Andreas Scheffler: Unter Vegetariern
Einer meiner obersten Grundsätze ist es, niemals nach Frankreich zu fahren. Und zwar, weil der Franzose ein Frauenheld ist.
Eine meiner schlimmsten Jugenderinnerungen fällt in die Zeit, als in meiner ostwestfälischen Heimat Schulaustausche nach Frankreich üblich waren. Ich selbst habe diesen Firlefanz nie mitgemacht, aber alle meine Schulfreundinnen waren dabei. Alle sprachen von nichts anderem mehr als von meinem Franzosen, und der ist sooo süß, keine einzige hatte eine Französin. Und alle naselang kommen diese Hansels zu Besuch. Dann wurden Henri, Philip, Pascal, Jean Lui, Jean Luc, Jean Jacques und so weiter auf Parties herumgereicht wie Attraktionen. Dabei waren sie so langweilig, pickelig und strähnig wie alle anderen auch. Ich aber war abgemeldet. - Niemals Frankreich, sagte ich mir schon damals.
Einmal aber wäre ich doch fast hingefahren. Meine blonde Begleiterin wollte nämlich so oder so nach Paris, und ich mußte zu ihrem Schutz natürlich mit. Das ganze hat sich zwar später zerschlagen, aber kaum war dieser Vorsatz gebrochen, folgte windesschnell die nächste Fraktur: Ich ließ mich dazu überreden, ein vegetarisches Restaurant zu besuchen. Ein Bekannter, der keine toten Tiere essen mag, hatte zu einem sogenannten Urlaubs-Abschieds-Essen geladen. Das Wort Einladung hatte ich mißverstanden, denn bezahlen mußte ich später trotzdem. Wir betraten also die Gaststätte, ein Lokal dessen Name Thürnagel wohl so etwas wie Rustikalität und Ländlichkeit, Natur und Bauernhaus anzeigen sollte. Das Wort Tür aber war mit te ha geschrieben. Das war dann das Avantgardistische.
Hinter einem Seegrasvorhang beginnt das Restaurant. Etwa fünfzehn weißgedeckte Tische, bestellt mit Kerzen und toten Blumen. Ich wundere mich, daß nicht die Gesänge der Buckelwale durch die Lautsprecherboxen schallen. Still ist es.
Ein Blick auf die Getränkekarte, und mir ist alles klar: Whisky wird nicht gereicht. Aber Vodka gibts. Immerhin. Während ich nach der Speiseliste suche, überlegt Herr Ruiz, ob er nicht ein alkoholfreies Bier trinken müsse. Bis auf unseren vermeintlichen Gastgeber wirken alle ein wenig verunsichert. Ich leiste dem Kollegen Schützenhilfe und bestelle ein richtiges Bier nebst Vodka. Ein allgemeines Rätselraten beginnt, was denn wohl Tofu sei. Doch da kommt mein Vodka. Prost. Die Bedienerin schaut, als hätte ich ein Steak verlangt, als ich gleich noch einen Schnaps bestelle. - Übrigens trägt sie einen Wollpullover mit Rollkragen, der wahrscheinlich fürchterlich kratzt. Und ein Ekzem hat sie am Mundwinkel. Ich kann mir nicht helfen, aber nach meinen Beobachtungen ist die Hautkrankheitsrate bei diesen biologischen Menschen ein Vielfaches des Normalbürgers. Wenigstens hat sie nicht irgendeine weiße Salbe draufgeschmiert. Das wäre dann doch zu eklig. Es gibt ja nichts Widerlicheres als Hautausschlag, weiße Salben im Mundwinkel und Mentholzigaretten. - Iiigitt!
Dummerweise muß ich bei der Essensbestellung an eklige Salben denken, und mir wird ein wenig schlecht. Trotzdem ordere ich irgendwas und noch ein Pils. Herr Jensen möchte eine Vorspeise als Hauptgericht. »Du mußt auch immer eine Extrawurst haben!«, rufe ich lustig, doch keiner lacht. Statt dessen starrt die Bedienung mich eisig an. Zur Strafe bestelle ich noch einen Vodka.
Bald bekommen alle ihre undefinierbaren Gerichte und begutachten ihre Teller. Ich habe hauptsächlich Spinat und Broccoli, und alles schwimmt in einer roten Soße. Wieder stecke ich in einem Kreis, bei dem wild die Gabeln herumfliegen, um beim anderen mal etwas zu probieren. Forken stechen in die Gebilde auf meinem Teller und hinterlassen gelbe und grüne Soßenflecke. Die Tischdecke sieht genauso aus. Unangenehm.
Frau Schmidt meint, Fleisch bei sich entdeckt zu haben, doch Herr Jensen weiß, daß es Seetang ist. Natürlich wollen alle probieren. »Mensch!«, ruft jeder begeistert, »das ist ja fast wie Fleisch!«
Ich stopfe also pflichtschuldig mein fades Essen in mich hinein. Es schmeckt nicht, aber ich werde satt. Immerhin. Und zum Abschluß noch ein Vodka zur Verdauung.