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Jürgen Witte: Die deutsche Hallenmeisterschaft der Reiseleiter

Nach einer harten und langen Saison ist es jetzt wieder soweit, die deutschen Reiseleiter sind angetreten, ihre Besten zu ermitteln. Eine Livereportage aus der Hans-Martin-Schleyer-Halle in Stuttgart.

»Willkommen meine Damen und Herren zur deutschen Hallenmeisterschaft der Reiseleiter. Erleben wir dieses Jahr das langerwartete Duell zwischen Carlo Krieger, dem Altmeister von der TUI, und der gerade noch rechtzeitig von ihrem Last-Minute-Hitzschlag genesenen Magarete Dudzik aus dem NUR-Team? Oder wird sich vielleicht einer aus der stark verjüngten Dr. Tigges-Mannschaft durchsetzen? Alle sind sie durch die härteste und beste Schule der Welt gegangen, alle haben sie mit ausschließlich deutschen Touristen für diese Meisterschaft trainiert.

Noch haben sie nichts versäumt, liebe Zuschauer. Im Moment sehen sie auf dem Parcours die doch recht verzweifelten Aktivitäten eines Starters aus der zweiten Staffel, der schon drei Sehenswürdigkeiten auslassen mußte und jetzt gerade im Begriff ist, einen Teil seiner Reisegruppe zu verlieren. Ja, tatsächlich, die beiden Herren haben sich abgeseilt und verschwinden auf nimmer Wiedersehen in der Peep-Show. Wir wollen fair bleiben, aber diese Leistung, die uns Hans Fürbringer, ein Neuzugang im Dress der Meyer-Mannschaft bietet, ist einer deutschen Reiseleiter-Meisterschaft nicht würdig. Nein, man hat den Zuschauern und auch den Sportlern wahrlich keinen Gefallen damit getan, auch die zweite Staffel heute und hier an den Start gehen zu lassen.

Er fällt! Ja ist denn das zu glauben! Von einer schwedischen Kollegin mit ihrer Reisegruppe abgelenkt, ist er über eines seiner eigenen verbliebenen Schäfchen gestolpert! Er liegt am Boden, die anderen purzeln über ihn, schon können wir ihn nicht mehr sehen. Da, endlich gibt er auf, er winkt mit dem Taschentuch und die Ordner eilen herbei und können ihn in Sicherheit bringen. Nun, damit ist die Meisterschaft für Hans Fürbringer zu Ende! Er schüttelt den Kopf, als könne er es nicht glauben, aber es war abzusehen, daß auch er die Basare von Bangkok nicht überstehen wird. Seine bisher gezeigte Leistung, gerade an jenen Hindernissen, wo es zu Gedränge und Geschiebe kommt war schwankend, ja geradezu zögerlich zeigte er sich schon beim Ausbooten vor der Insel Helgoland.

Die Basare von Bangkok! Wieder das erwartet schwere Hindernis, hier wird sich auch bei den Top-Twelve, die Spreu vom Weizen trennen. Sehen wir uns doch, während die Ordner den Parcours für den Endkampf wiederherstellen, dieses Hindernis einmal genauer an: Auf Schritt und Tritt finden sich gemütsbewegende Elendsgestalten, dazu schreiende Teppich- und Andenkenhändler, Kunstschmiede mit billigem versilberten Grauguß, die allgegenwärtige Bettlerschaft, - sie werden sehen, daß die Veranstalter hier keine Mühen gescheut haben, die aufsässigsten und penetrantesten ›Kinder der Kasbah‹, wie wir Fachleute sie nennen, aufzubieten - und natürlich, auch wenn sie, verehrte Zuschauer, das jetzt nicht auf den ersten Blick erkennen, die Taschendiebe. Ich versichere ihnen, wir haben es im Vorkampf schon erlebt, daß wir uns hier auf einige Kabinettstückchen freuen können. Das beste, was derzeit auf dem Markt geboten wird. Auch wenn das unter den zwölf Finalisten nachher vielleicht kein Maßstab ist, aber schon drei Starter sind heute einem Nervenzusammenbruch bedrohlich nahe gekommen. Ein Fall eines tätigen Angriffs des vor Mitleid mit dem Elend zerfließenden Reiseleiters auf seine gesamte bornierte und selbstgefällige Reisegruppe, zählte zu den eher unschönen Szenen des heutigen Vormittags, die ich ihnen nicht verschweigen will. Zu spät hatte der Schiedsrichter die Gefahr erkannt und den unprofessionellen Gefühlsausbruch nicht rechtzeitig unterbunden.

Ansonsten lassen die Leistungen der Männer in den schwarzen Anzügen einen fairen Kampf erwarten. Alle sind sie immer gut erkennbar im bunten Treiben und zeigen sich ständig auf Höhe der sich anbahnenden Konflikte. Ganz besonders bei Beschwerden der Reisenden, beweisen die Referees das nötige Fingerspitzengefühl. Keiner behindert durch allzu kleinliche Unterbrechungen den Aktionsfluß.

Bevor es nun gleich losgeht, noch ein dickes Lob an die Organisatoren. Erstmals wurden die Daten der Zentralcomputer aller großen Reiseveranstalter zur Auswahl der Reisegruppen hinzugezogen. Drei Monate war ein EDV-Team beschäftigt, um heute hier die zerstreutesten alten Damen, die cholerischsten Herren, die nervtötendsten Grantler und Nörgler, die deutschesten aller deutschen Dumpfbeutel, die hinterlistigsten Knaben und die ängstlichsten ihrer Mütter aufzubieten. Vor allem was die Beschwerden und Regressforderungen angeht, müssen sich die Teilnehmer auf einiges gefaßt machen.

Also dann, liebe Zuschauer, freuen wir uns auf einen harten aber fairen Wettkampf. Nach einer kräftezehrenden Saison haben sich die Besten qualifiziert, und hier bei der deutschen Hallenmeisterschaft der Reiseleiter treffen sie in wenigen Minuten aufeinander. Gleich erleben sie den letztjährigen Champion, der heuer das schlechteste Los gezogen hat, auf dem Parcours. Carlo ›die eiserne Faust‹ Krieger von der TUI greift als erster ins Geschehen ein. Bleiben sie dran, nach einer kurzen Werbeunterbrechung sehen wir uns wieder am ersten Hindernis: Beim Zimmerverteilen in einer heruntergekommene Bruchbude neben der Baustelle des zwölfgeschossigen Luxushotels in Florida.«

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero

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