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Jürgen Witte: Steglitz, eine erste Annäherung

Nur zögernd und vorsichtig kann ich es wagen mich dem Gegenstand zu nähern. Steglitz, ein Berg von Vorurteilen scheint wider diesen Bezirk aufgetürmt, und mühsam ist es, sich durch dieses Dickicht von dubioser Demagogie zu kämpfen, ein Fünkchen Wahrheit zu erhaschen. Steglitz, was ist das? Ist es das zweitklassige Wilmersdorf, oder ist es das erstklassige Tempelhof? Ja, ist es am Ende gar beides?

Als ich vor nunmehr gut einem dreiviertel Jahr in diese südliche Suburbia verschlagen wurde, waren die Herzen der Kollegen des Mitleids für mich voll, aber auch härnisch-schadenfrohe Töne wurden angeschlagen. Steglitz, das ist anscheinend für meinesgleichen eine Verbannung. Die Winter mögen im Süden milder sein, aber die Einsamkeit, das Lustlose, der Szene entrissene, das gemahnt schon an Sibirien. Nun laßt mich also berichten, wie es ist, dort wo keiner von Euch auch nur begraben sein will.

Was zunächst auffällt, geht man durch die gefegten Straßen, ist eine eklatante Unterversorgung mit Schenken, Kaschemmen, oder auch Budiken, wie der Berliner sagt, wenn er sich mal wieder um Lokalkolorit bemüht. Hat in Neukölln jeder Block zumindest an seinen vier Ecken eine Lokalität, wo, so man dürstet wohl einkehren ist, so gibt es in Steglitz fast nur Restaurants, die den Bierdurstigen mit mehrseitigen Speisekarten malträtieren, in denen sich das gewünschte Getränk meist erst auf der letzten Seite lokalisieren läßt.

Wer daraus den Schluß zieht, daß in Steglitz weniger gesoffen wird, liegt allerdings falsch. Die wohlsortierten Supermärkte offerieren Alkoholika in einem üppigen Umfange, wie ich es andernorts nur von Spezialgeschäften gewohnt war. Der Steglitzer säuft, aber er säuft am liebsten zu Hause. Daraus läßt sich auch gleich ersehen, warum nur recht selten betrunkene Menschen auf den Straßen torkeln. Die Taylorisierung des Saufens: Der Weg zwischen Rauschausleben und Rauschausschlafen wurde extrem minimiert.

Das Laufen überhaupt ist dem Steglitzer unangenehm, es sein denn, man tut es absichtlich und kann es als Spazierengehen verkaufen. Die einzig konsequenten Geher sind gerade jene, denen es am meisten Schwierigkeiten bereitet: Die Rentnerinnen. Was die jungen Menschen angeht, so überfüllen sie die Busse der BVG, oder sie fahren oft Cabriolet.

Menschen zwischen 30 und 55 sieht man kaum auf den Straßen, sie arbeiten anscheinend auswärts, und kehren nur zum Schlafen nach Steglitz zurück. Nur die gelegentlich vorbeiziehenden Schulländerhorden drängen immer wieder den Verdacht auf, daß auch ihre Eltern hier irgendwo leben müssen. Man hat sich, für mich als Neuköllner überraschend, ständig der gefährlich schwenkenden Ranzen dieser er zu erwehren, die konsequent auf dem Rücken getragen werden. Ob dies ein Sieg der Orthopäden oder eine Folge der Rucksackmode ist, läßt sich nicht eindeutig feststellen.

Mutti wird's dennoch zufrieden sein. Voll im Berufsleben stehende Männer sieht man, wie gesagt, überhaupt nicht, nur gelegentlich gelingt es, ihnen aufzulauern, und man erhascht einen Blick, wie sie gerade den Wagen geparkt haben und dann schleunigst hinter einer Haustür verschwinden. Ihre Frauen erspäht man etwas häufiger, beispielsweise im Supermarkt, wo sie dann zumeist eine andere Frau kennen, und sich mit Sätzen wie »Ja, dich sieht man ja überhaupt nicht mehr!« begrüßen.

Man lebt in Steglitz unter Menschen, die sich, bevor sie ihre Wohnung verlassen, mit einem Blick in den Spiegel darüber ins Bild gesetzt haben, daß an ihnen alles in Ordnung ist. Dieser prüfende Blick gilt für beide Geschlechter und für alle Generationen. Welch furchtbare Strafe die Mißachtung dieses Gebots nach sich ziehen wird, werde ich in einigen Monaten herausgefunden haben.

Das modische Ideal des Bezirks ist ein unaufdringlich gepflegter Chic, der jugendliche Extravaganzen nur eingeschränkt duldet. Weiße Kostümjacke und brauner halblanger Rock zum weißen Escort-Cabrio ist für eine Endzwanzigerin durchaus in Ordnung, aber die beiden Mittzwanzigerinnen in meiner Straße, die diesen Sommer allmorgendlich in Glitzer-Leggins und Lurexbluse mit breiten Taillengürtel ihre Kinderwagen zum Spielplatz lenkten, waren sofort als Außenseiter erkennbar.

Nicht, daß man in Steglitz nicht Prolli wäre, aber man will es nicht jedem gleich auf die Nase binden. Die meisten Mädchen in Steglitz sehen aus wie gelungene Töchter ihrer Mütter, und man braucht die Mutter dabei nicht unbedingt zu kennen. Sieht man aber beide gemeinsam, so geht das bisweilen bis zum generationsübergreifenden Partnerlook, und eines Tage werde ich bei Eis-Hennich erleben, wie der Freund der Tochter aus Versehen die Mutter küßt. Das Werbefernsehen hat eben doch mehr Realitätsgehalt, als man gemeinhin so denkt.

Auch die Rama-Familie scheint in vielen Köpfen hier nicht ausrottbar. Man ist bereit, für das Backwerk zum Frühstück unverschämt hohe Preise zu entrichten, ohne Murren und Klagen. Man hofft wohl damit, sich die morgendliche Familieneintracht zu erkaufen. Ich werde mir abgewöhnen müssen, Kommentare zum Steglitzer Preisgefüge abzugeben. Nur die eine oder andere Rentnerin findet sich manchmal bereit, über Geld zu reden, die anderen geben es nur aus.

Doch die Wirklichkeit ist auch hier rauher als der Schein. Schon frühzeitig werden die Kinder an die harten Regeln des Kapitalismus gewöhnt. Wenn es nicht regnet, sitzen die Grundschüler auf schmuddeligen Decken vor Reichelt und bieten ihre Comic-Hefte und Spielsachen feil. Und manche Mutti läßt da ihren alten Gesichtsbräuner mitverhökern. Hinter der Fassade von Wohlanständigkeit und finanzieller Unabhängigkeit verbirgt sich nicht selten blanke Not.

So ist unter den drei Porschebesitzern in meiner Straße einer, der für seinen verunfallten Wagen eine weiße Spoilerheckklappe und einen braunen Kotflügel gebraucht kaufen mußte, und er kann es sich noch nicht einmal leisten, diese endlich in der metallic-blauen Farbe des Rest-Autos spritzen zu lassen.

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:09
erstellt von jero

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