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Hans Duschke: Zu Besuch in der Hauptstadt

Freundschaften muß man pflegen. Ich besitze Freunde mit Warmwasser, mit Dusche, Telefon, Badewanne gar. (Hat hier wer ein Fax? Zu Dir wär´ ich besonders nett.) Sabine hat das alles und noch mehr: Sabine hat eine Nähmaschine. Von allen Frauen, die eine Nähmaschine besitzen, ist sie mir die Liebste.

Vier löchrige Jeans sollen zu dreien ohne Knieeingriff umgearbeitet werden. Ich kann das. Das Nähmaschinen-Gaspedal ist eine meiner liebsten Kindheitserinnerungen.

Drei Nadel später, ich bin allein in der 3-Zimmer-WG. Die Fäden werd´ ich später einsammeln, die Stoffreste und die herumliegenden Werkzeuge.

Badewasser einlassen, den Fernseher (Kabelanschluß!) auf dem Waschbeckenrand postiert, so stellt Duschke sich den Luxus vor. Mit schaumnassen Fingern aber mag ich nicht umschalten. (Die Angst vor dem sog. Strom, und - es gibt keine Fernbedienung.) Welches Programm also? CNN: Die schalten automatisch um.

Nach dieser zugegeben langen Einleitung, der Fachmann sagt Exposition dazu:

Die Wohnungstür öffnet sich. Jeanine Wurzer aus Schladming, Studentin der Sprachwissenschaft in Salzburg, und eine Cousine zweiten Grades der Mitbewohnerin meiner Freundin ist zum Berlin-Besuch angekommen. Am Bahnhof wurde sie empfangen, ihr der Schlüssel in die Hand gedrückt, die Gastgeberin hat jetzt keine Zeit.

Die Wohnung sollte eigentlich leer sein, aber da kommen Plansch- und Fernsehgeräusche aus dem Badezimmer. Jeanine bekommt einen Schrecken. sie sagt keinen Ton. Dann schaut sie doch herein, die Tür ist ja nur angelehnt: Da liegt ein nackter Mann in der Badewanne! Sie traut sich gar nicht hinzuschauen. Ich bin ihr erstes aufregendes Berlin-Erlebnis. So verrückt geht es hier zu. Völlig überraschend liegen fremde Männer in Badewannen herum. Das ist Berlin. Das ist Kreuzberg. Das ist Subkultur.

Dem Abgetrockneten, er steigt in eine frisch restaurierte Jeans, beginnt sie dialektgefärbt von ihrem biederen Leben in der Provinz zu erzählen, von ihrem Studium, daß sie nur um der Eltern Willen fortfährt, der langweiligen Stadt, in der niemals fremde Männer in Badewannen herumliegen. Es ist deprimierend. Ich bin das erste Abenteuer, daß sie ihren angepaßten Kommilitoninnen daheim erzählen kann.

Nichts wie raus hier, sonst bin ich noch verabredet: Szene vorführen: Rauf und runter die Oranienburger Straße. Schnell die wichtigsten Telefongespräche geführt und ab in den Osten, Bier trinken gehen.

Doch rund um das Tacheles, ich weiß nicht warum, sind die Gesprächsfetzen vom Nebentisch unerträglich: Das Pärchen war in Urlaub: »Wir haben sogar den Anrufbeantworter abgestellt.« - »Du, das könnt ich gar nicht.«

»Du weißt ja, wie das ist, wenn man den ganzen Tag so aufgedreht ist.« verständigen sich zwei erfolgreich rotierende Rädchen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, daß sie es auch nicht leicht haben.

Jedoch: Es gibt auch nette Menschen. Wo - wird nicht verraten.

Copyright: Hans Duschke

zuletzt verändert: 12.06.2006 00:09
erstellt von jero

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