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Dr. Seltsam: Als ich ein Prominenter war

Eine Anekdote

Seit fast zwei Jahren dudeln wir nun jeden, jeden Sonntag unser Lachprogramm in Berlin-Mitte runter, waren in '91 unter den meist gelobten Theatergruppen, hatten von Ströbele bis Walli Schmidt und Wiglaf Droste die tollsten Gäste, sind unter spektakulärsten Umständen aus der "scene" rausgeflogen und unter unseren Fans weltberühmt; eigentlich warten wir alle vom Frühschoppen nur noch auf den entscheidenden Anruf von Fellini (ich), Dino di Laurentiis (Jürgen), Steven Spielberg (Andreas), Frank Elstner (Horst), Marilyn (Hinark), John Waters (Duschke) oder dem Postminister (Bov): Der extra bestellte Rolls mit ehrerbietig wartendem Schofför steht leise schurrend vor der Hinterhoftür und entführt uns UP WHERE WE BELONG. (Joe Cocker, dtsch. Johannes Schwänzer) zur Weltsatirikerkarriere. Ähnlich konfusen feuchten Morgenträumen von sechsstelligen Kontoständern und willigen Groupies und was dergleichen Klischees mehr das Hirn beschlagen, bevor der kritisch ordnende Geist sein schweres Tagewerk beginnt, ist es zu schulden, daß ich bei diesem einen einzigen Anruf eines Montags morgens ganz unkontrolliert "Ja!" sagte und nicht mehr zurück konnte, denn gesprochen Wort flieht eilig fort.

Karl Hermann, ein Bekannter aus lübscher Heimat und derzeit Chefredakteur von PRINZ war früh um achte schon am Apparat: "Hallo, Dokter," sagte er, "Wir machen eine Prominenten-Umfrage. Bist Du dabei?..."

Schoß mir etwa Adrenalin ins Blut? Flackerten sämtliche Straßenlaternen-Warnbeleuchtungen im Kopf auf? Signalisierte mir nicht sofort männigliche Erfahrung, daß der Hoffärtige stets und immer an eigener Überhebung scheitert? Nichts da. Halbwachträume benebelten den Kopf und blubberten übergangslos im Wahn von Titelblattfotos, Fernsehshows und Hollywood auf wie Seifenblasen: Kurz, der gesamte Quatsch, den man nur mit langen kalten Morgenduschen los wird, wenn man nachts zu viele SAT1RTLPRO7-Filme unkontrolliert aufs müde Hirn einwirken ließ. Alles Ideen, die blöden Ami-Videoten die Lust am Leben ersticken und mit Ersatz-Erwartungen abfüllen und süchtig und ungefährlich machen. Dies zwischen zwölf und zwei Uhr nachts genossen, zusammen mit lauwarmem Labberteig vom Pizza-Service erzeugt am Morgen ein Existenzgefühl, wie wenn man nach einer halben Stunde scharfen Trabes durch die Hasenheide mit leidenschaftlichem Durst ein Glas Cola erwischt, das drei Stunden in der Sonne stand: Man weiß ganz genau, das ist es nicht, das Leben... Aber ich will mich gar nicht entschuldigen: Trüge ich nicht in irgendeiner versteckten, heimlichen Kitschecke meines Wesens die unterdrückte Genie-Erwartung auf Weltruhm mit mir herum wäre ich selbst im Zustand zelebraler Lähmung nicht auf diese schleimige Offerte eingegangen. "Promi" bei PRINZ,- au weia, das ist ja wie Saalkandidat bei Glücksrad oder Satiriker beim Eulenspiegel: Irgendwo muß da doch eine Schamgrenze... Der Gute Geschmack undsoweiter. Nichtsda! Das Schicksal hatte mich kalt erwischt, die Falle war gut gestellt und zugeschnappt.

"Welche Sportart fehlt denn Deiner Meinung nach bei der Olympiade in Barcelona?", fragte die so früh schon so eklig muntere Stimme am andere Ende. - "Zu Sport fällt mir nichts ein", maulte ich, automatisch Karl Kraus' Zu Hitler fällt mir nichts ein paraphrasierend, wie ich es immer tue, wenn ich geistig nicht ganz frisch bin. Natürlich begriff der Chefredakteur diesen großartigen Witz nicht.

Ich solle mir was überlegen, um zehn klingle der Redaktionsbote an meiner Tür, und dann solle mein kleiner Text fertig sein. "Wie lang?" - "Och, die andern schreiben wenig, mach ruhig ne halbe Seite!" Noch immer rappelten keine Alarmglocken in meinem Kopf. Das Prom hatte sämtliche Sicherungen durchgebrannt.- "Und such uns mal ein gutes Foto von Dir raus;- eins farbig fürn Titel und eins in Schwarzweiß für unsere Prominentenkartei..." Auflegeknack im Hörer. Gott, bin ich froh, daß niemand je das debil-beglückte Grinsen sehen wird, das danach mein Gesicht wonnenreich entstellte.

