Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 09/1992 Andreas Scheffler: Wi(e)der ein Vorurteil, den Intellektuellen betreffend
Artikelaktionen

Andreas Scheffler: Wi(e)der ein Vorurteil, den Intellektuellen betreffend

Wenn man ein Intellektueller ist, oder auch nur für einen solchen gehalten wird (oder für einen gehalten werden will), dann hat man sich beizeiten mit einigen Standards vertraut zu machen.

Man muß beständig denken, mit gefalteter Stirn und ernstem Blick einherschreiten und stets diskussionsbereit sein. In den Diskussionen muß man eine Gegenposition einnehmen, weil das Gespräch sonst nichts bringt. Das ist Dialektik. Dialektik ist hart und hat zur Folge, daß man unmäßig trinkt und schwarze Zigaretten in sich hineinsaugt. Dies ist erlaubt, weil man angesichts des Weltlaufes allgemeiner Intellektualverrottung schon verzweifeln kann. Das nennt sich dann Sublimierung. - Ich sublimiere viel, aber von den standardisierten Intellektuellen halte ich mich liebstenfalls fern. Wenn es nach mir ginge, würde ich meine Wohnung gar nicht mehr verlassen. Ich würde vom Pizzaservice leben, und meine größte Freude bestünde darin, Hausierer und Zeugen Jehovas ("Jehova!, Jehova!") nach Strich und Faden zu beschimpfen. Aber leider gibt es die sogenannten ökonomischen Zwänge. Dann muß man hinaus in die Welt, Leute treffen, mit dem unangenehmen Nebeneffekt, Gespräche führen zu müssen.

Wenn ich an meine Studienzeit denke: Bei vielen der jungen Leute im Germanischen Seminar war es üblich und schick, Kafka als Lieblingsautoren anzugeben. Niemand hatte Kafka verstanden, aber diese mythische Aura war das Größte. Wenn dann auch noch so etwas wie "Fragmente aus Richard und Samuel" das nominelle Lieblingsstück war, dann war der Gipfel erreicht. Mir hat sich bei solchen Gelegenheiten immer der Magen gehoben. Aber kam dann jemand daher und fragte, ob mir denn bewußt sei, welche übergeordnete Rolle die fraktale Geometrie im Werk Kafkas habe, dann war ich fein und höflich und habe ihn nicht einen kompletten Trottel geheißen. Ich habe nicht gesagt: "Du bist nichts als ein intellektueller Pickel, und ich werde dich jetzt ausdrücken." Statt dessen lächelte ich bitter und ging. Gehen sie einmal zu einem Germanisten und fragen sie ihn, ob er jenes überaus interessante Werk schon gelesen habe, bei dem sie aber sowohl Titel, wie auch Verfasser erfinden. Er wird antworten, er habe es zwar noch nicht gelesen, aber schon viel davon gehört, und es stehe ganz oben auf seiner Bücherliste. Bedauernswerter Neurotiker - an sich.

Seitdem ich mir einen Videorecorder zugelegt habe, werde ich beargwöhnt. Nicht gerade, daß sich Freunde von mir abwenden würden, doch in einigen Kreisen herrscht offenbar die Auffassung, daß es bei einem, der ein Videogerät besitzt, mit dem Denken wohl nicht so weit her sein könne. Ich gestehe, daß ich den Genuß des Filmes "E.T." einem Gespräch über die marxistische Literaturtheorie des George Lukàs bei weitem vorziehe. Auch beim dritten Mal Ansehen von "E.T." bin ich von einem Weinkrampf in den nächsten gerutscht. - Das nenne ich Katharsis. Auch gebe ich zu, daß ich zuweilen nachts aufwache und rufe: "Wo ist der Deinhardt?!" Das ist zwar bedenklich, aber immer noch besser, als mit Nietzsches "Warum ich ein Schicksal bin" einzuschlafen.

Früher einmal habe ich Gesprächen über den sagenumwobenen Sinn des Lebens beigewohnt. Das ging dann etwa so: "Du Harald, es muß doch etwas geben." - "Weißt Du, Claudia, ich komme da eigentlich, irgendwie auch nicht weiter." - "Es muß, Harald, es muß." Es endete für mich damals mit einem handgeschriebenen Zettel mit der Aufschrift: "Der Grund, warum es den Sinn des Lebens nicht gibt, liegt darin, daß jeder einzelne Tag seinen eigenen Sinn hat, die Summe aller Tage aber der Tod ist. Oder ist das Sinnvolle unseres Lebens letztenendes der Tod?" Diese Sentenz arbeitet zwar mit einem Axiom, ist aber durchaus dazu angetan, nächtelang zu diskutieren. Allerdings ohne mich. Da kommt man womöglich noch auf dumme Gedanken...

Schlußendlich halte ich mich an einen Satz Vladimir Nabokovs, welcher sagt: "Ich bin stolz genug darauf, etwas zu wissen, um bescheiden zugeben zu können, daß ich vieles nicht weiß."

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: