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Hinark Husen: Gebt dem Land, was dem Land gebührt

Die Bonner Republik hat sie nie gehabt, die nationale Mahn- und Gedenkstätte. Da aber nun mal jeder Staat seine zentrale Kranzabwurfstelle für ausländische Gäste braucht tingelte man auf den nahegelegenen Nordfriedhof. Zweifelsohne eine Notlösung und peinlich zugleich.

Friedhöfe sind dafür bekannt, daß auf ihnen eh schon massenhaft Kränze herumliegen, und wenn dann das Gebinde des beispielsweise bolivianischen Verkehrsministers kleiner ausfällt, als die üppigen letzten Grüße für einen rheinländischen Industriellen gleich nebenan, so erzeugt das schnell Irritationen. Nein, blumige Ehrenbezeugungen gehören auf Beton gelegt, damit ein appetitlicher Kontrast entsteht und selbst das mickrigste Primelchen Würde und Respekt ausstrahlt. Insofern ist natürlich die neue Wache besser geeignet. Außerdem entsteht dort gleich nebenan das Auswärtige Amt, der Ansprechpartner für ausländische Staatsgäste und so brauchen diese nur über die Straße zu hüpfen und eben schwuppdiwupp ihr Grünzeug der trauernden Mutter mit Kopftuch vor die Füße zu legen.

Dafür hat sich Helmut Kohl ja entschieden. Es soll eine auf das achtfach gezoomte Skulptur von Käthe Kollwitz sein, nicht zu verwechseln mit der fast namensgleichen Käthe Kruse, die ja auch Künstlerin war. Mir persönlich gefiele ja die Vergrößerung einer ihrer Puppen auch sehr gut, aber der Sache wäre wohl nur partiell gedient, wenn allein amerikanische Politiker mit einer solchen Darstellung etwas anfangen könnten, ›lt´s a barbi, isn´t it?‹

Aber wer hat denn den Leitsatz aufgestellt, daß man in einer Gedenkstätte nicht auch mal schmunzeln darf. Man sollte die Firma Steiff beauftragen, einen großen Plüschadler herzustellen. Natürlich mußten sie auf ihren Knopf verzichten, Schleichwerbung in einer solchen Stätte wäre des marktwirtschaftlichen wohl doch etwas zu viel. Aber schließlich hat ein Adler keine Ohren und somit erledigt sich das Problem von selbst, wenn nicht, ja wenn nicht der Berliner, und so kennt man ihn, darauf bestünde, neben das Federvieh einen kleinen Bären zu postieren, wegen des Lokalkolorits.

Aber es soll ja nun mal die trauernde Mutter sein. Hoffentlich nur kommt mal ein Südsee-Amtsträger auf die Idee, seinen Kranz um den Hals der Kopftuchträgerin zu hängen, um ein wenig Farbe in ihr trostloses Dasein zu bringen. Der dicke König von Tonga wäre die Idealbesetzung für so ein Spektakel. Als ausgewiesener Deutschland-Kenner wird er sich an Brandts einmaligen Kniefall in Warschau erinnern. Dergleichen käme für seine 400Pfund schwere Körpermasse selbstredend nicht in Frage, aber kaum daß er den würdevollen Raum betritt, holt er kräftig aus. Sein mächtiger Arm mit dem Kranz in der Hand beschreibt einen Halbkreis, das Gebinde fliegt im hohen Bogen und unter wahnsinnigen Blitzlichtgewitter durch die Halle und landet zielsicher um den Hals der Kollwitschen Leichenträgerin.

Gut gemacht König von Tonga!!! Sollte das Schule machen, könnte man auch einfache Stäbe aufstellen, um die Treffsicherheit alternder Staatsoberhäupter zu gewährleisten. Aber... es soll ja die trauernde Mutter sein.

Ein Problem, daß ich bisher nur am Rande gestreift habe, ist der Kopfschmuck der Skulptur, welches ein Frauenbild evoziert, daß vielen Feministinnen gar nicht schmecken dürfte. Dem ersten Mahnmal in der neuen Wache, einem schlichten Silberkranz auf schwarzem Sockel von 1931, sind 1948 die Blätter ausgerissen worden. Irgendeiner autonomen Roten-Zora-Gruppe wird es sicherlich gelingen, in einer wunderschönen Nacht- und Nebelaktion der zukünftigen Mutter der Nation, die trotz anders lautender Gerüchte nicht die Gesichtszüge von Inge Meysel tragen wird, was ich an dieser Stelle ausdrücklich bedauere, irgendeiner entschlossenen Gruppe also müßte es doch gelingen der Dame das Kopftuch zu klauen.

Wahrscheinlich werden sie es wegätzen müssen und man sollte wohl nicht damit rechnen, daß hernach Haare zum Vorschein kommen. Soweit hat selbst eine so fortschrittliche Frau wie die Kollwitz beim Modellieren nicht vordenken können. Aber das dürfen wir auch gar nicht verlangen. Das Ziel war ja die Befreiung von diesem elenden Knechtschaftszeichen, und wenn sie eh schon mal an ihr zugange sind, möchte man doch hoffen, daß sie ihr auch den linken Arm abschweifen um ihn dann kämpferisch mit geschlossener Faust in der Höhe wieder aufzurichten. Für den eh schon total toten Filius ist der eine Arm durchaus ausreichend.

Ein nationaler Konsens ist für diese Version nicht zu erwarten, aber ich erachte das für eine recht akzeptable Lösung. Nichtsdestotrotz wären auch jenseits der traurigen Mutter künstlerische Verarbeitungen deutschen Daseins in einer solchen Stätte denkbar. Boys Fettecken beispielsweise, spiegeln sie doch die Vergangenheit und auch den aktuellen Zustand dieser Republik erstaunlich gut wieder, und hier gerieten sie auf keinen Fall in die Gefahr von ahnungslosen Reinigungskräften zerstört zu werden.

Der ganze Raum gehört eigentlich eingefettet, damit die Herren und Damen Politikerinnen mal so richtig auf ihrer Schleimspur ausrutschen. Oder noch zeitgerechter eine Videoinstallation bevorzugt von Nam Jung Paik, der wunderbare Monitortannenbäume gebastelt hat, die dann pausenlos widerliche Kriegsfilmsequenzen und Nachrichtenspots ausstrahlen müßten. Eine Gedenkstätte also, bei der man nach 10 Minuten verinnerlichter Betrachtung richtig real abkotzen kann. Was kann man Schöneres erwarten von einer solchen Einrichtung?

Copyright: Hinark Husen

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero

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