Jürgen Witte: Das Suchttagebuch
Schwere Nacht verbracht, wirre Träume, Menschenmassen, die mir zujubeln. Dazwischen immer wieder Erbrechen, dann weitere Menschenmassen. Morgens verkatert, abends Entzugserscheinungen. Versuche standhaft zu bleiben. Gehe morgen nicht zum Frühschoppen.
Weitere schlaflose Nacht. Spiele in Gedanken das diplomatische Geplänkel bei Adenauers Moskaubesuch durch. Vodka macht mich nüchtern, saufe jedes Mal mehr Kriegsgefangene frei, als der Alte. Ich hätte die Stalin-Note nicht so bedenkenlos in den Wind geschlagen, mir macht der Iwan keine Angst!
Ich bin süchtig, es ist stärker als ich. Bei Margot und Heinz zwar zügig vorbeigegangen, bei Knud und Evelyn dann doch schwach geworden. Am Tisch auf dem Tisch unter dem Tisch, gesoffen, gesprochen und geschlafen. Im Traum wieder Menschenmassen. Verspreche. ihnen Wohlstand für alle. Sie glauben mir.
Frühmorgens den Pennern im Stadtpark vom Endsieg und der Wunderwaffe erzählt. Begeisterungsstürme entfacht. Schlechtes Gewissen, noch auf den Heimweg.
Habe mich zwei Tage lang eingeschlossen. Der Entzug ist fast nicht auszuhalten. Angstträume von leeren Podien bei Versammlungen und Aufmärschen. Muß was sagen. Will sagen, daß es in Zukunft keinem schlechter, vielen aber, besser gehen wird, finde jedoch keine gute Formulierung dafür. Brabble zusammenhanglos von blühenden Landschaften und erwache schweißgebadet.
Habe heute um mich abzulenken aus den Brettern einer Kommode ein Rednerpult gezimmert. Nichts zu trinken im Haus. Ein Glas Leitungswasser tut´s auch. Hier steh ich nun, ich kann nicht anders. Stimmbänder fast am Ende.
Nachts stundenlang heiser auf den Fernseher eingeredet. Bei einer Dokumentation über Martin Luther King richtig in Fahrt gekommen, viele Zuhörer. Versuchte vor allem Ehrlichkeit und Bescheidenheit rüberzubringen.
Ich mache mir Angst. Ich bin nicht mehr Herr meiner selbst. Voller Verzweiflung bei der Witwe Mannheimer im dritten Stock geklingelt. Sie bat mich herein und hat mir sofort einen Schnaps angeboten. Später an ihrem Fenster die Republik ausgerufen.
Nach einem Plädoyer für Recht, Ruhe, Ordnung, und die Todesstrafe auf der Polizeiwache viele schwitzenden Hände geschüttelt. Wer bin ich? Und warum?
Seit ich die Gruppe gefunden habe, geht es mir besser. Ich bin süchtig, aber ich bin nicht mehr allein. Hier bei den anonymen Politikern kann ich Reden halten, und keiner der anderen Volksdemagogen hört mir zu. Das hilft. Die geistige Entwicklung hin zum Sprachrohr der Massen ist umkehrbar. Ich beginne langsam wieder eigene Meinungen zu formulieren. Das Brustfleisch vom Hähnchen ist mir lieber als das aus der Keule! Ich brauche nicht mehr zu reden, ich kann wieder trinken, schweigen, schreiben.