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Horst Evers: Eine Großstadtnachmittag aus der Frisörperspektive

Warum ich an jenem Tag überhaupt das Haus verlassen habe, ist mir leider bis zum Abend hin nicht ganz klar geworden. Lange Zeit haben irgendwelche abgelegenen und eigentlich im recht wenig genutzten Zellen in meiner Hirnzentrale die Theorie vertreten, ich wollte meinen Personalausweis verlängern lassen. Tatsächlich jedoch bin ich nie auch nur in die Nähe der Meldestelle gekommen und hatte darüber hinaus auch keinerlei Papiere dabei.

Nun, dies bescherte mir zwar einerseits die angenehme Gewißheit, daß ich schon meine, guten Gründe hatte, besagte Gehirnzellen praktisch nicht zu nutzen, andererseits stand ich jedoch auf einmal recht nutz- und sinnlos auf dem Bürgersteg herum und behinderte den Durchgangsverkehr. Ich weiß auch nicht, warum ich immer wieder in solch schwierige und schier ausweglose Situationen gerate. Aber wenn man darüber nachdenkt, wird´s immer nur noch schlimmer. Ich dachte darüber nach.

Nach einer Weile, so ungefähr einer halben Stunde, sprach mich eine junge Frau an. Ich würde mich sicher erkälten, wenn ich noch länger so mit offenem Mund im Wind stände. Ich hielt mir schnell die Hand vors Gesicht und war tief beschämt, ob solcher Fürsorge und Freundlichkeit. Unbedingt wollte ich mich erkenntlich zeigen und schaute mich hektisch um. Leider standen wir direkt vor einem Frisörladen. Naja, besser als nix.

»Darf ich Sie zum Dank zum Frisör einladen?«

Sie willigte ein und wir betraten den Laden.

Es war ein junges Frisiergeschäft, für junge, unkomplizierte Leute mit Mut zum Haarrisiko und beachtlichem Einkommen. Die jugendliche Frische von kalten, sterilen Wänden mit geometrischen Farbmustern und metallisch glänzenden Schneide-, Form- und Waschwerkzeugen strahlte uns entgegen. Beinah alles war fast identisch mit der Stu- Stu- Studio-Line-Reklame, die ich immer so gerne sehe. Ich fühlte mich gleich wie ein Trabbi in Ludwigsburg.

Eine junge Frau kam auf uns zu. Beherzt ergriff ich die Initiative.

»Ich hätte gern eine Maniküre und sie eine Frauiküre.«*

Die Frisörsfrau lachte. Immerhin. Trotzdem versuchte ich es nochmal anders.

»Na gut, bitte einmal schneiden, waschen, legen, föhnen, in Form bringen und mit den Farben des Herbstes verzieren.«

Jetzt starrte die schöne Stylistin auf meinen, unfreiwillig eher spärlich, genau genommen praktisch gar nicht behaarten Kopf, als wollte Sie sagen: ›Das soll ja wohl´n Scherz sein.‹

Vorsichtshalber lachte ich schon mal. Wirkte leider ziemlich dämlich. Mist, keine 30 Sekunden im Laden und schon als Trottel entlarvt. Tragisch.

Meine Begleiterin wollte dasselbe. Bei ihr war es kein Problem.

»Aber,« warf die dunkelhäutige Scherenmadonna ein, »das Boot ist voll. Wir können Sie erst in zweieinhalb Stunden drannehmen. Möchten Sie solange einen Kaffee?«

»Sehr gern, haben Sie auch ein Bier?«

»Klar, lieber rosé oder weiß?«

»Weder noch, aber mit einem lustigen Hütchen wäre nett.«

»Kein Problem.«

Kurz darauf bekamen wir unsere zwei Kaffee.

Meine hilfsbereite junge Frau von der Straße schien es schon langsam zu bereuen mich angesprochen zu haben. Wahrscheinlich fragte sie sich gerade, warum Sie eigentlich heute überhaupt das Haus verlassen hatte. Ich versuchte sie auf andere Gedanken zu bringen.

