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Hinark Husen: Edelsteine

Mir traten schier die Augäpfel ans den Höhlen. Ja, das waren mit Abstand die allerschönsten Steine, die ich jemals zu Gesicht bekam. Ihr fluoreszierendes Blau war von einer derartig blendenden Intensität, daß ich zunächst vermeinte, jemand hätte statt der üblichen Geruchskiller tatsächlich Saphire in das Urinoir gelegt. Enttäuschende Gewißheit erlangte ich jedoch schnell durch den bewährten Pinkeltest und siehe da, wieder war ich um eine Illusion ärmer. Wie gut, daß ich denn doch noch der rechten Eingebung gefolgt war und die vermeidlichen Kostbarkeiten mit den flüssigen Endprodukt meines Stoffwechsels konfrontierte. Echte Saphire ficht ein solcher Härtetest nicht an, sie bleiben farbecht, Hygienesteine dagegen zumal solche wie diese sind in der Lage binnen Sekunden ihre ganze Umgebung chromatisch zu beeinflussen.

Wieder knapp am zufälligen Reichtum vorbeigeschrammt beschloß ich zumindest mit diesem Unikat den Grundstein für eine einzigartige Sammlung von Klo- und Pissuoirhygiene-Artikeln zu schaffen. Das mir noch am unversehrtesten erscheinende Teil wurde rasch und geschickt in ein Tempo gewickelt und nach dem beendeten Knabengang stolz meiner Kneipenverabredung präsentiert, die sich gerade an einer klaren Hühnerbrühe delektierte, »Schau doch mal, was ich da schönes gefunden habe« entfuhr es mir begeistert und reichte ihr hektisch das Kleinod herüber, das sogleich, ich weiß nicht mehr genau, ob es meine Hypermotorik oder ihr leichtes Unwohlsein verursachte, gezielt den Weg in die Suppe fand. Blitzeflink schnellten meine Finger in die heiße Flüssigkeit.

Gott sei dank, mein Juwel hatte kaum an Substanz verloren. Myriam indes verweigerte sich überraschend der weiteren Nahrungsaufnahme. Das Azurblau, in dem die Brühe jetzt erstrahlte, schien erstaunlicherweise jeden Appetit in ihr zu erlöschen und all mein Lamentieren, daß man doch so eine herrliche Suppe nur aufgrund dieser zugegeben extravaganten Kolorierung nicht zurückgeben kann, ließ sie völlig kalt. Auch mein Argument, daß der Stein des Anstoßes noch beinahe jungfräulich in ihre Mahlzeit plumpste, konnte sie nicht erweichen. »Das sieht ja aus wie eine Heidelbeer-Kaltschale, iß du es doch, wenn du glaubst, das schmeckt noch!«

Nicht das ich großen Hunger gehabt hätte, aber mein Vertrauen in die deutsche Hygiene-Industrie ist groß und viele Artikel tragen ja inzwischen auch schon den blauen Umwelt-Engel, was ja fast das gleich ist wie das CMA-Qualitätsgüte-Siegel für Markenprodukte der hiesigen Landwirtschaft.

Zweifelsohne, es muß am Huhn gelegen haben, daß ich die nächsten zwei Tage im Bett verbrachte, nur unterbrochen von einem ständigen Drang die Toilette zu besuchen und das in einer Frequenz, die jedem Hochleistungssportler vor der Doping - Kontrolle die helle Freude ins Gesicht gezaubert hätte. Allein dieser Umstand konnte mich dennoch nicht davon abhalten, meinen täglichen Gang hinunter zum Postkasten zu machen, um der anschließenden Zeitungslektüre zu frönen. Als ich noch so mit dem Aufschließen beschäftigt bin, schweift mein Blick ab auf den Kasten des Nachbarn, aus dem deutlich eine Karte aus dem überfüllten Schacht ragt. Es juckt gewaltig in den Fingern. Ein kurzer, absichernder Blick nach rechts und links, man will ja nicht überfahren werden, und schwuppdiwupp halte ich die fremde Grußbotschaft in meinen Händen.

Ja, in unserem Hause funktioniert sie noch - die soziale Kontrolle. Und als ob ich es geahnt hätte, ein griechischer Adonis auf der Vorderseite und ein mit homophilen Anspielungen gespickter Text hintendrauf. Gerade will ich mich ohnmächtig aufregen über diese schwulen Schweinereien, als mich eine körpereigene Schweinerei davon ablenkt. In persönlicher Bestleistung erklimme ich die weit über 39 Stufen bis zur eigenen Innentoilette und atme erleichtert auf. Der Stoffwechsel diktiert einem mitunter derartig das Verhalten, daß einem gar nicht mehr die Möglichkeit gegeben ist, moralische oder sonst irgendwelche Über-Ich Instanzen zur Geltung kommen zu lassen. Und dann, als hätte die rein äußerliche Qual nicht vollkommen ausgereicht überfallen mich auch noch Gewissensbisse. Was geht mich das Liebesleben meiner Nachbarn an? Sehr viel, beschließe ich kurzerhand, wenn man bedenkt, daß ich es schon seit Jahren auf meinen Nachbarn abgesehen habe. Aber der hat ja nur Augen für irgendwelche Griechenlandurlauber.

