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Horst Evers: Brinks

Aus der Reihe: 70 Romananfänge

Folge 23: Der klass. Kriminalroman

Tap tap tap tap. Tap tap, taptaptap, tap tap, tap, tap, tap.

Müde, schwächlich, aber unabläßlich tröpfelte der Regen durch das offene Fenster.

Thomas Brinks haßte diesen Regen. Er haßte auch den Sonnenschein. Am meisten aber haßte er alle Witterungen, die irgendwo zwischen Sonne und Regen lagen.

Seit mehr als einer halben Stunde starrte er nun schon in den kalten, nassen Donnerstagmorgen hinaus. Brinks verabscheute Donnerstage, Montage widerten ihn an, Dienstage fand er gräßlich, der Mittwoch erinnerte ihn an seine Mutter, für Freitage hatte er nur Ekel übrig; das Wochenende aber, das Wochenende haßte er.

Ärgerlich schnippte Brinks seine Zigarette heraus und schimpfte ihr noch etwas nach. Er haßte diese Zigarette.

Vor 20 Jahren hatte mit dem Rauchen angefangen, denn damals war er gerade Privatdetektiv geworden und Privatdetektive rauchen nun mal schon von jeher. Seit zwei Jahren aber versuchte er es sich wieder abzugewöhnen, weil moderne Privatdetektive sich immer gerade das Rauchen abgewöhnen, es jedoch nie schaffen. Warum weiß keiner, auch Brinks nicht und dafür haßte er seinen Job.

Um sich zu entspannen fischte er eine kleine Spinne aus dem Terrarium und begann ihr die Beine auszuzupfen. Brinks lächelte, er mochte die Spinne. Als sie keine Beine mehr hatte, wurde es ihm aber wieder langweilig, und er schnippte den übriggebliebenen kleinen Gnubbel durchs Fenster.

Brinks' Gedanken begannen wieder einmal zu schlafwandeln. Verdammt, eine Stunde sitz ich hier jetzt schon rum und nichts passiert. Jeden Moment muß doch die Tür aufgehen und mir irgendwer irgendeinen kniffligen Fall bescheren. Sonst hat das hier doch alles keinen Sinn.

Brinks wußte genau, daß er und alles um ihn herum nur Fiktion war. Er war nicht dumm. Ihn gab es nur, damit er einen ungewöhnlichen und gefährlichen Fall lösen konnte. Das er in seinem Büro saß und nix passierte war Blödsinn. Wütend trat Brinks eine Schreibtischtüre ein. Das Warten machte ihn wahnsinnig.

Gerade überlegte er, ob es ihm Spaß machen würde, eine junge Eidechse aus dem Terrarium in den Reißwolf zu werfen, als es klopfte.

Endlich, dachte Brinks, und schnauzte sein Bäh gegen die Tür. Er haßte diese Tür, die sich sogleich, wie um ihn zu ärgern auch noch öffnete.

Brinks erkannte sofort, daß sich unter der schlichten schwarzen Kleidung der Eintretenden eine wunderschöne Frau verbarg. Ihre scheuen, blauen Augen leuchteten ihn an.

Thomas Brinks?

So stehts zumindest an der Tür, blaffte Brinks zurück, womit wollen Sie mir denn den Tag verderben.

Ich habe vielleicht einen Fall für Sie. Sind Sie interessiert?

Kommt drauf an. Haben Sie auch einen Namen?

Die Frau blickte auf den Schreibtisch mit den losen Spinnenbeinen.

Ja, aber der tut nichts zur Sache. Es geht mehr um meine Familienverhältnisse.

Also Scheidungsfall.

Nein. Das ist sozusagen schon erledigt. Ich bin, das heißt ich war 12 Jahre glücklich verheiratet. Wir hatten vier Kinder und einen Hund. Aber heute morgen beim Frühstück habe ich sie alle erschossen: den Hund, die vier Kinder und meinen Mann. Das hier ist die Tatwaffe.

Lächelnd öffnete sie ihre Handtasche und legte eine 38er Magnum auf den Schreibtisch.

Brinks war verwirrt. Und ich soll jetzt die Leichen für Sie wegschaffen?

Nein, wieder lächelte die unauffällige Schönheit, ich denke, das ist Sache der Hausverwaltung. Ich habe auch gleich nach den sechs Morden meine Sachen gepackt und bin zuhause ausgezogen. Es wäre einfach nicht mehr so wie früher gewesen. Was ich von Ihnen möchte, ist das Motiv. Es ist doch nicht normal, daß eine junge Frau 12 glückliche Jahre in ihrer Familie verlebt und dann plötzlich nach dem Frühstück ihren Mann, den Hund und alle vier Kinder erschießt. Dafür muß es doch einen Grund geben.

Schon, schon, Brinks fühlte sich wie ein Goldfisch den man mit handbreiten Rindersteaks gefüttert hatte, und diesen Grund soll ich ich jetzt für Sie herausfinden.

Ja, bitte, am Geld solls nicht scheitern. Sie legte einen auffallend ordentlich gebündelten Stapel Hundertmarkscheine auf den Tisch.

Brinks starrte erst auf die Frau, dann auf das Geld, dann wieder auf Sie.

Okay, dachte er, irgendetwas verschweigt Sie mir, irgendwas ist unlogisch an der Geschichte, aber ich werde es herausfinden. Verdammt. Und wenn ich alle Spinnenbeine der Stadt rausreißen muß. Ich werde den Fall annehmen.

- Ende des ersten Kapitels -

Copyright: Horst Evers

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
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