lokal hatte immer noch die selben Öffnungszeiten: 8.00 - 18.00 Uhr; 12.00 - 14.00 Uhr Mittagspause, und so machte ich erst, einmal einen Spaziergang durch die Stadt. Der Rasen im Park war von dem gleichen schwefligen Gelb wie damals, und die Menschen wie immer apatisch und träge. Die berüchtigte Trinkwasseraufbereitung war offenbar noch in Betrieb.

Endlich war der Hirsch geöffnet. Ich setzte mich an einen der mit Wachstuch gedeckten Resopaltische und bestellte einen Rotwein. Bulgarischer. Und wartete. Auf nichts. Jetzt wußte ich es. Ich wartete auf nichts. Ich stierte ins Glas, es wäre die passende Gelegenheit gewesen, das Leben Revue passieren zu lassen, aber schon der Gedanke daran verursachte mir Kopfschmerz.

Zwei Stunden muß ich so da gesessen haben, als mir eine fleischige Hand auf die Schulter schlug: "Mensch, wenn das nicht Willhelm Orlowski ist! Altes Haus. Wie geht's denn so? Muß ja, was?"

Ich glaube, ich wurde kreidebleich. Weber Zwo! Herrman Weber, mein alter Stasi-Kumpel. Ein Radfahrer, wie er im Buche stand. Einer, der schon mal kräftig treten konnte. Fett war er geworden. Die Stimme unangenehm belegt, vom Alkohol und den Zigaretten, die Haut lapprig und grau. "Weber Zwo!", ich versuchte Freude in meine Stimme zu bringen, "das ist ja ewig her..." - "Das kannste wohl laut sagen. Zehn Jahre... mindestens." - "Und... was machste jetzt?" - "Ah, weißt Du, nachdem die Firma abgewickelt wurde... erst mal arbeitslos. Aber mittlerweile bin ich wieder oben auf." Ich staunte nicht schlecht. Weber Zwo war Spezialist für's Postgeheimnis. Er konnte nichts anderes. Das solche Leute schon wieder gebraucht wurden...

"Weißt Du", begann er, "hier in Gera sind wir alle übernommen worden. Aber nicht vom Staat. Kommst Du nie drauf. Scientology! Guter Job, gutes Geld. Was will man mehr..." Ich brauchte dringend einen Wacholderschnaps und rief nach der Bedienung. "...Die sind ganz groß eingestiegen, im Bezirk. Laboratorien und all sowas, na Du kennst das ja. Hat wohl irgendwie was mit Aids zu tun. Frag mich nicht. Is mir auch gleich.

Und Du? Wie isses Dir denn ergangen, nachdem Du rübergemacht hast. Weißt Du noch, damals? Du warst 'n echter Profi..."

"Der Beste", sagte ich, aber ich war in Gedanken ganz woanders. Aids, Scientology, Laboratorien... Das war s. Der Fingerzeig Gottes, auf den ich gewartet hatte.

Was tut die Scientology-Kirche im Bezirk Gera? Wird Viktor Orloff Mitglied? War die erneute großartige Anstrengung des Autors, diesen Fortsetzungsroman zu retten, vergebens? Wird' Viktor bald sterben? Oder gibt es doch noch eine vernünftige Geschichte?

Fortsetzung folgt

Zeichnung von Jürgen Witte

Copyright: Hans Duschke

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero
Nummer 07
Titelbild
Vorrede
Andreas Scheffler: Und überhaupt Kvara Bistroj: Kalter Arsch Hans Duschke: Ein kurzer Blick in die Medien Bov Bjerg: Kackvogel des Monats Andreas Scheffler: Mehlbeutel des Monats Andreas Scheffler: Duden, Deutsches Universalwörterbuch Bova Bovsson - Konradottir: Das Räuspern Hans Duschke: Vier fast unverständliche Bemerkungen Jürgen Witte: Drei Gedichte Horst Evers: Eine Kriminalgeschichte Hans Duschke: Andrea E 338: Wer A sagt, mu? auch B sagen Andreas Scheffler: Offener Schlußakt
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge IX
Kvara Bistroj: Der Ausländer
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