Was, in drei Teufels Namen, könnte Seltsam in PRINZ über SPORT schreiben? Widersprüchlicher gehts nimmer: Als linker Satiriker in einem unpolitischen Dumpfblatt für Vorstadt-Kids, denen weisgemacht wird, es gäbe irgendwo in Berlin das wirklich-wahre-echte Leben in Form einer Szene, wo sie mit möglichst vielen way und no way im Jargon endlich irgendwie dazugehören und wo jeder mit jedem Scheiß berühmt werden kann, wenn er nur cool ist. Der große Aufklärer und Enthüller artikuliert sich im Fachblatt für flachen Unterhaltungsbeschiß und Lebenslügen. Wenn nicht, wie gesagt, ein Quentchen dieser verlogenen Erwartung ein Kellerchen meiner geschmacklosen Seele besetzt hielte, hätte ich gleich bemerken müssen. "Das geht nicht gut, das geht nicht gut, das geht keinesfalls gut. Wörtlich so." (T. Mann, Eisenbahnunglück). Wars das?

Während die Uhr unerbittlich schon die erste Runde beendete war ich immer noch am überlegen. Sollte ich? "NO SPORTS - sagte Churchill und mit solcher Haltung gewinnt man Kriege." Oder mein drittes Lieblingszitat: Mit ein bißchen regelmäßiger körperlicher Bewegung hätte man sämliche geistigen Großtaten der letzten sechstausend Jahre mühelos verhindern können. "(Brecht) oder so ähnlich. Irgendwie sollte es doch auch meinem Image als augenzwinkernder Revoltenfreund gerecht werden. Wenn schon, denn schon. Und noch einen Lokalbezug zu Berlin herstellen... Da klingelt es.

"Moment, bin grad auf Klo, komme gleich!" brülle ich über den Flur. Ist das peinlich! Das erstemal in meinem Leben, daß man mir einen leibhaftigen Redaktlionsboten schickt und dann ist der Text nicht fertig ! Ohne jede weitere Überlegung haue ich nun dies aufs Papier:

Was fehlt in Barcelona?

Das ist doch in Spanien! Also erstens das Carrero-Blanco-Gedächtnis-Sprengen: der Weltrekord steht bei 15 Meter. (Caffero Blanco war der designierte Nachfolger Francos und wurde 1972 von der ETA m seinem Auto gesprengt, das bis über die Dächer der angrenzenden Häuser

flog, mindestens 15 Meter hoch, danach begann der Demokratisierungsprozess in Spanien. Eines der wenigen Beispiele für politsch nützlichen Terror) Zweitens, weils gerade dran ist, das lustige Hochhuth-Rohwedder-Schießen: nachts mit Gewehr auf erleuchtete Fensterscheiben. Und drittens, der aktuelle Lieblingssport der Kreuzberger Szene: Momper-klatschen.

Nun schnell das Papier herausgereicht und die Fotos. Uff, geschafft! Hatte ich das Gesicht ge-wahrt?

Als am Monatsanfang der PRINZ rauskam, kaufte ich mir das Pipiblatt, zum ersten mal im Leben. Gespannt blätterte ich dreimal, viermal alles durch: Ich fand nichts! Zuerst enttäuscht, aber dann, endlich bei ruhiger Überlegung wars mr so auch recht: wenigstens hatte ich mich nicht blamiert. Seltsam in Prinz über Sport, das wäre wohl doch zu hanebüchen gewesen, und dieser an den Haaren herbeigezogene Terrorbezug meiner Zeilen, da hätten die Kollegen wieder ganz schön was zu lästern gehabt! Nein, nein, ist schon gut so. Vergessen wir am besten die ganze Sache... Oder ärgerte ich mich doch ein wenig?

Dann rief ein paar Tage später Horst Evers bei mir an. Scheinheilig schwadronierte es drauflos: er habe als Kind auch eine Carrerabahn besessen, aber das Sortiment Carrera Blanco ware ihm nie begegnet. Im übrigen hätte er noch gar nicht gewußt,, daß Didi Hallervorden ja ein viel besserer Satiriker wäre als Dr. Seltsam, und ob ich jetzt irgendwelche unbegabten Trottel unter meinem Namen schreiben ließe und überhaupt, ob ich glauben würde, daß prominent zu werden...

Ich legte auf.

Beim nochmaligen Durchblättern fand ich es dann endlich: Auf einer Fläche kleiner als eine Zigarettenschachtel, mein Gesicht nicht zu erkennen, der Text geschlachtet: Recht geschah mir. Gott, war das Peinlich.

Zeitungsaussriss

Copyright: Dr. Seltsam

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero

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