Andreas Scheffler: Der Schriftsteller
Leben und Werk
Uns (?H.D.) Schreibern wird gern und oft unter stellt - das haben wir mit den Lehrern gemein - wir hätten ein fideles Leben und soviel Muße, daß es schon allerlei Fissematenten bedürfe, diese auszufüllen. Wann schon könne man Lehrer, wie auch Schriftsteller, acht Stunden täglich bei der Arbeit beobachten? - Über unsere Lehrpersonen ist mittlerweile weitreichend bekannt, daß ihre Tätigkeit sich nicht allein auf's Lehren beschränkt. Über der schreibenden Zunft aber schwebt noch immer der Dünkel; und es klebt an ihr das Stigma des Müßiggangs.
Eines muß gleich zu Beginn gesagt werden, nämlich, daß schon allein die Berufsbezeichnung »Schriftsteller« hochgradig unzulänglich ist. Die Profession des »Schriftsetzers« beschreibt zutreffend die ausgeführte Tätigkeit: den Satz vorhandener Wortzusammenhänge. Die fahrlässige Titulierung »Schrift-Stellen« oder auch »-Erstellen« dagegen ist als grobe Auslassung anzukreiden. Nennten wir einen Schlosser lediglich »Schraubendreher«, so würde er mit Recht wegen Rufschädigung seines Standes, hier: Einschränkung des Tätigkeitsfeldes, zu Gericht gehen.
Genau so ist beim Scheiber die Zeit, da er einen Griffel in der Hand hält, nur ein Teil der Arbeit, und zwar ein geringer. Wer von der Wiedergabe unterschiedlichster Lebensäußerungen lebt, ist nahezu ununterbrochen im Dienst. Eine ständige Bereitschaft zur Aufnahme ist vonnöten. Peter Rühmkorf bringt die Maxime auf den Punkt: "Ein Autor sollte nie ohne Pentel und Auffangpapiere angetroffen werden. Einfälle zeigen sich immer nur für kurz und werden wie Traumbilder von der großen Welle des Vergessens wieder eingezogen."
Allzeit bereit also, stets auf der Lauer und mit ausgefahrenen Sensoren, bewegt sich der Schriftsucher und -vorbereiter durch die Wirklichkeit. Und mit einem Mal zeigt sich, wie selbst der Besuch eines Waschsalons - durch die Spiegelfläche der Wahrnehmung gebrochen und in seine Einzelteile zerlegt - eine ganze, zusammenhängende Geschichte erzählen kann, wie das Einkaufen zum Abenteuerspielplatz wird, die U-Bahnfahrt zum Reisetagebuch, der Kneipenbesuch zu einem je nach dem soziologischen Exkurs. Der professionelle Schreiber zehrt vom Erleben, und wenn die Umgebung nicht breitreichend genug ist, muß zwangsläufig aus kleinstem Raum Herzschlag und Stoffwechsel herauserkannt werden. Jede Ölspur in der Regenpfütze ein Stück Poesie, jeder Händedruck eine Novelle, jeder Wortwechsel ein Drama. Das Aufspüren von Unter- und Hintergründen ist hier ebenso Erachtensaufgabe des Schriftplaners, wie das Weben von Zusammenhang und Folgerung.
Schließlich - und nun kommen wir zum Schwierigsten und Nachzehrendsten - muß er sich selbst ins Spiel setzen, sich gleichsam den Einflüssen des Erlebten ungeschützt ausliefern. Schreiben ist nicht allein Gedanken-, sondern mindestens paritätisch Gefühlsleistung. Wer nicht bereit ist, seine eigenen Empfindungen in die Rührschüssel zu werfen, verkommt zum bloßen Dokumentaristen. Und nichts scheint mir verlogener, als die Behauptung, jemand habe sich aus dem Ich vollkommen herausgehalten. Die schulüblich dogmatische Trennung von lyrischem und "tatsächlichem" Ich des Autoren wird mit einer didaktischen Vehemenz betrieben, als sei das schriftstellerische Seelenleben Tabuzone und die Verknüpfung von Darstellung und Biographie etwas Unseriöses.
Damit soll nichts anderes gesagt sein, als daß Leben und Arbeiten eines Schreibers nicht voneinander zu trennen oder auch zu unterscheiden sind.
Es ist einsichtig, daß jemand, der auf Ideen angewiesen ist und - wie jeder andere Mensch auch - über eine schwankende Auffassungsfähigkeit verfügt, nicht in Acht-Stunden-Tagen denken und planen kann. Trotzdem bemerkt Max Brod in einer Mischung aus Verzweiflung und Wut: "Es wird leider immer Spießer geben, die der Meinung sind, es genüge, wenn das Genie »einige Stunden frei« habe, - die nicht verstehen, daß nur sämtliche Stunden des Tages und der Nacht gerade knapp ausreichen, um dem halbwegs ungestörten Kommen und Gehen von Inspiration und Ausruhen die rechten weitausholenden Schwingungsamplituden zu gewährleisten." Wir wollen nicht gleich jedem Autoren die Krone des Genies aufsetzen, halten aber dies Brodsche Wort für ein verständlichen Lamento, gerade da die mit Abstand meisten Schriftsteller ihren Lebensunterhalt durch einen sogenannten Brotberuf zu bestreiten haben. Goethe hatte gut reden, wenn er empfahl, alle "unproductiven Tage und Stunden lieber zu vertändeln und zu verschlafen, als in solchen Tagen etwas machen zu wollen, woran man später keine Freude hat." Wer heute Auftragsarbeiten zu erledigen hat, hat keine Zeit zum Tändeln. - Der freie Schreiber hat den Vorteil, seine Themen aufzuheben, wenn sie ihm über den Weg laufen. Während ihm Leuchtstoff und Themenstellung gleich händchenhaltend entgegenkommen, muß sich der Auftragsarbeiter erst die Lichtwesen herbeizaubern, damit sie seine Überschrift fett unterstreichen.