Andreas Scheffler: Eine Analyse
Ich trink diesen Sechserpack und noch mehr, wenn ich kann.
Diesen Satz, dies lyrische Kleinod, sprach vor wenigen Wochen der Kollege Siegfried Löwy; ein Satz, für dessen Tiefendimension schon sein Verfasser bürgt. - Wir wollen im Folgenden eine kleine Analyse wagen.
Das Werk beginnt mit einer Interjektion voll Entschlossenheit. Metrisch ist ein auftaktiger, dreihebiger Trochäus mit männlicher Kadenz zu beobachten. Jene erfährt eine Bedeutungssteigerung durch den lautmalerisch harten K-Laut, der sowohl Unbeirrbarkeit, wie auch Trotz in sich birgt. Die Zeilen zwei und drei sind gleicher Gestalt, nämlich ein einhebiger Trochäus mit -wie in Zeile eins - männlicher Kadenz. Es beginnt (Zeile zwei) mit einer betonten Silbe, die eine Steigerung einleitet: "und noch mehr". Dem folgt (Zeile drei) die konzessive Wendung, welche metrisch mit der gleichen Vehemenz ausgesprochen wird: "wenn ich kann".
Zurück zum Anfang: Die Feststellung des lyrischen Ich, eine Aussage, an der kein Zweifel besteht: "Ich trinke diesen Sechserpack". Auffällig ist die Wortwahl "Sechserpack", welche das umgangssprachliche »packen« = »mit äußerster Anstrengung schaffen, erreichen« konnotiert. Das Erreichen dieses ersten Zieles steht so auch außer Frage, und zunächst scheint sogar noch eine Steigerung möglich. "mehr" lautet der Wunsch des lyrischen Ich, doch das "noch" macht bereits deutlich, daß der Vorgang zwar anhält, aber schon bald beendet sein kann. Hier, inmitten der zweiten Kurzzeile, ist die tragische Wende eingeleitet. "wenn ich kann" - das Wissen um die eigene Begrenztheit. Es ist nicht zu entscheiden, ob es hier um Leistungsvermögen, um Erlaubnis oder um materielle Voraussetzungen geht, jedoch spricht der persönliche Rahmen, in dem das Gesamtepos steht, eher für die erstgenannte Möglichkeit. Der bescheidenen Feststellung eines Vorhabens wird eine Option nachgeschickt, der Wunsch nach mehr, dem aber sogleich der Bruch folgt: die Einsicht, daß selbst im stetigen Fortschreiten das Scheitern vorprogrammiert ist, die Versinnbildlichung des Utopieverlustes gleichsam. Der uralte Menschheitswunsch, die Grenzen des Universums zu erfassen, der Griff nach den Sternen - vergeblich. Es ist ausgesprochen der Widerspruch, der allem innewohnt: die Immaterialität von Ewigkeit.