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Andreas Scheffler: Wie ich aussehe

»Weißt du eigentlich, wie du aussiehst?«, ist eine Frage, die einem meistens von älteren Menschen gestellt wird, welche damit ihrer Kritik an Kleidung und Haartracht Ausdruck verleihen wollen. Auf diese Frage wird in der Regel keine Antwort erwartet. Tatsächlich will der Fragende seinerseits die Replik herausrufen, meistens in Form einer mehr oder weniger gelungenen Metapher. - »Wie der letzte Mensch« ist eines der weniger originellen Bilder.

In meiner Jugend wurde ich so oft mit dieser Frage konfrontiert, daß ich mich letztenendes entschloß, die selbstverfaßten Luftgebilde zu sammeln und bei besonderem Erfindungsgeist dem Autoren oder der Autorin einen Sympathiepunkt zukommen zu lassen. - ›Wie Karl Arsch‹ oder ›Sepp der Depp‹, waren weniger geeignet, mich in Begeisterung zu versetzen, da es sich schließlich nur um bloße Namenskuriositäten handelte, als beispielsweise ›Wie ein Hund von hinten‹, was recht lustig klang, oder ›Wie ein Terrorist‹, wo mich die Überschätzung freute.

Das ganze hat sich mit der Zeit gelegt, als ich mich mit zunehmenden Jahren dazu entschloß, mehr qualitativ als visuell auffällig zu werden. Aber vor wenigen Wochen kam dann doch wieder einmal ein Mensch, diesmal eine Journalistin auf mich zu und fragte: »Weißt du eigentlich, wie du aussiehst?« - Ich war an jenem Tag sehr unrasiert und übernächtigt, auch war mein Geistreichtum in einem schlechten Zustand, und ich fragte gleich zurück: »Wie der letzte Mensch etwa?« - »Ach was«, sagte sie, »wie Botho Strauß! Wie der junge Botho Strauß natürlich.«

Sollte das jetzt ein Kompliment sein? Ein mir durch die Blume bescheinigtes jugendliches Äußeres? (Welches ich an diesem Tag nun gerade nicht auftrug.) Sollte mir hier hinterrücks eine Befähigung zum anerkannten Dramatiker attestiert werden? - In Wahrheit: nichts dergleichen. Es war einfach nur ein ehrlich empfundenes Erstaunen aber die unverschämte Ähnlichkeit, die ich mit Herrn Strauß hatte, als er noch jung war, beziehungsweise, die ich mit ihm hätte, wenn er noch jung wäre. Aber wieso unverschämt?

Sollte ich mich etwa schämen für ein Phänomen, welches ich weder forciert hatte, noch begrüßte?! Ich habe in meinen Leben nur ein einzige Theaterstück von Botho Strauß gesehen - den Titel hab´ ich vergessen. Dies epische Stück war von dem Regisseur von fünf auf drei Stunden zusammengestrichen worden. Bemerkenswert. Die Schauspielerinnen und Schauspieler wälzten sich, in graue Müllsäcke gewandet, umher und riefen Sätze wie ... ich weiß nicht mehr. Theaterstücke, an die man sich nicht mehr erinnert, zumindest an einen Kernsatz, sind schlecht. Ich habe das Theaterstück nicht verstanden.

Theaterstücke, die man nicht versteht, sind schlecht. Ich selbst lege immer großen Wert darauf, verstanden zu werden. Was, so frage ich, hätte ich davon, etwas zu besten zu geben, wenn man es nicht verstünde? - Vielleicht könnte ich dann ein großer Dramatiker werden, wie Botho Strauß. Aber ist Botho Strauß glücklich? Ist Peter Greenaway glücklich? Die meisten meiner Bekannten halten Peter Greenaway für einen genialen Regisseur. Ich verstehe Peter Greenaway nicht. Ich verstehe Steven Spielberg. Bin ich deshalb ein Idiot? - Wie auch immer: Ich bin glücklich. Ziemlich jedenfalls. Wenn ich sage: »Am Tag, als die Kreuzottern sprachen, floh der Ginster ins Kubistische«, dann versteht das keiner. Wenn ich sage: »Wer Bücher verbrennt, der verbrennt irgendwann auch Disketten«, dann muß das zwar nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen, aber es ist eine eindeutige Aussage.

Ich sehe also aus, wie der junge Botho Strauß. Das ist eine eindeutige Aussage, die aber nicht die geringste Bedeutung hat.

Strauß oder Scheffler?

Strauß oder Scheffler?

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
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