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Jürgen Witte: Nachträge zum Schriftstellerlexikon (1)

Der Befindlichkeitsprotokollant

Er saß in einem Cafe. Der Nachmittag neigte sich sanft gegen den Abend hin, und er versuchte etwas zu empfinden, das es Wert gewesen wäre, in sein Diarium der Gefühle aufgenommen zu werden. Diese gähnende Leere in Kopf und Herzen. Ungerecht, dachte er, warum nur war sein Leben bisweilen so öd und kahl. Wohin er auch blickte, er sah in die eisig -kalte Fassade der Gesichter von anscheinend längst abgestorbener Biomasse. Menschenmaterial, betäubt von ihren geschäftigen Nichtigkeiten traumwandelte alle Welt durch ein Trugbild, das jeder für das wahre Leben zu nehmen längst gewohnt war. Er aber wagte noch den Blick in die dahinterliegende Tiefe. Er war es, der manchmal diesen dichtgewobenen Schleier zerriß und die Wahrheit wieder ans Licht brachte.

Eine Frau betrat den Wintergarten. Mit hastigen Blicken suchte sie einen freien Platz auszumachen, aber alle Tische waren besetzt, wenn auch zumeist nur von einsamen Wölfen. "Der Mensch ist ein Herdentier, bis zu dem Tag, an dem er zu denken beginnt." Er notierte sich hastig den Aphorismus und sortierte dabei seinen Gesichtszüge, so daß er beim Wiederaufsehen ein Lächeln um seine Mundwinkel zustande brachte. Die Frau aber saß bereits am Nebentisch. Sie zog die Nähe eines anderen, zeitunglesenden Mannes vor. Sie hatte einen Konsumenten der alltäglichen Nichtigkeiten gewählt; ein Garant, so dachte sie wohl, für eine Konversation, die keinesfalls die Ebene der Oberflächlichkeit verlassen soll.

Cafebesucher hatten zumeist Angst, sich an Tische zu setzen, wo ernsthaft gedacht und geschrieben wird, Angst vor den wenigen, die gelegentlich den Drang verspüren tiefer zu blicken. Welche Geringschätzung die Menschen heutzutage den wirklich wichtigen Dingen zu Teil werden lassen. Es verletzte ihn.

Er fügte diese Verletzung dem vielbändigen Verzeichnis seiner Verletzungen an, das er seit seinem sechzehnten Lebensjahr ständig erweiterte. Sein Hauptwerk! Was den Umfang betraf, war es dem Diarium der Gefühle weit überlegen, und doch hing sein Herz an jenem schmalen Bändchen emotionaler Errungenschaften. In den dort niedergelegten Zeilen konnte er sich wiederfinden, wenn die Entfremdung überhand nahm, wenn er spürte, daß er Gefahr lief, von der Kälte übermannt zu werden. Hier waren sie fixiert, seine Tiefe und seine Spontaneität, sein Schmerz und seine Lebenslust. Er war sein idealer Leser; wer sonst, würde ihn jemals so gut verstehen.

Der vom Volk enttäuschte Volksschriftsteller

Ich gestehe es, daß es auch meine Eitelkeit war, die nach einer Befriedigung geradezu lechzte nach diesen polititschen Tiefschlägen, und die mich dazu trieb, kurz vor der Währungsunion diese Rede zu halten. Ich war enttäuscht. Der Lauf, den die Dinge genommen hatten, war nunmehr unabänderlich, und ich wollte damals schon noch so etwas wie ein Zeichen setzen.

"Liebe Ex-Genossen, CDU-Wähler, Drei-Schicht-Proletarier, Arbeiter, oder soll ich euch schon Aktionäre in spe nennen?"

So hob ich an, einen gewissen ironischen Unterton wollte ich schon setzten, bevor ich dann zur Sache kam.

"Der Atem der Geschichte kann gelegentlich Stürme entfachen, und danach ist nichts mehr, wie es einmal war. Auch bei euch, am VEB Fördertechnik und Stahlbau sind die jüngsten Ereignisse nicht ohne Wirkung geblieben. Ich habe es in meiner Anrede ja schon angedeutet."

Irgendwie schien man mich da schon nicht richtig zu verstehen, einige murrten. Aber noch ließ ich mich nicht beirren.

"Ich will mich selbst nicht ausnehmen," fuhr ich fort. "Als ich vor einigen Wochen mehr oder weniger herzlich bei euch aufgenommen wurde als Schriftsteller-Hospitant, da wollte ich hier an Ort und Stelle das Leben der Werktätigen am eigenen Leibe erfahren, um der Figur des Schweißers Herbert Mahlke in meinem nächsten Roman den letzten Schliff zu geben!"

Irgend so ein Idiot wollte witzig sein, und rief dazwischen, daß ich wohl noch immer nicht Schweißen und Schleifen auseinanderhalten könne, andere maulten, daß ich noch keine Einstandslage ausgegeben habe. Der nötige Ernst für historische Momente war den Kerlen einfach nicht beizubringen. Dennoch, ich blieb beim vorbereiteten Text:

"Nun, wenn ich mich heute von euch verabschiede, so ist auch das eine Folge der Wende. Auch der Kulturschaffende kann sich dieser Wende nicht entziehen. Die Kollegin Christa Wolf hat es als erste gesagt, auch die Rolle des Schriftstellers wird nun nicht mehr die sein, die sie einstmals war."

