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Jürgen Witte: Nachträge zum Schriftstellerlexikon (2)

Der Symposiant, oder der Unterschrift-Steller

"Natürlich unterschreibe ich, Mädchen, wenn's für 'ne gute Sache ist. Aber Momentchen noch, ich muß mich erst von den Kollegen verabschieden, auf dem Podium. Weißt du was, ich bräuchte eigentlich ganz schnell eine Klimaveränderung. Also pass mal auf: Hier in der Nähe gibt's doch sicher irgendwo ein nettes Lokal, überleg dir mal was, in zehn Minuten bin ich wieder da, und dann kannst du mir euer Anliegen ganz in Ruhe etwas genauer erläutern. Den Bahnhof, den Kaiserhof, das ist alles was ich bisher hier gesehen habe, und was hier so lokalpolitisch abgeht, das kann ich ja nicht so einschätzen. Aber du erklärst mir das dann, das tust du doch?"

Ihre Augen schmachteten ihn an, und ein Du-kannst-von-mir-alles-haben Blick folgte ihm, da war er sicher, als er durch den Volkshochschulsaal zurück zum Podium hastete. Eigentlich unterklassig für seine Verhältnisse, diese Provinzveranstaltung, da hatte er wahrlich schon in hochkarätigerer Runde diskutiert. Doch alles hat sein Gutes, hier und heute war er der Star, und vielleicht würde ja noch jemand anderes um seine Nähe buhlen, es mußte ja nicht unbedingt diese Ortsvorsitzende der Jusos mit ihrer läppischen Petition betreffs der Erhaltung eines Feuchtbiotops sein. Wo waren jetzt diese ganzen Kleinstadtschönheiten, die er während der Diskussion beobachtet hatte?

Die Volkshochschulleiterin war fest in Händen von Schmidt-Schulze. Wenn er da jetzt hinging, und dem die Tour vermasselte, dann würde er heute wieder nicht ins Bett kommen. Der alte Weinschlauch wußte schon, wo er hier in der Ecke seinen Bauch mit einem französischen Gewächs füllen würde. Das hatte der schon vor der Veranstaltung ausgespäht und für die nötige Grundlage gesorgt. Er war furchtbar in Fahrt gewesen, heute, zwei-drittel-Gesellschaft, das war schließlich auch sein Leib- und Magen-Thema. Nein, keine Orgie mit Schmidt-Schulze. Er mußte sich fit halten, für morgen.

Erstmal zusammen mit Walther Jens und Uta Ranke-Heinemann. Live-Übertragung im Fernsehen. Zwar nur drittes Programm, aber immerhin! Worum sollte es eigentlich gehen? Egal, er brauchte eine grundsätzliche Strategie. Das Salbungsvolle Zurückgelehnte, das bringt der Jens, das Energische, ständig nach vorn übergebeugte, das macht die Uta. Wie sollte er da sitzen? Welche Position war sonst noch möglich? Er durfte keinesfalls wieder ins Freche, Ironische fallen, darüber war er nun längst hinaus. Das ist was für Jungliteraten, für Leute, die sich ständig wichtig machen müssen. Er war jetzt wirklich in die Klasse aufgestiegen, wo man es sich nicht mehr leisten kann, ehrgeizig zu scheinen. Mehr so in Richtung Gewissen der Nation, abgeklärt sein, über den Fraktionen stehen, nur der Moral, dem Wahren, Guten verpflichtet, das wäre richtig. Seine Essays kamen diesem Ideal näher, aber es war leicht beim Korrekturlesen jeden Anflug von Ironie, der ihm noch immer unterlief, nachträglich zu tilgen. Scheiß Essays, er sollte wirklich mal wieder Prosa schreiben. Der Verlag fragte ständig an, eine schmales Bändchen, unter hundert Seiten, das würde schon genügen.

Er hatte seine Tasche zusammengepackt, erhob sich von seinem Sessel auf dem Podium, und als er aufblickte, sah er in die Augen einer siebzehnjährigen Jungsozialistin, die vor Sehnsucht nach einer besseren Welt leuchteten. Irgendwie schien es, als wäre er für sie schon ein Teil dieser zukünftigen besseren Welt.

Die postmoderne Spielernatur

Ich nehme mir eine Person, nenne sie Paul, und schon habe ich eine mögliche Geschichte. Ich nehme mir eine zweite, männliche Person, lasse ihren Namen aber noch offen, und setzte sie in Beziehung zur ersten Person:

"Also Paul kennt da einen Typen, das kannst du dir gar nicht vorstellen!" Natürlich ist dieses Zitat von einer dritten Person, die wenn ich nur lange genug an ihr arbeite, einen Namen haben wird, und, sollte ich mir wirklich Mühe geben, so könnte sie sogar einen abgerundeten überzeugenden Charakter bekommen.

"Also dieser Bekannte von Paul, mir fällt jetzt der Name gerade nicht ein, dieser Typ eben, der rennt mir doch gestern - ich wollte gerade mal schnell über die Straße zum Zeitungskiosk - also, der rennt mir über`n Weg, quatscht mich an und es stellt sich heraus, daß der nur zwei Häuser weiter wohnt."

