Hans Duschke: Kann man die essen?
Es ist Sommer, die Zeit des rituellen Einzugs buntkostümierter Horden aus Restdeutschland. Von denen sieht man nicht viel, die schlendern über den Ku´damm und staunen, wie in Deutschland wieder Uniform getragen wird.
Freunde und flüchtige Bekannte sind in Urlaub gefahren. Ich hab´ auch Urlaub, da brauch´ ich nicht erst hinfahren.
Am Sonntag aber werden Kleinfamilien gebildet, Es geht ins Grüne. Du mußt auch mit. S-Bahn-Umsteigeoptionen werden ausdiskutiert, nach 35 Minuten Fahrt ist Aus-dem-Fenster-schauen Pflicht: »Guck mal, die Landschaft.«
Dann steigst du irgendwo aus, sagst: »Hier war ich noch nie!«, den anderen geht es genauso. Es ist tatsächlich grün. Alles lebt, krabbelt umher, jedes Stück Erde ist mit monströsem, grünem Schimmel bedeckt. Hier ist die Natur noch nicht auf gesundes Mindestmaß zurückgeschraubt, hier wuchert es. Ein Schild weist den Weg zur Clara-Zetkin-Gedenkstätte. Das wollen wir sehen. Aber Sonntags, wenn der Proletarier frei hat, ist hier geschlossen.
Da hinten fängt schon Wald an. Da wird jetzt spazieren gegangen. Gerade willst du dir eine Zigarette anstecken, da kommt die Erinnerung an das Rauchverbot im Wald; kaum zehn Minuten später die nächste Diskussion: Wohin mit der Kippe. Ganz in der Nähe rauscht die Autobahn. Dieser Wald ist keine Sehenswürdigkeit, wir haben ihn ganz für uns allein.
Auf dem schmalen Weg versuchen wir, der Pferdescheiße auszuweichen. Onkel Hans (das bin ich) darf Sohn Eriks Skateboard tragen, da findet Onkel Andreas einen Pilz. Wir beschließen, daß es sich um einen Pfifferling handelt. In der Mütze der Washington Redskins wird der Pilz gesammelt. Onkel, Onkel, Mutter, Sohn sind zu Jägern und Sammlern geworden. Wer zeigt uns den ekligsten Käfer, der ist ja unheimlich schleimig, aus diesem Schimmel da wird bestimmt die Neonfarbe der modernen Schulranzen gewonnen, wer traut sich, die Kröte anzufassen.
Sonntag Nachmittag, Pilze sammeln. Jeder einzelne muß sorgfältig geprüft werden; auf alle Fälle: Sohn Erik hat ein Kinderlexikon zu Hause, da sind auch Bilder von den Giftpilzen drin.
Nach zweieinhalb Stunden haben wir so viele (26!): Eine Tüte muß her. Aus dem mitgeführten Tagesspiegel wird ein Behältnis gefaltet.
Uns tun die Füße weh. Mutter Sarah lädt zum Essen (Pilzpfanne), Onkel Andreas möchte nicht: Kommt gar nicht in Frage, der soll gefälligst nicht so feige sein.
Zurück zur S-Bahn. Wir haben uns kaum verlaufen. Schöner Ausflug, aber auch schön, wieder in der Stadt zu sein. An der Oberbaumbrücke stehen einige Angler. Ob die das Dreckszeug auch essen, was sie da aus der Spree holen? Wahrscheinlich, sie sehen so heruntergekommen aus: der Hunger quälts rein.
Unsere Pilze sind im Kinderlexikon nicht abgebildet. Sie werden gewaschen, geputzt, kleingeschnitten, gewürzt, angebraten und verspeist. Nur Mutter Sarah schiebt die Stückchen unauffällig an den Tellerrand. Ein Pilz schmeckte sehr bitter.
Nun müssen wir noch zwei Stunden beieinander bleiben. Die Krankenhausnotrufnummer ist griffbereit, flaue Witze werden gerissen, Onkel Andreas hat echtes hypochondrisches Talent. »Und? Merkst Du schon was?« Er spürt´s im Magen, während ich überzeugt bin, daß mein Speichel immer zähflüssiger wird. Wie gut, daß wir Sohn Erik dabei haben, so´n Kleiner ist ein idealer Vorkoster.
Nach zwei Stunden, das Kind ist immer noch recht fidel, beschließen wir, daß wir wohl Glück gehabt haben.
Zu Hause hole ich meinen Pilz ans der Jackettasche, ich glaube, es ist ein Fliegenpilz. Er wird in Scheiben geschnitten und auf der Fensterbank getrocknet. Fliegen wollt´ ich schon immer mal. Ich nasche ein Stückchen, warte ein Weichen, merke nichts und nehme noch ein Stück. Und hebe ab.