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Hinark Husen: Meine Begegnung mit Björn

Ich war noch ein kleiner, zufriedener Junge vom Lande, meine Geschwister und ich hatten ein Wellensittichpärchen zuhause, das Männchen hieß Harry, weil es immer Loopings um die Käfigstangen drehte und dabei ständig herunterfiel, das Weibchen hieß Karlchen. Natürlich klingt das auch nach einem Männchen, aber Karlchen ist abgeleitet von Karolin, und das ist abgeguckt von der Fernseh-Serie "Drei ist einer zuviel", die vor ca. 15 Jahren im Vorabendprogramm des ZDF lief, mit Jutta Speitel, die hieß eigentlich Carolin, aber ihr Spitzname war Karlchen.

Meine Schwester, der die Wellensittiche ja eigentlich gehörten, hat das so toll gefunden, daß sie nun unser Weibchen auch so nannte. Ich sollte vielleicht noch erwähnen, daß Harry bereits Karlchens zweiter Mann war, ihr erster - Nicki - ist mit sechs, also in seinen besten Sittichjahren, trotz intensiver Bemühungen unseres Tierarztes Dr. Hinkerohe von uns gegangen. Karlchen ist immerhin fast 12 Jahre geworden, Harry lebt noch immer und zwar bei Bekannten im Aus- und Übersiedlerstädtchen Espelkamp im Kreis Minden.

Wir haben damals viele lustige Sachen erlebt mit unseren Sittichen und seit jenen Tagen bin ich ein ziemlicher Vogelfreund geworden, was auch heute noch so manches mal durchbricht.

Neben meinen gefiederten Freunden hab ich im Gegensatz zu meinen Kollegen aus dem Frühschoppenteam auch ein Faible für Kleinkinder und neulich kam mir ein Exemplar dieser Spezies völlig weinend und aufgelöst unter die Fittiche. Eigentlich hatte ich es recht eilig, aber diesmal ging das Leid der Jugend vor. Joschka Fischer hatte ja mal in einer Talkshow zu recht gesagt, wenn wir damals, also vor '33, eine solch aufgeweckt-politische Jugend wie die heutige gehabt hätten, wer weiß, wie die Geschichte dann ausgegangen wäre. Ich bückte mich zu dem kleinen, weinenden Mädchen herunter und redete beruhigend auf sie ein, wobei mir meine 20monatige Tätigkeit in einem Heim für geistig behinderte Kinder zugute kam: "Was ist dem armen Heidilein denn Böses widerfahren?"

Nach einem eher als zäh zu bezeichnenden Gespräch erfuhr ich von dem miniaturisiernten Blondschopf, daß sein Name nicht Heidilein, sondern Björn sei (hiermit verfluche ich alle Eltern, die ihre eh schon androgynen Achtjährigen derartig geschlechtsneutral kleiden). Björn erzählte mir dann, daß Harry weg ist. HARRY, bei mir klingelten die Alarmglocken, sofort standen Jutta Speidel, Dr. Hinkerohe und dieser dämliche Piepmatz vor meinem geistigen Auge.

Dank meiner inzwischen profunden ornithologischen Kenntnisse weiß ich, daß entflogenen Wellensittiche sich oft mit Spatzen vergesellschaften und dadurch, weil sie eben auch Körnerfresser sind, eine gewisse Überlebenschance selbst in unseren Breiten haben. Dennoch brauche ich niemanden von der Schwierigkeit zu berichten, einen entflogenen Vogel wieder einzufangen. Dazu braucht es einen absoluten Profi. Aber zunächst einmal galt es, weiter beruhigend auf dieses verschüchterte Kerlchen einzureden.

Zweifelsohne hatte ich gleich zu Beginn den Fehler gemacht, dem kleinen Björn nicht genügend Respekt entgegen zu bringen. Schließlich sind viele Juvenile politisch interssierter als wir Erwachsenen glauben.

Ich begann also folgendermaßen: "Hast Du eigentlich auch schon in der Zeitung gelesen, daß die große Koalition in Berlin äußerst schwierigen Zeiten entgegen sieht, Walter Momper ist wieder groß im Kommen, das könnte Probleme für Eberhard geben, was meinst du dazu?" zu meiner Überraschung hatte Björn sich dazu noch keine tiefergehende Meinung gebildet und ich mußte es anders versuchen: "Weißt du Björn", begann ich tröstend, "am Golf ist damals während des Krieges eine Ölkatastrophe ungeahnten Ausmaßes verursacht worden und da müssen abertausende von Trottellummen, Silber- Sturm- und andere Möwen, Albatrosse, Kormorane und Flamingos elendig zugrunde gehen, da hat es da dein Harry hier jetzt noch richtig gut, vielleicht finden wir ihn ja sogar noch, wo hast du ihn denn zuletzt gesehen."

