Hinark Husen: Marie-Cecile
Wenn nun wieder im Herbst der Regen häufiger fällt, und Menschen unfreiwillig durchgenäßt werden, erinnert das viele an Frustration und Grippeviren. Natürlich kann ich mich beidem schwerlich verschließen, allerdings werden bei mir, wenn ich im Regen spazierengehe oder auch zu eher ungewöhnlichen Zeiten ein Bad im Freien nehme, äußerst angenehme Erinnerungen wachgerufen. In mir steigt das Bild der Leeuwardener Kontaktlinsenträgerin Marie Cecile auf, einer ungewöhnlichen holländischen Germanistikstudentin, mit der ich einen feuchtfröhlichen Sommer verbrachte.
Alles fing so konventionell an. Ich war von ihr zum Essen eingeladen. Bewaffnet mit einer Flasche Sekt machte ich mich auf den Weg. Nicht, daß ich sie für dieses Ereignis großartig herausgeputzt erwartet hätte, aber als sie mir platschnaß, nur mit einem großen, weißen Frotteebadetuch um den Körper geschlungen, die Tür öffnete, war ich schon ein wenig konsterniert. Sie bat mich herein und offenbarte mir sogleich den herben Verlust einer ihrer optischen Krücken in der Dusche. Da sie seit Jahren schon keine Brille mehr besaß, bat sie mich, den Winzling in ihrer Duschkabine in der Küche eventuell doch noch aufzuspüren.
Ich schritt sogleich zur Tat und suchte - selbstverständlich noch völlig bekleidet - den Boden nach dem Flüchtling ab. Kaum aber, daß ich mich gebückt hatte, griff Marie Cecile beherzt und blitzschnell in Richtung des Wasserhahns, und es ergoß sich ein nicht unbeträchtlicher Strahl eiskalten Wassers auf meinen Rücken. »Damit dürfte deine Kontaktlinse wohl nun unwiderruflich verloren sein«, konstatierte ich trocken, oder besser formuliert: kühl.
Sie klärte mich darüber auf, daß sich das corpus delicti nach wie vor dort befand, wo es hingehört. Sie wollte halt nur ein kleines Späßchen machen.
Derlei Neckereien durchaus zugeneigt trat ich aus der Kabine heraus, griff der schlanke Blondine an die Hüften und bugsierte sie schnell und geschickt dort hin, wo ich eben noch jenen feuchten Willkommensgruß erhalten hatte. Natürlich wäre mir das bei entsprechender Gegenwehr ihrerseits kaum gelungen, sie war immerhin einen halben Kopf größer als ich, aber ihr Widerstand war rein formeller Natur, und so war auch sie wieder im nassen Element. Die recht teuren Armaturen machten es möglich, die Temperatur schnell auf ein angenehmes Duscherlebnis einzustellen.
Zu meiner größten Verblüffung blieb sie einfach in der Kabine stehen und befreite sich nun von ihrem Frotteetuch. Was ich dann sah, kannte ich bereits von unzähligen Badestränden: einen Bikini.
Sie trug tatsächlich einen Bikini unter dem Handtuch. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, Opfer einer geschickt eingefädelten Verarschung geworden zu sein.
»Du könntest schon mal den Sekt öffnen, zum Kochen bin ich leider nicht gekommen. Ich find's eh viel zu heiß, jetzt was Warmes zu essen.«
Ich reichte ihr das Glas in die Kabine, und sie verlangte sogleich nach der Flasche. »Komm doch rein!», sagte sie, »Hier läßt sich's aushalten.«
Nun gut, naß war ich eh schon. Wir verbrachten fast den gesamten Rest des Abends unter der Dusche und unterhielten uns prächtig. Sie erzählte mir von ihrem Freund in Holland und den Depressionen von Prinz Claus; ich erzählte Anekdoten aus meiner Jugend in Westfalen, und wie ich einmal Inge Meysel traf. Wir nahmen uns vor, diese Plaudereien zu institutionalisieren.
