Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XIII
Viktor Orloff, ein heruntergekommener Privatdetektiv, sucht seit Jahren nach der Pflanze, die Aids besiegt. Bei seinen zahlreichen Abenteuern hat er sich nicht nur Freunde gemacht. Insbesondere die Vertreter des Multinationalen Konzerns Rubber-International versuchen immer wieder, unseren Helden an der Ausführung seines Auftrages zu hindern.
Folge XIII: Ein böses Erwachen
von Test A. User ins deutsche übertragen von Hans Duschke.
Ich erwachte schweißgebadet. Wie ein Alp lastete die Alb auf mir. Das speckige hellblaue Bettlaken hatte sich in der Spalte der Klappcouch in Falten gelegt.
Kaffee, Rasur, das Zähneputzen nicht vergessen, ich blickte mich um. Auf einem umfunktionierten Grammophonschrank stand ein moderneres Röhrenradio. Frische, fröhliche Musik tönte heraus. Also Vormittag. Gleich würde ein Moderator gute Laune absondern - wie zähen Schleim. Dann würde ich zwar noch nicht wissen, wo ich war, doch immerhin wie spät.
Die Polsterung zwischen Schädelknochen und Hirnmasse war noch nicht in Betrieb genommen worden; ein offenbar sehr komplizierter Vorgang, denn der Körper benötigte von Jahr zu Jahr mehr Zeit, um die Pneumatik in Gang zu setzen; an diesem Tag, das wußte ich, wurde es bis zum Abend dauern. Wie eigentlich an jedem Tag.
Nachrichten, das Wetter: »Das Wetter in Berlin:...« Also doch: Berlin!
Ich versuchte noch nicht einmal, mich zu erinnern, wie ich hierhergekommen war, daß ich überlebt hatte, genügte mir. Ich durchwühlte die Taschen der Kleidung, von der ich annehmen mußte, daß sie meine sei: Zigaretten, Einwegfeuerzeug, ein Taschenmesser, ein paar Aspirin (sehr gut), etwas Geld, einige Scheine in der Brusttasche, eine Telefonkarte, ein Ausweis auf den Namen Charles Percy Snow mit meinem Foto (Wie war ich nur darauf gekommen? Wie konnte ich so dämlich sein, mir einen englischen Namen auszusuchen?, und so einen unwahr klingenden?), einige Zettel mit Notizen. Ich war mir sicher, daß es sich um meine Handschrift handelte. Und ebenso sicher, daß ich die Worte nicht vollkommen klaren Kopfes aufs Papier gebracht hatte.
Ich versuchte, daß Gekritzel zu entziffern, es war meine einzige Spur. Einige schematische Zeichnungen gab es da, Namen, Telefonnummer und Adressen.
Es hatte keinen Zweck mehr zu Warten, daß es mir besser ginge, also verließ ich das Haus.
An der Straßenecke stand eines dieser modernen Telefonhäuschen, diese grauen. Ich sah es erst, als ich schon beinah dagegen gelaufen war. Ich führte die Karte ein, der Automat sagte: Karte ist ungültig. Ich wußte nicht, wem ich vertrauen sollte, mir oder der Telekom.
Wenn ich heute darüber nachdenke, scheint es mir merkwürdig, daß mich mein Gedächtnisausfall so gar nicht beunruhigte. Aber im nachhinein muß ich sagen, ich hatte Recht.
Ich schaute die Straßen hinauf und hinab, vielleicht kannte ich sie, ich wußte es nicht. Ein kleines Café in einer Nebenstraße hatte schon geöffnet.
Die Frau hinterm Tresen war offenbar seit Jahren in der Gastronomie beschäftigt und, aus welchem Grund auch immer, arbeitete jetzt tagsüber. Sie putze Gläser, die Zigarette im Mundwinkel, und sah mich mit ihrem Blick, der vieles gesehen hat, an.
Sollte ich mich einmal in dieser Gegend für länger als zwei Wochen aufgehalten haben, so kannte ich sie bereits und konnte mich nur im Moment nicht dran erinnern. So wie an alles andere.
»Hallo. Guten Morgen.« Ich versuchte mich in Konversation. »Und? Was kann ich Dir bringen?» Auch sie war gesprächig. »Kaffee. - Kann man hier mal telefonieren?« - »Der Apparat steht da hinten.« Ich war der einzige Gast. Ich hoffte, es würde noch so bleiben.
