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Bov Bjerg: Grippe

Es klingelt. Vor der Tür stehen zwei Männer im Trenchcoat. Scheiße, Kripo-Bullen. In Windeseile durchsucht mein Kopf die Wohnung: Shit oder Gras, geklaute Software, Originale von Bekennerschreiben? Nein. Nicht einmal ein unangemeldeter Fernseher. Da, der eine macht den Mund auf: »Waffen, Funkgeräte, Munition?« Ich schüttle den Kopf. »Kinder dabei? - Guten Morgen. Kleiner Scherz. Wir wollten mit Ihnen über Gott reden und darüber, wie die Gewalt in die Welt kommt.« Ich bin so erleichtert, daß ich sie knutschen könnte. Aber dann kommen sie bestimmt nicht mehr in den Himmel. Also sage ich: »Kennen Sie schon den neuen Katechismus? Es gibt ein neues Gebot. Fünf A: Rede nicht morgens um halb zehn mit Ungläubigen über Gott!«

Ich lege mich wieder ins Bett. Ich Idiot. Warum sollte sich ein Zeuge Jehovas für den Katechismus interessieren? Ich huste und fühle mich sehr krank. An meinem Kopfkissen entdecke ich ein angenähtes Stoffbändchen, auf dem steht: 1965 sollten diese Federn gewaschen werden. Ich fühle mich noch etwas kranker. Es klingelt schon wieder. Vor der Tür ein junger Mann im Parka: »Sind Sie Tierfreund?« Ich: »Ja, und wie! Vor allem Hunde! Haben Sie Rezepte?« Bevor ich mich krankschreiben lasse, will ich mich waschen. Banner bannt Körpergeruch - und ich fernsehreklameungewohntes Kind dachte früher immer, die Seife hieße Bannerbannt, und Körpergeruch sei so etwas wie ihre Duftnote.

Auf dem Weg zur Ärztin eine rote Fußgängerampel. Kein Auto in Sicht. Alle gehen rüber, wie sich's gehört. Nur ein einzelner Mann bleibt stehen. Wahrscheinlich irgendeine Sekte, die es ihren Mitgliedern verbietet, bei rot über die Straße zu gehen.

Exkurs: Wartezimmergedanken.

Über die Zeugen Jehovas wird gern und viel gespottet. Sie klingeln ungefragt an unsrer Wohnungstür und provozieren durch stoisches Herumstehen in Fußgängerzonen. Am häufigsten sind die ehemaligen, längst resignierten schwäbischen Friedenskämpfer, Gütersloher Jusos usw. Von den Zeugen Jehovas werden sie ständig daran erinnert, daß sie heute den Arsch nicht mehr hoch kriegen und daß sie damals, beim Unterschriftensammeln und Mahnwache stehen, auch ein ziemlich dämliches Bild abgegeben haben.

Dabei sind die Zeugen gar nicht so schlimm. Gut, man wird einige Male im Lauf seines Lebens von ihnen geweckt oder aufgehalten. Aber sie sind so etwas wie der Knopf, den ein Lokführer regelmäßig drücken muß, damit der Zug nicht notbremst. Falls jemand versteht, was ich meine. Außerdem sind es 1A Kriegsdienstverweigerer.

Viel schlimmer sind die Antroposophen. Wenn ich das Wort Waldorfschule schon höre... Vorher ganz gesunde Kinder werden in weledafarbene Tücher gewickelt und systematisch neurotisiert, indem man sie zwingt zu tanzen, das heißt, harmonisch hin- und herzuspringen, sich sanft zu krümmen und zu biegen und dabei mit den Gewändern zu wallen. Dieses wohltemperierte Antroposophen-Tekkno heißt Eurhythmie und findet seine Krönung in regelmäßigen Schulausflügen. Berühmt sind die Waldorfschulen für ihre klasse Persönlichkeitsbildung. Goethe über alles, und aus der Zeit stammen auch die Erziehungsmethoden. Linkshänder werden auf rechts gedrillt und Erstkläßler, die nicht parieren, müssen mit dem Gesicht zur Wand in der Ecke stehen. Das Progressive daran ist, daß die Ecke keinen rechten Winkel hat. Genau so geht's da zu, und wenn ich lüge, sollen die Buchstaben aus dem Salbader fallen!

- Na also. Auf der nächsten Seite geht's weiter.


Eine Bekannte von mir hat mal in einem Waldorf-Kindergarten ein Praktikum absolviert und prompt hat ihrer Chefin Schwierigkeiten bekommen: Sie war mit den Kindern Schlittenfahren. Und das können so kleine Kinder gar nicht gut ab. Wenn die so hui den Hang hinuntertoben, bleibt der Astralleib nämlich oben stehen. Und der braucht dann ne ganze Weile, bis er hinterhergekommen ist, und das ist für die Kinder ungesund, psychisch oder energetisch oder metaphysisch oder so. Was die Chefin nicht gesagt hat: »Eigentlich müßten wir die Kleinen jetzt ja ersäufen. Aber wir wollen mal nicht so streng sein.«

Wo ich schon dabei bin, eine Lanze für die Verlachten und Erniedrigten zu brechen, will ich gleich noch ein paar Sätze über bzw. für Jogginghosen denken. Aber die Ärztin ruft.

Ich sage, daß ich nur - eine Krankschreibung brauche. Die Ärztin: »Nehmen Sie Medikamente?«

Ich: »Nein. Ich werd' mich ins Bett legen, Pfefferminztee mit Zitrone trinken und jeden Tag eine Packung Granola-Kekse essen. Ich brauch' keine Medikamente.«

Die Ärztin: »Brauchen Sie Medikamente?«

Ich: »Nein.«

Die Ärztin: »Ich verschreib' Ihnen die... (es folgt ein unverständlicher Name) ... die sind gut. Schleimlösend und so.«

Aha. Schleimlösend und so. So 'ne resolute Frau wünsch' ich dem Weizsäcker. Ich steh' schon wieder in der Tür, da sagt sie: »Die sind wirklich gut! Ich nehm' sie selber auch! Manchmal haben sie 'n paar Nebenwirkungen. Also z. B. Kopfschmerzen, Hautjucken, Vergeßlichkeit, Kopfschmerzen und Hautjucken. Aber nur ganz selten.«

Zuhause setze ich mich vors Bücherregal. Als es mir zu langweilig wird, ärgere ich mich, daß ich es nicht ausschalten kann.

Scheiß Pfefferminztee. Ich muß aufs Klo. Aber das geht nicht. Meine Füße stecken in den Riesenplüsch-Hausschuhen, die mir meine Mutter für den Winter geschickt hat. Modell Lustige Maus mit Augen, Schnauze und allem. Damit kann ich unmöglich auf mein Außenklo. Sonst denkt mein Nachbar, ich sei jetzt auch bei irgendeiner Sekte gelandet.

Später kreisen meine Gedanken um eines der letzten Tabus, das Waschbeckenpinkeln, sowie um einige jogginghosenfreundliche Sätze.

Copyright: Bov Bjerg

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero

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