Andreas Scheffler: Fin de siecle
Wenn man den Status eines Gemeinwesens daran ablesen kann, wie hoch sein Prozentsatz an Menschen ist, die in ihren beruflichen Fortkommen gescheitert sind, und wenn ferner das alte deutsche Sprichwort »Wer nichts wird, wird Wirt« der Wahrheit entspricht, dann zeigt sich besonders in Berlin-Mitte die Rezession von ihrer schlimmsten Seite. Kneipen und andere Lokale schießen aus dem Boden wie Champignons auf der Kuhweide nach einem Regenschauer. Ich nutze die Situation und setze mich in die neu eröffnete Wirtschaft »Schwarze Pumpe«; wie üblich habe ich Zettel und Stift vor mir liegen. Auf diese Weise wird man entweder für einen Kneipentester oder für einen Künstler gehalten und kann in ersterem Fall mit einer zuvorkommenden Bedienung sowie mit ein oder zwei Gratisgetränken rechnen. Im zweiten Fall zumindest mit Aufmerksamkeit und Ehrfurcht.
Doch hier scheint alles irgendwie mit Kunst zu tun zu haben. Schwarze Klamotten. Man trägt allenthalben schwarze Klamotten. Die Männer sehen alle so aus, als kennen sie ihren Sartre inwendig, bei den Damen ist es eher Camus. Ich mache nichts her, trage zwar ein schwarzes Hemd, Seide sogar - zumindest 50 Prozent -, habe zwar einen Zettel vor mir liegen, doch es steht nichts drauf.
Es wird Zeit. Nach fünf Bier und drei Whisky wird man als Kneipentester unglaubwürdig. Von Franz Kafka ist bekannt, daß er als Erwachsener selbst kein Bier getrunken hat, aber ein großes Vergnügen dabei empfand, andere beim Biergenuß zu beobachten. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte mit Kafka nicht nur das schwindsüchtige Äußere und ein paar private Probleme, sondern auch diese Eigenschaft gemeinsam. ›Fin de siecle‹, schreibe ich auf, ›die Menschen trugen schwarz und gaben sich schwülstigen Vergnügungen hin.‹ Korrektur: Die Intellektuellen trugen schwarz, redeten klug daher und gaben sich schwülstigen Vergnügungen hin. Wieder leben wir im Fin de siecle. - Kommt bald die Jahrhundertwende? - Vermutlich, doch ob es vierzehn Jahre später Krieg gibt, weiß niemand. Franz Kafka hat seine großen Romane erst nach dem Krieg geschrieben. Wie lange muß ich noch warten? Halte ich diese Spanne aus? Einstweilen werde ich beobachten.
Aus einer Ecke grölt ein Gast zum Tresen: »Machste mir, mal ´n großes Bier!« Da ist sie wieder, diese alte semantische Unzulänglichkeit. Meine Höflichkeit allerdings verbietet es mir, den Zecher direkt zu belehren, und ich rufe dem Thekenmann zu.- »Würden Sie mir bitte ein großes Glas mit kühlem Gerstensaft füllen, nach Art der Wirte, so wie es seit Jahrhunderten Tradition ist!« Allgemein erhebt sich verhaltenes Gelächter. Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande. Aber der Wirt hat mich verstanden und liefert ordnungsgemäß einen Humpen Radeberger. Am Nebentisch sagt er »Ein Wernesgrüner.« und schaut fragend um sich. Ein Gast erklärt unzutreffend: »Das bin ich.« - So hoch ist der Anteil Bieres in seinem Körper nun doch noch nicht, daß er sich als Ganzes schon als ein Bier bezeichnen dürfte.
Gespräche flirren umher. Jemand erklärt seine Vorliebe für Lappland. Die Einwohner dort hätten etwas ›Ursprüngliches‹, wie der Skandinavier ja überhaupt etwas ›Ursprüngliches‹ habe. Ein anderer mit kahlrasiertem Schädel schaut immer wieder hinter seinem Laptop hervor und berichtet, wie gut seine Agentur ›angelaufen‹ sei, um anschließend wieder hektisch tippend hinter seinem Koffercomputer zu verschwinden. An gegenüberliegender Stelle sinniert jemand darüber, daß Noah ja laut Bibel 950 Jahre alt geworden ist. Es sei nun interessant zu erfahren, welche Spanne davon er ein Pflegefall gewesen und seinen Söhnen Sem, Ham und Jafet eine Last geworden sei. - Das ist für mich zuviel.
Ich lege meine Zettel weg und hole ein Buch hervor. Stephen King, ES. Das lese ich schon zum dritten Mal. Einzelne schauen, als würde ich die BILD-Zeitung lesen. Mein Tischnachbar sagt, so würde ich eigentlich gar nicht aussehen. »Und nach welcher Lektüre sehe ich aus?«, frage ich. Er überlegt kurz und sagt dann leise: »Kafka, du siehst irgendwie nach Kafka aus.« - »Hab´ ich schon durch«, grummele ich und gehe erstmal auf´s Klo.
Abtrittgedanken: Was ist eigentlich unangenehmer, denke ich? - Auf dem WC eines Lokals zu sitzen, wie gewohnt seinen Stuhlgang zu erledigen, dabei eine stattliche Zahl verschiedenster Geräusche von sich zu geben und auch unvermeidlich einen unschönen Geruch zu erzeugen, in jedem Fall also, so sachte man sich auch anzustellen bemüht ist, dem neben der Kabine stehenden unsichtbaren Urinoirbenutzer gegenüber auffällig zu werden; deshalb, auch wenn das Geschäft abgeschlossen ist, noch längere Zeit in der Kabine zu verweilen, das Geräusch des Händewaschens und des Türöffnens sowie -schließens abzuwarten, um letztenendes unerkannt wieder seinen Platz aufzusuchen, oder aber ist es unangenehmer, die Rolle des Neben-der-Kabine-Stehenden innezuhaben, um die Peinlichkeit des Sitzenden und krampfhaft um Geräuscharmut Bemühten zu wissen, sich bewußt sein, durch seine Anwesenheit, dem Stuhlgehenden herbe Unannehmlichkeiten zu bereiten; möglicherweise zu überlegen, etwas Beruhigendes zu rufen, wie »Lassen Sie der Natur nur ihren Gang!«, davon dann doch Abstand zu nehmen, weil man vielleicht gar nicht bemerkt worden ist, sich demnach auch besonders leise verhält, folglich das Wasserlassen ebenfalls nicht die reine Freude ist?
Wie auch immer: Die WC-Benutzung ist ein blöder Krampf im sonst vergnüglichen Lokalbesuch.
Ich beschließe, daß das für heute reicht.
Fin de jour.