Bov Bjerg: Der Berliner
Der Berliner, wenn er sich freut, steigt in sein Auto und fährt zum Kurfürstendamm. Daß er das so machen muß, weiß er aus dem Fernsehn.
Das Fernsehn schickt regelmäßig ein Kamerateam zur Kreuzung Joachimsthaler Straße, und sobald jemand vorbeifährt, wird berichtet, daß der Berliner freudestrahlend den Kurfürstendamm entlang fährt. An der Kreuzung Joachimsthaler hält der Berliner für gewöhnlich an, und es gibt einen Stau - meistens mitten in der Nacht - und alle Wohnzimmer wissen: "Schau mal einer an, der Berliner freut sich."
Der Berliner, wenn er sich freut, fährt mit dem Auto zum Kurfürstendamm. Er selber drückt das anders aus: "War ick nach'n Kudamm jefahrn jewesen, wa?!" - Der Berliner wird sich immer erst hinterher darüber klar, was er eigentlich angerichtet hat.
Der Nomalberliner, von jungen Bielefeldern, die sich hier das Weißweintrinken angewöhnt haben, "Schultheißberliner" genannt, der Normalberliner, von dem die Rede ist, ist ein großer Autofreund, und sein Lieblingsauto ist der BMW. Vielleicht scheut er den Mercedes, um nicht für einen Türken gehalten zu werden, vielleicht ist es auch nur, damit er sich ein Nummernschild besorgen kann, das ihn und seine Neider immer daran erinnert, was für ein Auto er fährt: B - MW...
Ist der Berliner ein Idiot? Fakt ist: Als Kind denkt er, sein Name sei "Halt die Klappe!". Davon wird er schmächtig und leicht schwindsüchtig, weshalb man ihn als Erwachsenen in Häusern treffen kann, wo es im ersten Stock ein Sportstudio gibt; in solchen Häusern steht immer ein muskulöser Berliner im Parterre und wartet auf den Aufzug, weil Treppensteigen kann er auch zuhause.
Der Berliner ist im Nebenberuf immer Hauswart. Dann heißt er Kopitzki oder so ähnlich, und in das Haus, das er wartet, hängt er regelmäßig Zettel mit Aufschriften wie: ICH BIN DER MEINUNG, DAß DIESE MIETER NICHT INS HAUS GEHÖREN, DIE EINFACH IHR GERÜMPEL DORT ABSTELLEN, WO SIE GERADE DENKEN.
Das Schreiben solcher Zettel ist der Ausgleich zu seinem etwas eintönigen Hauptberuf, wo er sich mit seiner blauen Uniform in einen Glaskasten stellen und zur Belustigung der Touristen abwegige Sachen schreien muß wie: "MIT DEM FAHRRAD NICHT IN DEN ERSTEN WAGEN!"
Nach Feierabend begibt sich der Berliner in eine seiner Kneipen, von denen er denkt, sie hätten keine Sperrstunde. Diese Kneipen schließen normalerweise um ein Uhr, was aber der Berliner nicht mitkriegt, weil er schon längst betrunken im Bett liegt, oder weil er am nächsten Morgen früh raus muß, um die Haustür aufzuschließen. Es gibt keinen Berliner, der nicht schon einmal "den Harald Juhnke untern Tisch gesoffen" oder ihm zumindest beim Saufen zugesehen hat. Dabei hat er ihn höchstens mal von der Ferne beim Besteigen einer U-Bahn beobachtet.
Warum bin ich kein richtiger Berliner?
Als ich einmal den berühmten Schriftsteller Botho Strauß traf, der vor seiner Wohnungstür auf mich gewartet hatte, da wollte ich, angenehm erstaunt über das noch durchaus jugendliche Äußere des Star-Schreibers, sinngemäss ausrufen: "Hast dich gut gehalten, Botho!" Doch dieser war, noch bevor ich meine Gedanken in die adäquate Form zu bringen in der Lage gewesen war, längst schon wieder hinter der großen eichenen Tür im Innern seiner vermutlich ziemlich weitläufigen Wohnung verschwunden. Dem Berliner wär' das nicht passiert. Der hätte, noch bevor Botho Strauß "Paare, Passanten" hätte sagen können, die mitgebrachten Six-Packs im Kühlschrank verstaut, sich aufs Wohnzimmersofa gefläzt und nach einem kurzen Rundblick durch die Wohnung gebrüllt: "Haste die alle gelesen?"