Horst Evers: Vor neun Uhr
Eine Großstadtmorgen aus der Küchenperspektive
Am Morgen weckte mich die durch den Innenhof dröhnende Stimme meiner Nachbarin Elfriede Langbein.
»Vor neun Uhr kein Altglas in den Altglascontainer legen, das ist verboten, Sie Verbrecher, Herr Schmidt.«
»Olle Schrapnelle«, grummelte es zurück.
»Oh, selber Schrapnelle, Herr Schmidt, wo kämen wir denn hin, wenn wir alle vor neun Uhr Altglas in den Altglascontainer legen würden, dann würden wir ja alle davon wach werden. Wir sind hier doch nicht bei den Hottentotten.«
»Hottentotten«, rufe ich aus dem Fenster und freue mich über den gelungenen Tageseinstieg. Ich schalte den Fernseher aus, schnippe die bis in die Fingerkuppen abgebrannte Zigarette in den Aschenbecher und bewege mich in die Küche.
Durchs Küchenfenster sehe ich, wie einer unserer Hausfaschos mit zwei erstaunlich großen, überberstend gefüllten Kohleneimer keuchend und schwitzend aus dem Keller hochgestapft kommt. Familie Fascho - Jörn Fascho, Benny Fascho und der gerade kohlenschleppende Mike Fascho - wohnen bei uns, als eine der letzten Mietparteien ohne Gasheizung, im vierten Stock. Ein schöner Gedanke, meine ich, und freue mich auf den harten Winter.
Hopp, hopp, hopp, Fascho schleppt den Topp, summe ich so vor mich hin und schenke mir einen Kaffee ein.
Es ist wirklich ein wunderschöner Morgen, nur: der Kaffee. Irgend etwas stimmt nicht mit ihm. Alle meine Tassen bleiben halbvoll. Gott sei Dank wußte meine Mutter Rat und hat mir noch einen anderen Kaffee als Jakobs Krönung geschickt. Schön, wenn man die Wahl hat, auch beim Kaffee. Meine rechte Hand hängt sich plötzlich aus dem Fenster und macht die Twix-Bewegung. Postwendend wirft mir jemand aus dem zweiten Stock einen Mars-Riegel an den Kopf.
Ich wickle ihn aus dem mitgeworfenen Luftpostpapier und lese: Raider heißt jetzt Citybank. Hahaha. Das bedeutet 24-Stunden-Banking, mit dem Airbag auch für den Beifahrersitz. Das telefonische Kennwort genügt und schon schickt ihnen Irene Gross ihren Traumpartner in einem neutralen Umschlag direkt ins Haus. Rollmops, denke ich und lache ausgesprochen dämlich.
Ich werfe einen Blick in mein Tagebuch:
Dienstag, 13.10.92
Pizza Service Nr. 1
Inhaber: Claus Mothes
Menge: 1
Bezeichnung: Pizza Hawaii
Preis: 15,90 DM
Menge: 1
Bezeichnung: Extra Käse
Preis: 2,50 DM
Gesamt: 18,40 DM
Wir bedanken uns für
ihre Bestellung.
Mittwoch, 14.10.92
Pizza Service Nr. 1
Inhaber: Claus Mothes
Menge: 1
Bezeichnung: Pizza Mista
Spezial Maxi
Preis: 17,90 DM
Wir bedanken uns.....
Seit ich mich vor einiger Zeit dazu entschlossen habe, nicht mehr selbst Tagebuch zu schreiben, sondern nur noch die Lieferzettel meines Pizzaservices abhefte, spare ich eine Menge Zeit. Eine kluge Entscheidung. Tagebuch lesen macht hungrig. Ich esse den Mars-Riegel. Mars heißt ja im Gegensatz zu Raider noch so wie früher, als es nur ein Mars gab und nicht vier verschiedene Sorten, inklusive sinnloser Pralinés, so daß ich heute immer stundenlang vor dein Supermarktregal stehe und mich nicht entscheiden kann, bis ich dann doch wieder ein Glas Mixed-Pickles nehme.
Mars mundet mir mega-marsig mächtig. Prima Slogan. Sollte ich einschicken, krieg ich bestimmten Mordsgeld für. Raider heißt ja nur wegen Europa heute Twix. Blödsinn eigentlich. Das is' so, als würde man den Ku-damm in Champs-Elysees umbenennen damit die Franzosen den hier finden. Dummköpfe alles. Als ob die Franzosen nur nach Berlin kommen, um hier Twix zu essen.
Trotzdem glaube ich, daß wir ein schönes Europa kriegen werden. Ein richtig schönes Europäisches Haus. Und im vierten Stock wohnen dann die Faschos und schleppen Kohlen aus dem Keller, während wir uns mit lecker Mars-Riegel bewerfen und Pizza-Service-Rechnungen sammeln. Die Haustür schließen wir natürlich fein ordentlich ab, vor allem nachts, damit nicht der Neger, weil man ihn nich' richtig sehen kann, reinkommt, auf dem Hausflur schläft und unsere Briefkästen leerfrist.
