Hans Duschke: Literaturkritik
Bei einer Vorablesung des nun folgenden Textes wurde Hans Duschke mangelnde lyrische Sensibilität vorgehalten. Hans Duschke erklärt dazu: Wenn noch mal jemand behauptet, er sei unsensibel, der kriegt auf 'e Schnauze!
Warum nicht Sarah Kirsch. Seit 30 Jahren schreibt sie Gedichte, nach Biermann mußte sie die DDR verlassen und lebt jetzt in einem Dorf in Schleswig-Holstein. Das ist doch typisch.
Sie ist ein schönes Beispiel für die zwei Dutzend Autoren, die sich die Verlage als Renommee halten, und die angeblich die wichtigen Schriftsteller (oder je nach dem: Dichter) in Deutschland sind. Außerdem hat sie einen neuen Gedichtband (heißt: Erlkönigs Tochter) herausgegeben, darüber schwätzen die Feuilletons, und das ist der Anlaß. Unpassend mag vielleicht scheinen, daß ich über ihre Gedichte, die ich langweilig und abgeschmackt finde, gar nicht sprechen will. Reimlos und mit freier Rhetorik werden Gedanken ins poetische Bild erlöst oder so: das geht mir am Arsch vorbei.
In Wahrheit ist es so: Ich habe von keinem der zwei Dutzend wichtigen Gegenwartsautoren Deutschlands je eine Zeile gelesen. Ich hoffe, es ist klar, von wem ich spreche, und ich muß nicht erst in den Feuilletons der überregionalen Tages- und Wochenzeitungen die Namen heraussuchen, die jeder kennt, auch wenn sie ihm nicht auf der Zunge liegen.
Zum Beispiel Sarah Kirsch. Wovon lebt die eigentlich? Sie schreibt seit 30 Jahren Gedichte, seit 15 in der BRD. Zumindest für die Zeit weiß ich, daß sie nicht vom Verkauf ihrer Bücher leben kann, weil: Gedichte kauft eh kein Schwein. Nun, ich stell mit das so vor: Sie kommt rüber und hoppla-hopp: Villa-Massimo-Stipendium, Österreichischer Staatspreis, Roswitha-Gedenkmedaille, Friedrich-Hölderlin-Preis, Stadtschreiber-Literaturpreis da und Stadtschreiber-Literaturpreis dort, Kunstpreis des Landes Schleswig-Holstein, Petraca-Preis... um nur die wichtigsten zu nennen. Jeweils 5 - 40.000 Mark, steuerfrei.
Ja, denke ich mir, so wird Frau Kirsch wohl ihren Lebensunterhalt finanzieren können, und überlege noch mal und denke, daß es wohl einige Dutzend Leute gibt, die so leben, und volkswirtschaftlich spielt das ja auch überhaupt keine Rolle. Dann sitzt man mal in einer Jury, und das gibt auch noch 'n paar Mark, oder fährt zu einer Lesung in eine Volkshochschule oder nach Berlin ins Literaturhaus; und ein eingetragener Schriftsteller darf in der BRD nicht unter 400 Mark Honorar nehmen, das ist so etwas wie eine gewerkschaftliche Errungenschaft.
So sitzt Frau Kirsch also ganz auskömmlich in ihrem kleinen Häuschen an der Nordseeküste und ist manchmal ein bißchen traurig. Dann schreibt sie schnell ein Gedicht: Wie gräuslich es auf der Welt zu geht, daß sie mit ihrem Partner eine so komplizierte Beziehung hat, oder daß man die Natur lieb haben soll, und die Umweltverschmutzung, die ist gar nicht gut. Aber das ist es nicht, was ärgert.
Ein Rias-Schulkind hat sie einmal gefragt: "Würden Sie auch Gedichte schreiben, wenn Sie nicht so berühmt wären oder auch kein Geld damit verdienen könnten?", und sie hat "Ja" gesagt. Es muß auch solche Leute geben, und ich neide ihr nicht die Leichtigkeit, mit der sie ihren Lebensunterhalt verdient.
Aber wenn ich, nur um Sarah Kirsch und all den anderen die Einkünfte nicht zu schmälern, regelmäßig lesen muß, daß diese Volltrottel und Arschgesichter angeblich literarische Spitzenleistungen hervorbringen, wenn ich so einen Scheiß regelmäßig angucken muß (denn ich les' den Dreck ja eh nicht), dann bin ich sauer. Und zwar zu Recht Übrigens: Sarah Kirsch war letztes Jahr in Norwegen in Urlaub, und darum ist ihr neues Buch für alle, die gern nach Norwegen in Urlaub fahren, sehr geeignet: wegen die stimmungsvolle Naturlyrik.