Hinark Husen: Trink, trink, Politiker, trink
Nachdem seinerzeit Werder Bremen im DFB-Pokalviertelfinale den 1.FC Kaiserslautern 2:0 besiegt hatte, klingelte bei mir um ca. 3.15 Uhr in der Nacht das Telefon, und ein am Rande der Alkoholvergiftung balancierender Horst E. erklärte mir nach einigen ausschweifenden Bemerkungen über den beschissenen Schiedsrichter: "Wir haben jetzt die wunderbare Situation, daß ich total besoffen bin und nun total die Wahrheit sage und, Du wirst mir total nüchtern zuhören." Wir sprachen circa eine Stunde miteinander, und er offenbarte mir Neuigkeiten, die mir trotz meines müden Zustandes die Haare zu Berge stehen ließen. Nun, ich will nicht aus dem Nähkästchen plaudern vor allem, weil der gute Horst selber überrascht wäre, was er mir in diesem Nacht- und Nebelgespräch so alles zum besten gab, aber es ist ja in der Tat so, daß Kinder und Besoffene die Wahrheit sagen.
Aus eben diesem Grunde ist wahrscheinlich auch ein gewisser Günther Krause in der vorvergangen Woche nicht beim Schalk-Golodkowsky-Untersuchungsausschuß angetreten, schließlich hatte er doch befürchten müssen, daß ein Bierchen ihn schon wieder an die Promille-Wahrheitsgrenze herangeführt hätte. Stunden vorher hatte er nämlich mit seinen Staatssekretären ein Saufgelage im Bonner Weinhaus St. Michael abgehalten, bei dem es hochprozentig hergegangen sein muß. Hätte er sich vollgesoffen dort hingeschleppt, wahrscheinlich wäre mehr als nur das dumpfe Gelalle eines abgefüllten Verkehrsministers publik geworden. Er würde erzählt haben, wie er den blöden Bratschenlothar abgesägt hat und mit wie filigran er bei den Raststättenkonzessionen vorgegangen sei.
Es ist nun doch von einer geradezu zwangsläufigen Logik, daß endlich die Promillmindestgrenze für Politiker nicht nur in Untersuchungsausschüssen eingeführt wird. Die Volksdroge Nummer Eins in Deutschland muß auch zweckdienlich im deutschen Bundestag eingesetzt werden.
Pflichtverzehr für alle Abgeordneten vor einer Debatte, ein Durchschnittsgewicht von 75 kg zugrundegelegt: 10 Bier und 5 Klare wahlweise auch Whisky oder Wodka, schwangere Abgeordnete dürfen in Ausnahmefällen Orangenlikör oder Apfelkorn vorziehen Für alle Regierungsmitglieder gilt die Regel: Nie unter 1,8 Promille Alkohol im Blut + 0,5 für Kanzler und Oppositionsführer. Keine Frage, unter solchen Bedingungen wären die Livesendungen aus dem deutschen Bundestag bald beliebter als jede amerikanische Serienproduktion, und die Sendeanstalten würden sich bei den Verhandlungen über Übertragungsrechte ähnlich gegenseitig übertrumpfen wollen wie bei Sportveranstaltungen, was die Mehrkosten, verursacht durch Alkoholbedarf, Kotztüten, zusätzlich eingestellten Kellnern und Saaldienern gestützt zum Rednerpult geführt wird und lallend dem total uninteressierten Auditorium verkündet, er habe ja eh keine Ahnung von Finanzpolitik, Willy Brandt mal wieder sein Pflichtsoll an Whisky barrelweise überschritten hat und dem Fraktionsvorsitzenden Klose uralte Herbert-Wehner-Witze erzählt, während die Hinterbänkler Skat spielen und Ingrid Matthäus Maier laut aufbegehrt, sie hätte einen Cointreau zu wenig gehabt und dürfe eigentlich gar nicht dabei sein.
Derweil versucht der Fraktionsvorsitzende der CDU, seinen Anhängern ein paar neue Schaustückchen mit seinem Rollstuhl vorzuführen; so fährt er Slalom um extra dafür bereitgestellte PDS-Abgeordnete und schafft die 100 Meter zur Behindertentoilette, nur auf den Hinterreifen rasend, in einer neuen Rekordzeit. Die Bundestagspräsidentin ist über ihren letzten Wodka eingeschlafen und schnarcht ins Mikro. Der Finanzminister versucht sie mit der Ordnungsglocke zu wecken, woraufhin die FDP-Fraktion geschlossen: "Lokalrunde-Lokalrunde" brüllt und die Kellner eine halbe Stunde damit beschäftigt sind, jedem ein weiteres Bier zu bringen. Graf Lambsdorf versucht Wirtschaftsminister Möllemann mit seinem Gehstock zu verprügeln, weil der ihm angeblich ins Glas gespuckt habe, während Außenminister Kinkel sich über Kollegin Merkel hermacht. Die CSU-Landesgruppe singt in bierseliger Laune den alten "Wir wollen unseren Kaiser Franz-Josef wieder haben".
Arbeitsminister Blüm kotzt derweil still und leise vor sich hin und ärgert sich, daß er in seinem letztem Debattenbeitrag sein Coming out hatte und ihn seither der Riesenhuber immer angrabbelt.
Auch Interviews werden für alle Politiker promillepflichtig. Um allzuschnellen körperlichen Verfall zu vermeiden, gilt bei den von Rundfunkstationen häufig gesendeten Frühstücksgesprächen mit Ministern lediglich die Restalkohol-Regel.
Bundespräsident kann zukünftig nur werden, wer zwei Flaschen Champagner in 10 Minuten leeren kann, ohne danach stundenlang zu rülpsen, was sich bei Banketten und Empfängen zweifelsohne als vorteilhaft erweisen wird. Zwar ist dann wohl damit zu rechnen, daß dieser mal aus einer Cognac-Laune heraus absolut keinen Bock hat den Außenminister von Simbabwe oder ähnlich nichtige Persönlichkeiten zu empfangen, weil draußen so ein Pißwetter ist, und er die Ehrenformation bei Schnee oder Regen nicht mehr abgeht.
Das aber wäre das Stück Ehrlichkeit in der Politik, das wir schon lange vermißt haben und wenn Stammtischniveau in das Parlament einzieht, so hätten wir endlich den Zustand erreicht, in dem das Wort Volksvertretung mehr als nur eine Worthülse darstellt.