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Bov Bjerg: Darf man Nazis hauen?

Es war spätabends in einem Haus an der Rosenthaler Straße. Ich stand vor einem Notenständer und las etwas vor. Das Auditorium lauschte gebannt, manchmal lachte es, mal laut heraus, mal verhalten. Ich näherte mich dem Höhepunkt meiner Geschichte, nein: wir, Publikum und ich, näherten uns dem Höhepunkt der Geschichte, nach und nach baute ich allerhand Verwicklungen auf, alles schwieg, langsam stiegen wir höher und höher, einer weiteren, der vielleicht besten Pointe entgegen - gleich würde ich mit einem einzigen Halbsatz den Spannungsknoten zerschlagen, das Lachen, so hoffte ich, wurde erheblich sein und kein Ende nehmen.

In diesem Augenblick geschah der Tumult. Von der Straße drang ein Krachen herauf, ein Grummeln oder ein Röcheln, ein "Aua!" und ein "Oh weh!" hinterher. Die ersten Zuhörer und -innen sprangen schon zum Fenster, während andere, höflichere, noch warteten, hoffnungslos abgelenkt durch das womöglich recht grausige Geschehen dort unten auf der Straße. Mein "Kunstgespinst" (Thomas Mann) unterlag der Attraktivität des richtigen Lebens, mein "Bienenstock" (Thomas Mann), mein "Fuchsbau" (Thomas Mann) stürzte in sich zusammen. Das Werk eines Augenblicks. Dies konstatierend, begab auch ich mich zum Fenster und schaute hinab.

Gegenüber auf dem Bürgersteig lag ein junger Mann. Er trug schwarze Stiefel mit weißen Schnürsenkeln, eine abgeschnittene Jeans, eine grüne Plastikjacke und keine Haare. Ich war sehr ungehalten über ihn. Er hatte meinen Vortrag unterbrochen, er hatte meinen Fuchsbau zerstört! Andererseits tat er mir leid. Hatte nicht in jeder Zeitung gestanden, daß sich die Nazi-Skins die Haare wieder länger wachsen ließen wg. Prügelprophylaxe? Entweder konnte der junge Mann nicht lesen - das war schlimm. Oder er weigerte sich, die Haare wachsen zu lassen, weil er ein sozusagen ewiggestriger Skinhead war. Das war erst recht schlimm, denn ein ewiggestriger Skinhead hat´s schwer: Er wird von seinen Mit-Skins geschnitten und muß ganz alleine rumlaufen, und wenn er dann nach Mitte gerät, wird er rumsbums zum sozusagen Modernisierungsverlierer.

Wir, meine Mit-Vorleser und ich, sagten, um deutlich zu machen, daß wir immer noch Herr der Lage waren: "Pause!", und dann war Pause.

Der junge Kahlkopf, behauptete jemand, sei ins Haus getragen worden und werde soeben im Nebenraum verarztet. "Ob der Kopf noch heile ist, weiß man nicht. Baseballschläger..." Das klang nicht schön. Betreten blickten manche zu Boden. Vielleicht war er schon tot? Aufgebahrt im Nebenzimmer! "Aber der ist doch selber noch die Treppen hochgegangen!" Eine Frau gab zu bedenken, daß ihn dabei jemand habe stützen müssen. Und keinen Ton habe er von sich gegeben. Endlich weiß einer von einem Aufnäher zu berichten, den er "an dem Typen" gesehen habe: "White Pride" sei draufgestanden. "Und passiert ist dem gar nix. Paar Beulen vielleicht. Null Blut!" Die Betroffenheit wich aus den Gesichtern. Jemand grinste verschämt. Glatze mit Beulen. Das sah bestimmt ziemlich dämlich aus.

Irgendein Tropf hatte die Polizei gerufen, die, seltsam genug, sofort da war und drei Mann hoch herumwichtigte. Die Polizisten waren nicht bereit, Auskunft zu geben. Es war unklar, ob sie überhaupt mehr wußten als wir.

Nun stehen drei Fragen im Raum.

Erstens: Sind Nazis denn keine Menschen? Dazu muß ich leider sagen: Ich bin kein Wissenschaftler. Aber man soll auch nicht alles den Experten überlassen. Also sage ich als Laie: Jaja, dochdoch.

Zweitens: Darf man Nazis hauen? Nein, man soll die Nazis nicht hauen. Wer trotzdem so einen Trieb in sich spürt, der soll´s nicht nur aus Spaß tun, sondern auch aus Verantwortung. Dann ist es moralisch gebongt und hat meinen päpstlichen Segen, obwohl ich selbst in der Beziehung abstinent lebe.

Drittens: Und wie ging´s aus? Ich konnte dann doch noch einen Blick auf ihn erhaschen, als er das "Behandlungszimmer" verließ. Einen riesigen Kopfverband trug er. Und sagte kein einziges Wort. Als er die Treppe runterstapfte, rief einer: "Und paß auf, daß dich in Hellersdorf keiner für ´nen Inder hält!"

Nach diesem Witz konnte ich mein "Kunstgespinst", meinen "Bienenstock", meinen "Fuchsbau" endgültig vergessen.

Dazu ein Rezipient, "der sich in seinem Glauben an Deutschland nicht irre machen lassen wird":

"Eure Toleranz gilt nur gegenüber Euren verhätschelten Minderheiten und Randgruppen, allen möglichen Fremd- und Subkulturen. Nur das eigene Volk ist Euch scheißegal. Ihr verdammten Nationalmasochisten. Hoffentlich kommt der Tag, an dem solchen antideutschen und linksextremen (...usw...) das Maul gestopft (...usw.)"

Copyright: Bov Bjerg

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero

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