Am frühen Morgen des nächsten Tages werfe ich die Karte in seinen inzwischen leeren Postkasten, in der festen Gewißheit, daß er die eintägige Verzögerung gewiß nicht registrieren wird. Just in dem Augenblick als ich das Korpus Delicti in den schwarzen Schlund gleiten lasse entfährt meinem Mundwerk ein unbotmäßiger Fluch: Scheiß Sonntage! Ja, Gottverdammtnochmal, es ist Sonntag und was, wenn er nun seine abonnierte Wochenendzeitung aus dem Kasten holt. Der Mann ist nicht blöde, der weiß auch, daß Sonntags selten Post kommt. In dem sicheren Gedanken, diese Karte darf heute nicht von ihm gelesen werden, beschließe ich, abermals posträuberisch auf Biggs Spuren zu wandeln und im allerbesten Vertrauen auf mein schlankes Händchen lasse ich dieselbe einen beschwerlichen Weg beschreiten.

Montag ist auch noch ein Tag und zweifelsohne geeigneter, vermeintlich ungelegene Ansichtskarten zu erhalten. Das Reinkommen bereitet nicht die allergrößten Probleme, da ja, jetzt hab ich dich und nun nur noch wieder zurück, aber, ja was soll ich sagen, man wird es ahnen, rein ist nicht raus. Steckengeblieben, und das just im dem Moment, da ich Schritte aus dem Treppenhaus registriere. Schritte, die auf mich zukommen und mich unweigerlich entlarven werden. Ein letztes schwules Stoßgebet: bei Hadrian, Truman Capote und Manfred Wörner, wenn ich heil aus diesem Schlammassel raus komme, werde ich nicht mehr auf euren Spuren wandeln! Umsonst, die Treppenabsteigerin erreicht mein Blickfeld just in dem Augenblick als ich der azurblauen Hühnerbrühe erneut Tribut zahlen muß. »Ach, da schau an!« bemerkt sie süffisant; »der Herr Husen hat mal wieder seinen Postkastenschlüssel verlegt.«

Hoffnung keimt auf. Frau Müller scheint den Fehlgriff nicht bemerkt zu haben und ebensowenig, daß ich mir vor Scham in die Hosen gemacht habe. ›Scham und Schande‹ erst jetzt wird mir so richtig klar, was Salman Rushdie in seinem gleichnamigen Roman so unvergleichlich beschrieben hat. Frau Müller kümmert sich nicht weiter um die eventuell entstandene Geruchsbelästigung und verläßt das Haus. Auch meine Hand sollte jetzt so schnell wie möglich diesen fremden Postkasten verlassen, damit ich den Rest des Tage ungestört und schamlos auf der Toilette verbringen kann. Ein kräftiger Ruck und ein noch kräftigerer Schrei. Zweifelsohne, meine Hand befand sich nun in einem wesentlich schlechteren Zustand als noch zuvor im Postkasten. Ich schlich die Treppen hoch und beschloß ohne Gegenstimme, diesen Tag zum Spitzenreiter in der Kategorie beschissenster Tag der Woche zu erklären und das noch mit guten Chancen auf die Nominierung zum absoluten Scheißtag des Monats.

In der folgenden Nacht konnte ich erleichtert feststellen, daß mein Verdauungstrakt den Kampf gegen die azurblaue Hühnerbrühe gewonnen hatte. Beim Betrachten meiner schmerzenden Hand lief mir allerdings ein eiskalter Schauer über den Rücken. Sollte es möglich sein, daß sämtliche Pigmentreste des Pißsteins hier endgelagert waren? Perfide Rache meines malträtierten Körpers? Ein großer Teil des Handrückens war ballonartig aufgebläht und präsentierte sich in einem satten Blauton. Es war an der Zeit meine kritische Distanz zu Krankenhäusern und Unfallstationen zu überdenken und sich dorthin zu begeben.

Man fragte mich ob es sich um einen Arbeitsunfall handelte. Ich verneine schüchtern. Es folgte das übliche Prozedere, Röntgen, Gipsen, man bietet mir einen in hellblau an, das wird besonders gern genommen, ich bestehe aber auf Rosa. Die Charité verlasse ich in aufgeräumter Stimmung. Nirgendwo habe ich Blecheimer mit zu kleinen Kindern drin gesehen und denke, dieses Krankenhaus ist besser als sein Ruf. Wieder Zuhause werfe ich die blauen Pißsteine in eine gelbe Tonne und hoffe, daß wenn sie auf einer Müllkippe in Übersee gelandet sind, die Indonesier oder sonst irgendwer etwas vernünftigeres damit anstellen.

Copyright: Hinark Husen

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero

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