Das alles bezahlen wir mit dem Ecu, der ja auch der D-Mark im Moment so auf den Magen schlägt, weshalb sie wohl ständig neue Geldscheine auskotzt. Erst grad eben die letzten drei. Neuer 500- und 1000 Mark-Schein. Sinnloses Geld. Krieg ich eh nie zu Gesicht. Überhaupt idiotisch, so kurz vor dem Ecu nochmal neues Geld zu erfinden. Geldverschwendung sozusagen. Ziemlich blöder Witz. Ich beschließe diese Zeilen aus dem gelungenen Morgen zu streichen.
Aus dem vierten Stock hör ich's Krachen. Die Faschos schießen wieder auf die Tauben vom Dach nebenan. Gleich darauf donnert auch wieder Frau Langbeins Stimme durch den Innenhof.
»Vor neun Uhr nicht auf Tauben schießen. Das ist verboten, Sie Verbrecher!«
»Olle Schrapnelle«, murmelt es zurück.
»Oh, selber Schrapnelle, Sie gewaltbereite, verwahrloste, rechtsgerichtete Jugendliche, Sie. Wo kämen wir denn hin, wenn hier alle vor neun Uhr auf Tauben schießen würden. Wer auf Tauben schießt, der schießt eines Tages auch auf Hunde.«
Das wäre vielleicht nicht die schlechteste Lösung, denke ich, wenn sich das Gewaltpotential, der Unmut und die Feindschaft der faschistischen Verbrecher mal gegen die ganzen Hunde, die nämlich nun tatsächlich diese Stadt vollkommen überfremden, richten würde. Dann wäre eigentlich allen geholfen.
Pünktlich zu diesem Gedanken beginnt die liebeskranke Schäferhundtöle aus dem dritten Stock ihr Notgeilgeheul. Dazu schreit die alte Langbein nie etwas. Ungerecht.
Ich nehme einen tiefen Schluck aus der Kaffeetasse und bemerke, daß ich lieber Kakao hätte. Dazu müßte ich in den ToWi-Kauf an der Ecke, aber ich schrecke vor dem Gedanken, aus dem Haus zu gehen, zurück. Möglicherweise ist das vor neun Uhr verboten, und dann, man hört ja soviel...
Statt dessen wende ich mich zu meiner Blume, um mich mit ihr zu unterhalten. Sie schreit nicht, aber das ist auch kein Wunder. Blumen schreien nie, außer vielleicht bei Biene Maja, und außerdem ist diese Blume längst tot. Alle meine Blumen sind tot. Das ist so im Parterre. Aber ich hab wohl auch keine besonders gute Hand für Blumen. Niemand kann es mit mir aufnehmen, wenn es darum geht, jedwede Art von Pflanzen in möglichst kurzer Zeit eingehen zu lassen. Mein Rekord steht bei einem ehemals prächtigen Ficus Benjamini, den ich innerhalb von nur drei Tagen plattgemacht habe. Eine Leistung, die für sich spricht. Die letzte Pflanze habe ich mir vor dem Urlaub gekauft, damit meine Nachbarin was zum kümmern hat. Es war ganz schön mühsam, die Zierbrennessel noch so kurzfristig vor der Abreise zu bekommen. Heute ist sie leider auch schon am Ende.
Freunde von mir sagen, mein Unglück mit den kleinen grünen Freudenspendern läge auch an meiner Pflege, genauer gesagt, meiner Pflegephilosophie. Ich finde ja, Blumen können gar nicht früh genug lernen, auf eigenen Füßen zu stehen, ihr eigenes Leben zu leben. Die Blumen in freier Wildbahn werden schließlich auch nicht ständig umsorgt, gegossen und umgetopft. Überhaupt umtopfen, das hat der Mensch ja nur erfunden um die Blumen noch abhängiger von sich zu machen. Kann man nicht einen größeren Topf nehmen? Sinnloser Geiz. Viele denken, das alles wäre nur so, weil für die Blumen im freien Feld die Natur, also Gott sorgt. Da haben wir's also, Menschen, die ihre Blumen gießen, meinen sie wären Gott, Herrscher über Leben und Tod.
Ich möchte aber, daß die Blumen bei mir genauso leben wie in Freiheit, selbst entscheiden können, was sie wollen. Ich lasse ihnen ihre Natürlichkeit. Leider bringen sie sich deshalb alle um. Das versteh ich nicht.
Ich hatte auch mal eine Katze. Wenn der etwas mißfallen hat, also kein Futter oder Katzenklo dreckig, dann hat die einfach laut miaut und mal eben ins Altpapier gepinkelt. Nich' schön, aber das war doch mal ne Wortmeldung, da wußte man, was Sache ist. Sie konnte auch jederzeit in den Innenhof und hat da mit dem neurotischen Köter aus dem dritten Stock gespielt. Die beiden haben sich fast immer prima vertragen. Fast immer. Heute fehlt sie mir doch sehr. Immer, wenn ich woanders eine munter spielende Katze sehe, ergreift mich eine tiefe Traurigkeit. Meistens renne ich dann schnell nach Hause, rufe ein paarmal laut »Miau« und pinkel dann selbst ins Altpapier, aber irgendwie ist es nicht dasselbe.
Meine Blume mag der Hund nicht essen. Tote Sachen haben wohl keinen Reiz für ihn. Egal, es ist nach neun, endlich kann ich raus. Ich packe meine Sachen und mache mich auf den Weg zur Arbeit...