Da ich sie nun regelmäßig unter der Dusche besuchte, war ich besser vorbereitet. Ich hatte immer eine Badehose und zwei Flaschen billigen Weißwein mit, den man getrost auch als unfreiwillige Schorle trinken konnte. Auch sie hatte Erzählungen parat. Einmal nahm sie eine Plastiktüte mit unter die Dusche, aus der sie in Klarsichthüllen befindliche Texte herauszog.
»Ich hab ein paar Kurzgeschichten geschrieben, die ich dir gerne vorlesen möchte.«
Warum nicht, aber zugegebenerweise erschien mir der Großteil ihrer Werke zu oberlehrerinnenhaft und jedesmal, wenn mir eine Stelle zu zeigefingermäßig erschien, drosselte ich die Warmwasserzufuhr, und ein kalter Guß ließ sie erbost innehalten. Die reichlich genossene Weinschorle tat ihr übriges, und wir gerieten heftig aneinander. Sollte das schon das Ende unserer feuchtfröhlichen Diskussionsrunden werden? Überraschenderweise lud sie mich ungeachtet unseres Streites für die nächste Woche wieder ein.
Ich staunte nicht schlecht, als ich zum verabredeten Tag einen Unbekannten in ihrer Küche sitzen sah.
»Darf ich dir Pit vorstellen, ein Germanistikkomolitone von mir. Er findet meine Geschichten hochinteressant und möchte mit uns darüber diskutieren.«
Ich hatte meine Bedenken, wollte Marie Cecile aber nicht wieder vor den Kopf stoßen. »Es könnte ein bißchen eng werden«, gab ich nur zu bedenken, aber sie erwiderte, schließlich wollten wir da drin ja keinen Walzer tanzen.
Es kam, wie es kommen mußte. Allein, daß Pit völlig unbekleidet in unsere kleine Welt eintrat, gab mir zu denken. Und als Marie dann ihre Südafrika-Story trotz etlicher Wasserrinnsale auf der Klarsichthülle flüssig vortrug, traten bei Pit eindeutige Körperveränderungen ein, die schwerlich mit dem Inhalt ihrer gesellschaftskritischen Geschichte zu begründen waren. Dann begann dieser Schweinefinger auch noch in meiner Gegenwart, ihr am Bikinihöschen herumzunesteln.
Wie konnte er es wagen, unseren innovativen Literaturzirkel durch die Niederungen des schnöden Geschlechtstriebs zu untergraben.
Ich verabschiedete mich kurzfristig auf die Toilette in der Hoffnung, Marie Cecile würde ihm schon gehörig die Leviten lesen. Als ich die Küche wieder betrat, von einer Diskussion in der Kabine allerdings nichts zu hören, im Gegenteil. Es spielten sich ganz andere Dinge darin ab, die mich irgendwie daran hinderten, wieder einzutreten. Ich war zutiefst enttäuscht, trocknete mich ab, um mich sogleich in einer Eckkneipe rein innerlich zu befeuchten.
Nach diesem Vorfall traf ich Marie-Cecile nicht wieder. Ich nehme an, sie hat noch des öfteren zu zweit geduscht, allerdings bestimmt ohne ihre gar nicht so schlechten Geschichten vorzulegen.
Ich habe kurzfristig mit dem Gedanken gespielt eine Annonce aufzugeben:
Geisteswissenschaftler sucht Diskussionspartner, Badekleidung erforderlich, Handtuch wird gestellt, kein Sex!
Das Vorhaben scheiterte aber schnell in Ermangelung einer eigenen Duschkabine. Hin und wieder versuche ich im Hallenbad Seestraße ein ungezwungenes Gespräch in der Gemeinschaftsdusche anzuzetteln, für den Fall der Fälle halte ich auch immer eine Flasche Wein in meinem Schließfach bereit, aber außer einer Androhung verprügelt zu werden, hat mir das noch nichts eingebracht.
Seither bin ich dazu übergegangen, alleine im Wasser zu meditieren.