Björn gab sich, wahrscheinlich ob meines profunden psychologischen Einfühlungsvermögens reichlich wortkarg und deutet nur mit dem Zeigefinger auf den hinter uns befindlichen Park aus dem lautes Sperlingsgeschilpe an unsere Ohren drang.

"Ah ja", warf ich ein, "da ist die Wahrscheinlichkeit ja gar nicht mal so gering, deinen Freund dort anzutreffen! Du wirst sehen, wie ein wahrer Tierfreund das in den Griff bekommt." Ich schlug mich sogleich strategisch in die Büsche, denn es war keine Zeit zu verlieren, zum ersten hatte ich besseres zu tun, als bei Minus zehn Grad nach entflogenen Stubenvögeln zu fahnden, zum zweiten war es in diesem Strauchwerk äußerst verdreckt, Exkremente verschiedenster Art und Konsistenz sowie die obligatorischen gebrauchten Gummis lagen überall verstreut.

Zunächst galt es, sich als Artgenosse zu tarnen, Wellensittich mit einem Lebendgewicht von ca. 70 Kilo sind eher selten, ich mußte nun versuchen durch Stimmimitationen zu überzeugen. Was Vogelstimmen anbelangt, so bin ich allerdings nur bei Türkentaube und Rotmilan ein akzeptabler Imitator, aber ich dachte zur Not tut's auch Spatzengeschilpe und das ist weiß Gott recht simpel.

So kroch ich langsam zum ersten von Sperlingen dicht besetzten Strauch vor und ärgerte mich, daß ich von Björn keine nähere Beschreibung des Vogels eingeholt hatte, schließlich gibt bei Sittichen durch die jahrelange Züchtung die verschiedensten Unterarten, Harlekinschecken, Albinos, die grüngelbe Klassikvariante usw. usw. Als ich noch so schilpender- und kriechenderweise über die Variationsbreite und Farbpalette nachdachte, vernahm ich ein völlig sittich- bzw. spatzenuntypisches Knurren direkt vor mir und sah mich urplötzlich einem ausgewachsenen Pitbullterrier gegenüber, der gerade dabei war genüßlich eine von diesen fliegenden Stadtratten zu zerfleischen.

Das war ein Zwischenfall, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Vor schafsköpfigen Bullterriern habe ich einen beachtlichen Respekt und als sein Knurren in lautes, drohendes Gebell überging, kam mir gerade noch die rettende Idee, mich in die klassische Demutshaltung zu begeben, also auf dem Rücken liegend, alle viere von sich gestreckt, die Kehle zu präsentieren, was bei allen Hundearten eine Beißhemmung provoziert... bei fast allen, denn das markante an Pitbullterriern ist, daß bei ihnen die Beißhemmung praktisch weggezüchtet ist.

Nichtsdestotrotz verschonte die Bestie mich noch, als ein lautes HARRY - HARRY Geschreie an seine Ohren drang. Nun hatte ihn eine typische Reizüberflutung im Griff. Nach bangen Minuten der Unsicherheit entschied sich das Tier, die nur noch in Rudimenten vorhandene Taube und auch mich zu verschonen und trottete gemächlich aus den Büschen, um seelenruhig auf Björn zuzugehen. Ich wollte gerade einen Warnschrei ausstoßen, als ich sah, daß auch der Junge scheinbar ahnunglos auf die Bestie zuging und ihm sogar die blutverschmierten Federn von der Schnauze wischte.

Schlagartig ging mir ein Licht auf, der Harry den ich suchte, war gar kein Sittich, sondern dieser Hund von Baskerville, der monströse Spielgefährte dieses idiotischen Jungen. Während ich so darüber sinnierte, welche stumpfsinnigen Eltern dieses Kind wohl haben möge, fiel mir plötzlich ein, daß es nicht unvorteilhaft wäre mich so langsam aus dieser Demutshaltung herauszubegeben um wieder eine aufrechte Gangart einnehmen zu können. Diese Idee als durchaus positiv erachtend, rappelte ich mich langsam auf und versuchte mich so gut als möglich zu säubern. Gemächlichen Schrittes ging ich auf die beiden zu.

"Besten Dank für deine Hilfe, ey wa, wenn der Harry uff Tauben stößt, denn kennt der nischt mehr, denn schlägt der zu."

"Ich hab's gesehen." erwiederte ich freundlich und verabschiedete mich. Ich hatte mich schon abgewandt, als mir der Junge noch hinterherrief: "Mit dem Golf hast du übrigens total recht, ey, so ölverschmierte Vögel, det würde Harry bestimmt nicht gut bekommen, da hat er's hier echt besser, die Tauben sind im groben ja noch ganz in Ordnung. Einen kurzen Moment überlegte ich, was wohl so eine Flasche Motorenöl in der Tankstelle um die Ecke kosten würde, dann machte ich mich auf den Heimweg.

Copyright: Hinark Husen

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero

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