Dann kreischte einer dazwischen, ich erinnere mich genau: "Biste nun Schreiber oder Reder? Mach schon hinne, Herr Kulturschaffender!" rief er. Ich ließ mich an dieser Stelle aber nicht aus dem Konzept bringen.

"Endlich brauchen wir Dichter keine journalistischen Funktionen mehr zu ersetzen! Wir müssen keine Wahrheiten mehr zwischen den Zeilen verstecken, nein, Schluß mit der Recherche, Schluß mit der Realität! Endlich können wir uns der reinen Literatur widmen."

Hinten verließen da schon einige den Saal, das Murren wurde lauter. Einer meinte, er sei hier doch nicht an der Volksurania. Ich überflog mein Konzept, ob ich wohl kürzen könnte, mit solchem Unverständnis hatte ich nicht gerechnet. Aber je länger ich schwieg, umso lauter würde das Publikum.

"Meinen Romanentwurf kann ich vergessen. Über Arbeiter will im Westen doch kein Arsch was wissen! Reine Literatur, da haben Schweißer und Schleifer nix drin zu suchen, reine Literatur," ab jetzt extemporierte ich einfach, "reine Literatur, da steht auch keine Wahrheit mehr zwischen den Zeilen, da gibts zwischen den Zeilen höchstens mal eine Anspielung auf Goethe oder Schiller!"

Ich versuchte ihnen zu erklären, daß die Allianz von Proletariat und Intelligenz zuende geht aber sie verstanden nichts. Ihre Klasse würde zukünftig aus dem Denken der Geistesarbeiter, ja wahrscheinlich der gesamten Öffentlichkeit verschwinden, aber es störte sie nicht. Sie begannen Sauflieder zu gröhlen. Da habe ich dann die Kontrolle verloren.

Ich habe wohl noch gesagt, daß sie allesamt ein Dreckspack seien, ein Haufen trübster Existenzen, die allerhöchstens mal für ein Bild oder eine Metapher zu gebrachen seien. Die Müdigkeit der Zimmerleute, Handke fiel mir ein.

Kollege Drövermann meint, ich hätte auch noch rumgezetert, daß jetzt endlich Schluß sei mit dieser lachhaften Umarmung der Massen, diese blödsinnige Verbrüderung habe nun endlich ein Ende. Diese Plebsvergötterung sei mir ohnehin immer auf den Wecker gegangen. Also ich glaube, Kollege Drövermann übertreibt ein bisschen. Ich meine, seht mich doch an, sind wir nicht allesamt arme Hunde, jetzt.

Der Elfenbeintürmer

Man kann einen Gutteil seines Lebens damit verbringen, ein Zimmer immer wieder mit seinen Schritten zu durchmessen. Es ging wirklich, er hatte es versucht. So verstrichen die Jahre, mal kräftig ausschreitend, dann wieder eher schleichend, aber doch im großen und ganzen mit zunehmender Geschwindigkeit. Er hatte sich eine allgemeine Verlangsamung seines Lebenstempos erhofft, und anfänglich schien auch der erwünschte Effekt einzutreten. Bis dann, eines Tages zurückschauend, auch ihm klar wurde, was Freunde ihm längst schon prophezeit hatten: Die Jahre werden immer kürzer. Die Anzahl der Tage veränderte sich nicht, auch nicht die statistisch-mathematischen Minuten und Sekunden, aber jene persönliche Lebenszeit, die unbezahlbare, sie hetzte immer schneller dahin, obwohl er doch seine Schritte beständig zu verlangsamen trachtete.

Er beschloß wieder einmal auf die Straße hinaus zu gehen, auch wenn das seine heutige literarische Produktion sicher beeinträchtigen würde. Aber er wollte wieder einmal etwas riskieren im Leben, wer weiß, vielleicht würde es seine Arbeit sogar beleben. Ein Blick, einer seiner geliebten Blicke aus dem Fenster sagte ihm, daß die Bedingungen für einen Ausflug an diesem Tag doch recht ungünstig schienen. Es regnete, und Dorit bestätigte auf seine Anfrage hin die Befürchtung, daß es auch kalt sei und windig dazu. Er beruhigte seine Muse, die annahm, nur ein fiebriger Anfall könne Ursache sein, für dieses so abwegige Ansinnen Ausflüge zu machen, und beschloß sein Vorhaben auf nächstens zu verschieben.

Besänftigt trippelte Dorit von dannen, den Tee zu bringen. Ihre Schürze schwebte, ganz so wie er es schon in seinem dritten Roman beschrieben hatte: anmutig, federnd, flatterhaft, geschäftig und all das weitere. Er versuchte in Gedanken die ganze Sequenz zu rekapitulieren, doch schon war sie mit dem wohlig dampfenden Gefäß zurückgekehrt. Auch diese Kanne, versteht sich, hatte schon mannigfaltige Veredelung durch seine Prosa erfahren.

"Pause?" fragte sie mit einem Unterton, den sprachlich zu fassen er noch immer gescheitert war, soweit schien seine Meisterschaft noch nicht gediehen. Aber was jetzt geplant war, es würde dem letzten Kapitel seines etwas frivol geratenen Zweitlings wohl wieder sehr nahe kommen, wenn auch wahrscheinlich nicht ganz so präzise und geschliffen. Eine Korrektur oder Überarbeitung erotischer Realsequenzen jedoch, hatte sich Dorit verbeten. Und er fügte sich, gerne übrigens, man will ja schließlich auch mal Feierabend haben.

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 11.04.2007 21:35
erstellt von jero

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