Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge X
Zunächst ein Leserbrief:
Liebe Redaktion, unruhig und
erwartungsvoll sah
ich der neuen Ausgabe des Salbader. entgegen!
Zeitgleich mit dem Kauf dieser Karte traf er dann
ein! Und zum Glück (zu Eurem Glück, denn ich bin
Abonnent der ersten Stunde) war Victor Orloff mit
dabei! Er muß weiterleben, solange AIDS und
Gummi(s) die Menschheit geißeln! Viele Grüße
Thomas H. aus 1000 Berlin 10
Victor Orloff, ehemaliger Stasi-Agent, seit nunmehr 17 Jahren aber westlicher Privatdetektiv, sucht in eigenem Interesse (Gummiallergie) die Pflanze, die Aids besiegt. Gejagt von dem Multikonzern Rubber International, flieht Victor ins thüringische Gera. Dort hängt er zunächst in den Klauen der Depression, bis er durch Zufall(?) seinen ehemaligen Stasi-Kollegen Weber zwo trifft, der von Scientology-Kirche und Aids-Laboratorien faselt.
Folge X: Zu neuen Ufern ?
von Andras von Guoterslohe aus dem Mittelhochdeutschen übersetzt von Andreas Scheffler
Um zunächst einmal die Fragen zu beantworten: Die Geschichte mit der Scientology-Kirche hatte sich schnell erledigt. Ich schlug im Duden nach. »Mit religiösem Anspruch auftretende Bewegung, deren Anhänger behaupten, eine wissenschaftliche Theorie über das Wissen u. damit den Schlüssel zu (mit Hilfe be-stimmter psychotherapeutischer Techniken zu erlangender) vollkommener geistiger u. seelischer Gesundheit zu besitzen.« - Alles Tinneff! Nichts mit der Pflanze, die Aids besiegt, und so hatte sich auch die Frage meiner Mitgliedschaft erledigt.
Was die Zukunft dieser ganzen gottverdammten Geschichte und mein eigenes Schicksal betrifft, so sollte es an mir nicht liegen. - Im Kino hatte ich mir »Misery« angesehen. Ich war tief beeindruckt. Ein Schriftsteller wurde von einer irren Krankenschwester gefangengehalten und, weil er die Heldin seiner Romanreihe sterben lassen wollte, durch Folter gezwungen, die Serie fortzusetzen.
Seltsam genug: Als ich das Kino verließ, fühlte ich mich neu bestärkt, das Phlegma fiel von mir ab, der alte Schwung war wieder da. Von nun an würde ich mich höllisch ins Zeug legen.
Auf dem Heimweg kam mir der rettende Gedanke: Indiana Jane! Mit ihr mußte ich mich zusammentun. Und wenn der Papst und die himmlischen Heerscharen sich gegen uns vereinten! Wir waren ein unschlagbares Team. In Gütersloh hatten sich unsere Wege getrennt; dort mußte ich ihre Spur aufnehmen, im Herzen Ostwestfalens.
Einmal noch ging ich über den Marktplatz der Altstadt Geras. Das einzige, was dieses heruntergekommene Städtchen zu bieten hat. Ich besorgte mir Bommerlunder, Zigaretten und ein Ticket. Die Züge fuhren unregelmäßig, und ich kam erst nach Stunden und zahllosen Karos los, Richtung Westen.
Gerade hatte ich eine halbe Flasche intus, da wurde ich schläfrig. Na gut, ein Nickerchen konnte nicht schaden. Ein vergewissernder Griff nach der 38er; kaum zwei Minuten, da war ich eingeschlummert.
Es konnte nicht viel Zeit vergangen sein, da wurde ich durch ein Geräusch geweckt. Instinktiv langte ich nach der Smith and Wesson.
»Schön ruhig, Bürschchen, laß stecken.«
Eine schmierige Gestalt stand in der Tür des Abteils. Ich lächelte. Weber zwo.
»Leg deine Hände auf die Armlehne, damit ich sie sehen kann.«
Seinen Jerry Cotton Slang konnte ich noch nie ab. O.k., nun waren wir auf verschiedenen Seiten. Nur, daß meine Ausgangsposition die miesere war.
»Eigentlich wollten wir dich bei der Scientology-Kirche auf Eis legen. Aber wenn du nicht mitspielst. Tut mit leid.«
Er deutete mit seiner Magnum zum Fenster.