Doch vorläufig saß ich am Tresen, die Ellbogen trugen einen größeren Teil meines Körpergewichts. Und das war beträchtlich.
Im großen und ganzen fühlte ich mich wohl. Ich war immer noch hart im Nehmen. Ich mußte meinen Job noch nicht an den Nagel hängen.
Ich ließ mir einige 50-Pfennig-Stücke geben und begann zu telephonieren. Bei der ersten Nummer, die ich in meinen Notizen gefunden hatte - dick umrandet und mit zwei Ausrufezeichen - meldete sich eine ICS - International Communication Services. Ich meldete mich: »Hallo. Victor Orloff hier«, am anderen Ende wurde sofort aufgelegt. Die kannten mich. Also kannte ich sie auch.
Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten schoß es mir blödsinnig durch den Kopf und Du stellst dich einfach zu dämlich an. Ich wählte die Nummer erneut, verstellte mäßig erfolgreich meine Stimme und sagte: »Chalres Percy Snow speaking. I beleave I have an apointment with the Managment.«
Es gelang mir, die Adresse herauszubekommen, ich war wieder im Geschäft. Interessanter aber waren einige andere Zahlen auf meinem Zettel, offenbar ebenfalls Telefonnummern, aber mit zwei Nullen zu Beginn. In einem ausgedienten Schuhschrank unter dem Telefon fand ich eine internationale Vorwahl-Liste: Chile: die Osterinseln!
»Ich komm´ wieder.« - »Wäre nett.« - »Ich heiße Viktor.« - »Rita.« So verließ ich das Lokal.
Der Taxifahrer mußte die Straße, in der die International Communication Services ihr Hauptquartier hatte, auf dem Stadtplan heraussuchen. Schließlich bogen wir in ein heruntergekommenes Industriegebiet in Ost-Berlin ein; auch bei ICS waren die Scheiben zum größten Teil eingeworfen. Ich bat ihn, vorbei zu fahren und an der nächsten Ecke zu warten.
Ich kroch durch einen verrosteten Maschendrahtzaun, versuchte den schlammigen Pfützen auszuweichen und betrat die verfallene Fabrikhalle von hinten. Die Services-Belegschaft hatte es sich in einem kleinen Teil der Räumlichkeiten gemütlich gemacht. Eine Neonröhre beleuchtete Fax, Kopierer und Funktelefon. Das Gurgeln einer Kaffeemaschine war das einzige Geräusch.
Ich schlich mich näher, wie automatisch fuhr die Hand unter das Jackett, wo sich die 38-er befinden sollte, aber da war nichts. Na schön, dann nicht.
Vorsichtig öffnete ich die Milchglastür, hinter der sich die Kaffeemaschine verbergen mußte. Aber außer ihr war niemand dort. In Windeseile durchsuchte ich die Schreibtische, in einer Schublade steckte ein großer, brauner Umschlag mit meinem Namen. Das mußte genügen. Ich trat den Rückzug an.
Bei Rita, sie schien sich an mich zu erinnern, öffnete ich den Umschlag.
Eine Waffe fiel auf den Boden, ich hob sie hastig auf und steckte sie ein. Außerdem enthielt das gepolsterte Kuvert eine größere Menge abgenutzter Dollarscheine und ein Foto, auf dessen Rückseite ein detaillierter Steckbrief meiner werten Person und die Worte: To be terminated geschrieben waren. Da hatte irgend ein Witzbold oder Filmfan also meinen Tod in Auftrag gegeben. Ich ging auf Klo, um in Ruhe nachzählen zu können, wieviel mein Tod wert war. Runde 50.000 Dollar immerhin.
Ich bestellte noch einen Kaffee - und einen Bourbon, um die Hirnwindungen ein wenig zu lockern.
ICS hatten ihren Schlupfwinkel bestimmt längst aufgegeben, die Osterinseln waren meine einzige Chance.
Der späte Nachmittag fand mich über dem Atlantik. Nach einer Zwischenlandung in Buenos Aires bestieg ich, die Sonne versank eben aber den Anden, eine klapprige zweimotorige Chessna, die mich nach Santiago bringen sollte. Von dort, das wußte ich, fuhr in wöchentlichem Rhythmus ein Bananendampfer die Osterinseln an.