Langsam muß mir einfallen, wer hier wem... und was er ihm

"Und wie wir so ins Quatschen kommen, stellt sich heraus, daß der da schon gewohnt hat, lange bevor ich hergezogen bin, stell dir das mal vor!"

Irgendwie muß der Empfänger dieses Geredes, eine vierte Person mithin, unaufmerksam geworden sein, und muß sich deshalb jetzt was vorstellen.

"Und wir quatschen so, der Typ lädt mich auf'n Bier ein, bei mir inner Straße, bei Margot und Heinz, - kennste, wa? - und der Typ erzählt dauernd was von 'nem Paul. Ich stutze, und dann kapier ich endlich, daß der Paul, von dem der erzählt, der Paul ist, den ich auch kenne."

Und ich dachte schon ich könnte jenen Paul garnicht mehr gebrauchen. Es ist doch gut, wenn man beim erzählen einer Geschichte immer eine Person in petto hat.

"Kennen wir den gleichen Paul, irre, was?"

Und doch, das Gegenüber scheint nicht überzeugt.

"Kennste doch auch, Paul, der Typ der damals mit....- na wie hieß sie noch?-...abgehauen ist, nach Kreta. Muß so vier Jahre her sein jetzt, mein Gott, 'ne lange Zeit, was? Wenn man so denkt' Die jetzt folgende Pause ist dramaturgisch wichtig, obwohl eigentlich kein Text zur Überbrückung vorhanden ist.

"Nee, kanns'te garnicht kennen, den Paul, bist ja erst seit letztes Jahr hier, nicht? Na, dann kennst n halt nicht, den Paul!"

Und ich habe sie übrig, den Namen, die Person und eine mögliche Geschichte.

Der Urschlammschaufler

Als er seinen Schwanz endlich hervor gekramt hatte spürte er einen stechenden Schmerz, genau dort wo er seine überdehnte Blase im Unterleib vermutete. Er wagte es nicht, nochmal zu drücken. Minutenlang stand er vor der Kloschüssel, bemüht das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Ein gelber Pickelkopf nahe bei den ersten Schamhaaren an der Schwanzwurzel explodierte zwischen seinen Fingernägeln. Es war wie im Stummfilm, wenn sie die Münder bewegen, aber kein Laut zu hören ist. Er wartete darauf, daß vor seinen Augen ein Insert erscheint: schwarz, vielleicht mit einem stilisierten Blumenrankmotiv am Rande und darauf nur ein einziges Wort: PLOPP! Sein Schwanz hatte sich beim Kampf mit dem Pickel etwas versteift Er wunderte sich darüber, nach den diversen Flaschen heute, war damit eigentlich nicht mehr zu rechen. Er hoffte daß Marianne und Sanka zumindest soviel Männerkenntnis besaßen. Er war diese Erklärungen leid. Tröpfchenweise begann es endlich zu rinnen und steigerte sich dann doch zu einem stetigen Fluß.

"Du siehst verdammt Scheiße aus!" sagte er zu dem Gesicht, das ihn im Spiegel über dem Waschbecken trübe fixierte. Er überlegte kurz, ob es einen Sinne hätte, das Rasierzeug zu benutzen, das er beim Stöbern im Spiegelschrank gesehen hatte. Aber er wußte, wirklich helfen würde auch das nicht, also ließ er es bleiben. Er brauchte Schlaf, viel Schlaf, das war alles.

Als er schließlich aus dem Badezimmer herauskroch, war Sanka nicht mehr zu sehen. Die beiden hatten wohl um ihn gelost, und die Verliererin hieß Marianne. Sollte sie doch sehen, wie sie ihn wieder loswurde. Warum hatte die beiden ihn nicht liegenlassen, als der Wirt sie allesamt vor die Tür beförderte? Selbst schuld, Mädchen, dachte er, als er auf dem Sofa angelangt, sofort nach hinten über fiel. Sofort stürtzte sie sich auf ihn, zog sein Hemd aus dem Hosenbund und fummelte an seinen Gürtel herum. Als sie seine Hose dann endlich bis zu den Knieen heruntergewurstelt hatte, begann sie damit an seinem Ding zu spielen. Er versuchte an Nichts zu denken, schloß die Augen und hoffte, daß der Gedanke an Sex eventuell doch noch ein Plätzchen in seinem Hirn finden würde, wo er sich einnisten kann. Es war zwecklos. Er sah ihr zu, wie sie ihre Hose runterschob, den Slip nahm sie dabei gleich mit, und dann drückte sie ihm ihren dampfenden Busch aufs Gesicht. Sie roch nach Schweiß und Weib. Dann nahm sie sein schlaffes Stück Schwanz und es gelang ihr tatsächlich das Ding zwischen ihre Schamlippen zu quetschen. Sie klammerte ihre weissen Schenkel, in denen er nicht soviel Muskeln vermutet hätte, um seinen Körper und holte sich mit ganz kleinen Beckenstößen einen an ihm runter. Sogar sein Schwanz regte sich etwas, er spürte wie sie enger wurde. Fast gänzlich unbeteiligt, als wurde er durchs Schlüsselloch sehen, konnte er sie beobachten, wie sie sich wixte.

Er begann im Geiste damit, sich Notizen zu machen. Eine Kurzgeschichte würde sicher dabei herausspringen.

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:09
erstellt von jero

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