»Ich gehe ja sehr gerne zum Frisör. Seit es dort Vorbestellungen und deshalb lange Wartezeiten für Normalkunden gibt, sind das ja die billigsten Kneipen der Stadt.«

Sie lächelte gequält. Was ich denn sonst so mache, wollte sie wissen. Verdammt, schon wieder diese Frage auf die es eigentlich keine Antwort gibt. Obwohl meine Lieblingsantwort, ich sei Briefkastenleerer bei der Post und zufrieden stolz darauf, eigentlich ganz gut funktioniert, probierte ich eine neue Variante.

»Ich ein im Bankwesen beschäftigt und auf dem Sprung zur Selbständigkeit.«

»Oh, das ist interessant, ich studiere BWL und schreibe gerade an einer Arbeit über den neuen Finanzmarkt Europa. Da können Sie mir sicher einiges über das Syndrom der Stagflation zusammenwachsender Märkte erklären.«

Verdammt!, ich Idiot. Warum konnte ich mir nicht auch einen Beruf ausdenken, von dem ich wenigstens noch ein bißchen verstehe, Privatdetektiv oder Sportjournalist vielleicht. Egal, ich versuchte die Situation zu retten.

»Eigentlich bin ich ja in meiner Bank im wesentlichen für die Sportberichterstattung zuständig.«

Die junge Frau schlug zweimal kurz mit der Stirn auf die Tischplatte, lächelte mich dann aber wieder freundlich an.

»Ach, was sie nicht sagen, das ist interessant.«

»Ja, denken Sie nur, zur Zeit arbeite ich gerade daran, wie man den Schalker Kreisel von 1970 für moderne Kreditbanken nutzen kann.«

Es redete sinnlos aus mir heraus, und ich konnte mich nicht dagegen wehren. Das lag aber auch daran, daß immer wieder die eine oder andere Haarstylistin aus den Untiefen des Ladens zu uns geschlichen kam, meinen Kopf betrachtete, um dann kichernd davonzulaufen. Wahrscheinlich losten sie gerade hinten aus, wer mich frisieren dürfte.

Das alles mir verursachte mir schreckliche Bauchschmerzen. Auch das noch. Und dann diese Angst. Womöglich war es ein Magengeschwür oder der Blinddarm oder Krebs oder die Leber oder das Herz, das auch kein rechtes Zuhause hatte oder es war sogar ein Alien, das ich schon seit Tagen mit mir rumtrug und das jetzt so sinnlos aus mir rausfaselte. Na das würde ja eine schöne Schweinerei geben, wenn das hier gleich meine Magenwand durchbrechen und das Licht der Welt erblicken würde. Ich bekäme dann sicher Ladenverbot.

Ich dachte nur einen Gedanken, den aber konzentriert und ausschließlich: Hoffentlich, hoffentlich, hoffentlich sind es Blähungen. Dann wäre wenigstens mit einem guten Furz alles gegessen.

Kurz darauf stellte sich heraus, daß es Blähungen waren, was aber nicht unbedingt zu meiner Beliebtheit im Laden beitrug. Ich glaube sogar meiner Begleiterin wäre ein Alien lieber gewesen. Hastig verließ sie den Laden, und auch ich machte mich wenig später auf den Heimweg.

Das Frisörgeschäft habe ich seither gemieden.


*) Trotz einiger, mir zu Ohren gekommenen, gegenteiligen Ansichten, bin ich nach wie vor der Meinung, daß dies einer der phantastischsten Wortwitze unserer Zeit ist. Und: Zum Beweis beachte man den folgenden Satz. (Der Verfasser)

»Der Witz ist Scheiße.« der Redakteur

»Er ist gut.« der Verfasser

»Er fliegt raus.« der Redakteur

»Und er bleibt doch drin.« der Verfasser

»Bleibt er nicht.« der Redakteur

»Doch.« der Verfasser

»Sie sind gefeuert.« der Redakteur

»Ruhig Blut, ruhig Blut, vielleicht sollten wir das lieber an anderer Stelle besprechen. der,« den Redakteur sehr verehrende, Verfasser

»In Ordnung, in dieser Sache haben Sie wohl recht.« der, den Verfasser wie einen verzogenen Sohn liebende, Redakteur

Copyright: Horst Evers

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero

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