Andreas Scheffler: Licht ins Dunkel bringen
Trotz mancherlei Fortschritts in allen Lebenslagen, sehen wir uns doch immer wieder komplizierten Orakeln des Alltagslebens gegenüber. Fortwährend stellen sich uns Rätsel, die dringend der Aufklärung bedürfen.
Seltsam zum Beispiel mutet die Gepflogenheit der Bauleuteschaft an, gerade asphaltierte Straßenzüge nach wenigen Tagen wieder unter großem technischen Einsatz aufzureißen, als sei nämlich eine Schere oder ähnliches zurückgelassen worden, nach einigen Tagen die Decke wieder zu schließen, um kurze Zeit später nochmalig gewaltige Krater in die Oberfläche zu stanzen.
Mysteriös auch der Entstehungsprozeß von Unmengen zähen Schleims zur Nacht im Mund- und Rachenraum, der dann am Morgen unter Mitwirkung der Perestaltik vulkanartig hervorstößt.
Rätselhaft erscheint der innere Zwang beinahe aller Menschen, auch mit dem allerentferntesten Bekannten, dessen Name man sich womöglich noch nicht einmal erinnert, mit diesem Bekannten, wenn man ihn zufällig trifft, im Kaufhaus, auf der Straße, in der U-Bahn oder an anderen bevölkerten Orten, mit diesem, dem Gehirn nur noch in Schemen bekannten Menschen, unbedingt ein Gespräch führen zu müssen. Obwohl beide nach einer knappen Begrüßung lieber ihres Weges gingen, in ihre Zeitung oder ihr Buch vertieft blieben, hebt ein Gestammel, Gekrampfe und Gewürge an, daß es ganz unerträglich zu erleben, wie auch mit anzusehen ist.
Befremdlich bleibt die Herkunft der erstaunlichen Anzahl benutzter Kondome, die an Eingängen von U-Bahnhöfen wie von Geistes Hand abgelegt worden zu sein scheinen.
Absolut nicht zu verstehen ist das aggressive Propagieren des Nichtrauchens durch Autofahrer, die wohl vom Oralen nichts halten mögen, die auch durch eine vorgetäuschte Frischluftzufuhr hinter geschlossenen Fenstern sich vielleicht geschätzt fühlen, welche aber vom Stickstoffoxyd- und Schwermetallausstoß des Kraftfahrzeugs im Vergleich zum Kondensat und Nikotin einer Selbstgedrehten nichts hören wollen.
Was noch mancher Erklärung bedarf, ist das Vorhandensein von Kellerasseln in ihnen namentlich nicht zuerkannten Räumen, beispielsweise in Küchen, wo sie nun wirklich nichts zu suchen haben, zumal sie auch für Lebensmittel keinerlei Interesse zu haben scheinen, einfach nur dumm herumkrauchen, kein Stück zutraulich sind, sich nicht streicheln lassen, sondern einfach nur eklig sind.
Leichter zu erklären ist dagegen die Angewohnheit unserer Kontaktbereichsbeamten, in vertrauten Kreis von Freunden und Bekannten sich selbst als Intimbereichsbeamte zu bezeichnen, gerade wenn sofort darauf ein feistes Lachen zu vernehmen ist.
Vollständig aufgeklärt ist inzwischen die schlechte und mühevolle Entzifferbarkeit von zur Nacht angefertigten Stichwortzetteln, dies zumeist in einer eckigen Gaststätte unter dem Einfluß zahlreicher Humpen hellen Bieres.
So hellt sich täglich unsre Welt und bringt doch stündlich neue Wunder.