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Horst Evers: Karol

Aus der Reihe: 70 Romananfänge

Folge 31: Der religiöse Roman

Hallo!, ja hallo Ratzi, hier is nochmal Woity, du hör mal zu, ich konnte einfach nicht einschlafen, weil ich immer noch an unser Gespräch denken mußte - was? - ja, ich weiß wie spät es ist, aber ich habe jetzt ne tolle Idee, weshalb wir die Perversen verbrennen... Was soll das heißen, du hast längst Feierabend. Der Teufel macht auch nie Feierabend, ich... deine Videofilme sind mir vollkommen egal. Ich bin der Papst verdammt nochmal und du hörst mir jetzt... Ratzi. Ratzi !!! - aufgelegt.

Voll Wut und Trauer pfefferte nun auch Karol Woityla den Hörer auf die Gabel. Alle waren gegen ihn. Selbst Kardinal Ratzinger, dabei war der doch sein bester Freund. Freund? Nein, eigentlich auch nicht Freund. Ein Papst hat keine Freunde, höchstens Berater.

Karol fühlte sich unsagbar einsam. Ach wie sehr wünschte er sich jetzt eine kleine Eckkneipe, in der er ein kleines Bierchen schlucken könnte. Aber er war Papst, es ging ja nicht

Verträumt fingerte er den abgegriffenen Bildband vom Wedding-Berlin aus dem Papierstapel auf dem Schreibtisch und betrachtete voller Sehnsucht das längst vollgesabberte Bild vom Lokal Bei Erika in der Lütticher Straße. Oh, könnte er doch nur so sein wie die Menschen dort, wie glücklich mußten sie sich fühlen.

Eine Träne kullerte ihm über sein fahles Gesicht, als er zurück an seine Jugend dachte.

Nur um reisen zu können, hatte er damals ein hohes Kirchenamt angestrebt. Doch eh er sichs versah, war er Papst und wußte, er würde nie wieder etwas anderes machen können. Dafür haßte er die Welt, und wenn man ehrlich ist, wer wollte es ihm auch verdenken.

Traurig ließ er sich in seinen großen gelben Ohrensessel fallen und summte jene alte polnische Volksweise, deren Melodie ihm schon vor Jahren entfallen war.

Ah, schau an, musikalisch bist du also auch nicht.

Karol zuckte zusammen. Er hatte gar nicht bemerkt, daß außer ihm noch jemand im Zimmer war. Der aufgekratzte Enddreissiger war damit beschäftigt in den Schränken und Kommödchen herumzuwühlen.

Sag mal, du hast nicht zufällig nen Schluck Wein oder 'n bißchen was zu rauchen hier ?

Was soll ich?, der Papst hatte Mühe sich zu beherrschen, wer sind Sie?

Na nu komm aber, kennst du mich denn nicht?

Woher sollte ich?

Na du quatscht doch jede Nacht stundenlang mit mir.

Was?!

Ach mensch Karol, tu doch nich so blöd, ich bin dein Herr.

Niemals Ich habe nur einen Herrn.

Ich weiß, ich weiß und der bin ich nun mal.

Nein!... Nein!!!, du willst mir wirklich erzählen, du seist der Allmächtige, der Vater allen irdischen Lebens, der Schöpfer von Himmel und Erde, der Richter der Welt, unsere Zuflucht, der oberste...

Schon gut, schon gut, kannst ruhig Gott zu mir sagen, äh, haste jetzt was zu rauchen da?

Rauchen ? Ja, natürlich. Soso, guck an und dich gibts also wirklich. Mensch, wer hätte das gedacht. Hab ich also doch recht gehabt die ganzen Jahre. Hoho, der Ratzi wird gucken, wenn ich ihm das erzähle.

Höy!!!, sag mal, wie meinst'n das: mich gibts wirklich. Hattest du etwa Zweifel?

Ganz ehrlich?

Karol!

Na gut. Also ansich wars mir egal. Eigentlich ging das hier auch ganz gut ohne dich.

Ganz gut ohne mich?!?

Ja. Überhaupt, wolltest du nicht eigentlich nie wieder auf der Erde erscheinen?

Hm. Mag sein, daß ich mal sowas gesagt habe, aber ich habs mir jetzt eben anders überlegt.

Ach, du wechselst deine Meinung wohl auch, wie andere Leute das Fernsehprogramm.

Hör mal Karol, nur wer sich ändert bleibt sich treu, verstehste?

Höhö, das glaub ich ja nich. Man muß sich ja wohl schon für Gott halten, um sich so eine schwachsinnige Ausrede einfallen zu lassen.