»Springen!«, befahl er und ging einen Schritt auf mich zu. Einen Schritt zu viel. Ich zog ihm mit meinem linken Fuß die Beine unter dem Arsch weg, er schrie, stürzte, ein Schuß löste sich und durchschlug die Scheibe. Glassplitter flogen, ohne mich ernsthaft zu verletzen. Ich sprang auf, und schon war ich über ihm. Ein Kinderspiel, ihm die Waffe zu entwinden.
»Pech gehabt, Weber zwo«, sagte ich, »du bist und bleibst eben ein Amateur.«
Mit dem Knauf der Wumme schickte ich ihn schlafen und fesselte ihn an die Heizung. Ich steckte die beiden Waffen ein und trat auf den Gang. Aufgeregt stürzte ein Schaffner auf mich zu.
»Was ist denn hier los?!«, schrie er in thüringischem Akzent und schwitzte. Er hatte Angst.
Ich herrschte ihn an: »Nehmen sie gefälligst Haltung an, wenn sie mit einem Offizier sprechen!«
Es klappte. Das Weichei machte Männchen. Ekelhaft.
»Beim nächsten Bahnhof halten«, befahl ich, »diese Tür wird bis Zur Endstation verriegelt. Verstanden!«
»Jawohl. Nächste Station Erfurt. Zehn Minuten.«
»Wegtreten.«
Der Wicht verschwand, und ich ordnete meine Kleidung. Kurze Zeit später stand ich auf dem Erfurter Hauptbahnhof.
Ich blickte mich um, konnte aber wenig sehen. Alles grau in grau. Nach ein paar Schritten warfen meine Schuhe ein Echo. Aus der Bewegung trat ich hinter eine CDU-Werbetafel, lugte durch eine Öffnung des Kohlschen Kopfes und sah eine merkwürdige Gestalt vorsichtig durch das Dunkel in meine Richtung staksen. Wer nachts eine Sonnenbrille trägt, ist entweder blind oder ein Schnüffler. Ich tippte auf letzteres, stellte ihm ein Bein und stopfte ihm die 38er in die Nase. Er winselte.
»Orloff! Ich bin auf Ihrer Seite, ich will Sie warnen.«
Ich lockerte den Griff, hielt aber immer noch die Knarre auf ihn gerichtet.
»Ich bin immer gewarnt, Kleiner. Und nun fang an zu singen.«
Er schnaufte. »Ich bin beim BKA, Ihnen aber privat von Gera aus gefolgt. Es geht um Jean Pauls. Er ist tot.«
»War ja auch nicht mehr der Jüngste«, warf ich ein. Die Freude traf mich wie ein Schlag.
»Das Problem ist nur, daß ihm jemand beim Sterben geholfen hat.«
Das war ein Hammer. Ich fragte mich, wer sich an diesen Gruselpapst, den Schlächter der Witwen und Waisen, herantraute.
»Pauls hat mit dem BKA zusammengearbeitet. Es gibt Unterlagen. Und der, der ihn hat frieren lassen, hat auch die Dokumente. Das BKA hält Sie für den Mörder.«
Mir wurde heiß. »Und warum ausgerechnet ich?«
»Alte Stasi-Geschichten.«
Ich verstand. Im Suff hatte ich häufig gedroht, das Schwein umzubringen. Jetzt war auch noch das BKA hinter mir her. Rubber International und die Bundi-Bande. - Ich bot dem Kleinen von meinem Bommerlunder an, und nach dem dritten Hieb quatschte er dummes Zeug von Idealismus. Hinter dem Kohl-Poster legte ich ihn ins Gras und stopfte ihm seine Jacke unter den Schädel. Sofort war er weggeschlafen.
In der Nähe war ein Parkplatz; ein paar Wagen.
Ich knackte einen Toyota und schloß kurz. Nichts ist unmöglich. In nullkommanix war ich in Göttingen. Das erste, was ich erledigte, war ein Telefonat mit Klingbeil in Gütersloh.
»Mensch Victor!«, schrie er begeistert. »Indiana Jane?! Indy ist auf der Suche nach dir. Sitzt grad irgendwo auf Borneo.«
Ich wurde bleich. Verdammt! Jetzt brauchte ich dringend etwas Starkes zu trinken.
Werden Indiana Jane und Victor sich finden? Werden wir bald in Indonesien sein? Wird der Kollege Pelforth das Niveau dieser Folge durchhalten können? Erlebt die Selbstreferentialität eine Renaissance? Oder ist dies das Ende?
Abwarten.