Bitte was? Was fällt dir eigentlich ein, du Kleingläubiger. Willste wirklich wissen, wieso ich hier bin? Wegen dir und deinen Kumpanen bin ich hier. Bei euch liegt nämlich einiges im Argen. Ich könnte heulen, wenn ich sehe, was ihr hier in meinem Namen auf der Erde treibt. Stellt mich als eitlen, prüden, genußverbietenden, rachsüchtigen Ignoranten dar. Tyrannisiert die Menschen mit euern sadistischen Anachronismen, statt euch um wirklich wichtiges zu kümmern. Bei mir, wenn ich nur daran denke mit was für Vorstellungen vom Himmel die armen Leute zu mir kommen. Das du's nur weißt, es gibt längst nicht mehr nur den einen Himmel, das war früher mal. Heute haben wir für jeden den passenden Himmel da: den Himmel der Christen, der Moslems, der Juden, der Hindus, der Atheisten, der Autofahrer, der Zahnärzte und noch vieles mehr!

Woityla runzelte die Stim. Ehrlich wahr?

Pah, du kannst dir das natürlich wieder gar nicht vorstellen, was? Ihr habt alles kaputt gemacht, wißt ihr das eigentlich ? Ach ihr wißt ja gar nichts, einfach gar nichts..., und überhaupt, wo ich grad dabei bin, was ich dir schon die ganze Zeit sagen wollte: Ihr seht so beschissen aus! Was bitte sollen denn eure schwachsinnigen Kostüme ständig. Ich frag mich wirklich, warum ausgerechnet meine höchsten Beamten die häßlichsten und am schlechtesten angezogenen Menschen der ganzen Welt sind. Ihr ekelt mich an!!!

Hoh, jetzt gehste aber wirklich zu weit. Weißt du was ich glaube? Ich glaube, du bist gar nicht Gott. Du bist nichts weiter als ein präseniler Floskelomat, und wenn du doch Gott sein willst, dann mußt du mir das erstmal beweisen. Der Papst spuckte in seine Hand. Mach da Wein draus!

Oh mein ich, du wagst es Beweise von mir zu verlangen ?! Du unverschämter Wurm!

Hehehe, du schwammiger Aufschneider!!

Häßlicher Kröterich!!!

Miefender Schulterfurz!!!!

Stinkender Schweißpickel!!!!!

Oorrrhh!, du, du unwürdiger Ketzer!

Oh! Selber!

Selber-Selber!

3mal Selber!

Immer einmal mehr Selber als du!

Immer einmal nochmehr Selber, als mehr Selber, als...

Pah, von wegen, das gilt nich'. Du hastverloren.

Der Papst war außer sich vor Freude. Gott jedoch wurde jetzt noch böser.

Hör endlich auf, so blöde rumzutanzen, oder...

Ich hör nich auf, ich hör nich auf! Verlierer! Verlierer !!

Dann eben nicht! Aber du wirst schon noch sehen, wer hier am Ende verlieren wird. Ich habe wirklich alles versucht, dir eine faire Chance gegeben. Ich bin zu dir gekommen und wollte mit dir reden, nicht als Gott, sondern als Freund. Du aber führst dich selbst mir gegenüber als kindischer Trotzkopf auf und bist einfach nicht bereit, mir auch nur zuzuhören. Gut, wie du willst, dann werde ich eben nochmal ganz von vorn beginnen. Vieles wird mir leichter fallen. Vielleicht werde ich auch wieder ein unehelich geborenes Kind adoptieren. Man wird sehen. Vorher aber werde ich dir und deiner menschenverachtenden Sekte den Kampf ansagen. So geht's auf alle Fälle nich mehr weiter.

Sagte Gott und verschwand

Einigermaßen verblüfft starrte Karol Woityla auf den leeren Fleck, an dem eben noch Gott gestanden hatte. Der Kampf gegen die Kommunisten, die Moslems oder die Atheisten kostete ihn nur ein Lächeln; mit den Kapitalisten kam er gut klar, und an den Teufel glaubte er schon lange nicht mehr so richtig. Aber Gott, Gott war für ihn in der Tat ein ungewöhnlicher Gegner. Dem Papst wurde etwas kalt um die Nase, zum ersten Mal in seinem Leben spürte er sowas wie Angst.

Aber andererseits, selbst wenn der komische Kauz tatsächlich Gott gewesen war, blieb ihm nicht immer noch der Himmel der Zahnärzte? Oder, war das vielleicht die Hölle?

Und wenn schon, sollte Gott doch ruhig kommen, er würde schon noch sehen, was für einen Gegner er sich da ausgesucht hatte.

- ENDE DES ERSTEN KAPITELS -

Copyright: Horst Evers

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
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