Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Hefte 12/1993 Bov Bjerg und Hans Duschke: Debatte
Artikelaktionen

Bov Bjerg und Hans Duschke: Debatte

Daß die deutsche Diskussionskultur darnieder liege, ist ein oft und stets bedauernd konstatiertes Faktum. Der Salbader hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, vermittels einer regelmäßigen Debatte diesem Mißstand abzuhelfen. Dabei geht es nicht um verwässernden Konsens. Es geht um Austausch gegensätzlicher, in den hitzigen Gefechten des Alltags mitunter gar unvereinbar scheinender Ansichten. Vor allem aber geht es um die Pflege des Gesprächs von Demokrat zu Demokrat.

Wir beginnen die Reihe in diesem Heft mit der Frage: Soll die Kinderarbeit in Deutschland wieder eingeführt werden? Es streiten sich Hans Duschke (Pro) und Bov Bjerg (Contra).

Contra: Kinderarbeit bedroht Brauereiwesen

Nach der 60-Stunden-Woche und der totalen Flexibilisierung der Lebensarbeitszeit scheint nun, um den Standort Deutschland zu sichere, auch die Wiedereinführung der Kinderarbeit beschlossene Sache, und mancher mag sich fragen: Was will der denn jetzt noch? Wer so fragt, befindet sich in guter Gesellschaft. War es doch Rudolf Augstein selbst, der mir kürzlich in einer Talkshow zum gleichen Thema immer wieder einen Satz an den Kopf warf, diesen aber konzentriert und ausschließlich: »Der Zug ist abgefahren, der Zug ist abgefahren, der Zug ist doch schon lange abgefahren!« Mag sein.

Die Kinderarbeit ist zu verwerfen! Dafür gibt es einen ästhetischen, einen ökonomischen und einen sozialen Grund.

Zum ästhetischen: Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten, werden sich auch und vermutlich gerade bei Kindern nicht immer vermeiden lassen. Der besonders unappetitlich verunfallte Erwachsene neigt dazu, dies zeigen Untersuchungen, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten, bevorzugt in der eigenen Wohnung. Wenigstens bei Tage. Das Kind dagegen drängt zum Spielen auf die Straße, egal wie es aussieht. Seine Kritikfähigkeit gegenüber dem eigenen Äußeren ist noch unterentwickelt. Stellen wir uns vor, die Straßen unserer Städte werden von frühpensionierten Kindern mit fehlenden Extremitäten, ekelerregenden Ekzemen oder Staublungenauswurf bevölkert!

Damit sind wir beim ökonomischen Argument. Nicht nur der Tourismus wird Einbußen hinnehmen müssen. Kinderarbeit hemmt das Körperwachstum. Kleinere Erwachsene sind die Folge. Kleinere Erwachsene brauchen kleinere Kleidung, sprich: weniger Stoff, Leder, Polyacryl. Kleinere Erwachsene brauchen nicht so lange Betten. Kleinere Erwachsene brauchen weniger Kalorien und sind schneller betrunken. Was all dies für Textil-, Chemie- und holzverarbeitende Industrie, für die deutsche Landwirtschaft und für die Brauereien bedeutet, kann sich jeder leicht ausmalen.

Zum dritten und stärksten, zum sozialen Argument. Kinderarbeit befördere, so ihre Befürworter, frühe Selbständigkeit. Tatsache ist, daß sie durch den zwangsläufigen Mangel an Bildung auch die Geschlechtsreife befördert. Den angedeuteten Sachverhalt faßt der Volksmund für gewöhnlich in die Worte: Dumm fickt gut. Die Befürworter der Kinderarbeit müssen sich fragen lassen, ob sie per se die Verluderung der Sitten und die Verkarnickelisierung der Gesellschaft wünschen! Sie müssen sich fragen lassen, wohin es führen soll, wenn schon Zehnjährige eigene Kinder in die Welt setzen! In wenigen Generationen werden wir unter einer hausgemachten Kinderschwemme zu leiden haben. Womit Bitteschön wollen die Befürworter der Kinderarbeit, womit will Hans Duschke dann die Kinderarbeitslosigkeit bekämpfen? Mit dem Kammerjäger? Das kann und das darf nicht sein!

Pro: Freiheit ist das höchste Gut

Es wirft schon ein bezeichnendes Licht auf meinen Vorredner, wie er da von unerwünschten Kinderschwangerschaften schwafelt, in einer Zeit, und das weiß Herr Bjerg genau, da die InteressenvertreterInnen der Verhütungsmittelindustrie längst schon die Kitas erreicht haben. Doch dies nur vorweg.

Irgendwann einmal, wenn der Staat auch noch den letzten Freiraum mit immer neuen Überwachungsinstrumenten zu kontrollieren und zu regulieren sich anschickt, irgendwann wird der Bürger resp. die Bürgerin einmal »Halt!« sagen müssen.

Meine Aufgabe ist es nicht, die Kinderarbeit zu propagieren, obwohl: Kinderarbeit führt ganz regelmäßig zu einer Verbesserung des Dienstleistungsangebots beispielsweise im Schuhputzbereich etc.

Nein, nicht ich muß für die Kinderarbeit sprechen, er: er muß sein Verbot rechtfertigen. Mit welchem Recht, so frage ich, will er es den Kindern verbieten zu arbeiten?

Er will die Freiheit der Kinder beschneiden, er will sie in ökonomischer Abhängigkeit halten, er spricht den Kindern das Recht auf ihr eigenes Leben, auf ihre eigenen Entscheidungen ab. Sein Ziel ist die Unmündigkeit, heute der Kinder, aber: wessen Unmündigkeit wird er morgen fordern?

Denn die Wahrheit ist: Die Kinder wollen arbeiten! Nur jene Unglücklichen, die von ihren Eltern mit Wohlstand vollgeschissen werden, haben kein Interesse an Jobs.

Arbeiten, das heißt für Kinder doch: die Welt entdecken. Sie lernen neue Menschen kennen, Ältere gar, sie kommen heraus aus ihrem Gleichaltrigenghetto.

Andererseits, wir alle wissen das, aber lassen Sie uns versuchen sachlich zu argumentieren: Kinderarbeit hat keinen guten Ruf. Wir alle erinnern uns an die Bilder in den Schulbüchern, die Kinder in den Bergwerksstollen und Spinnereien; Phänomene wie Straßenkinder und Kinderprostitution haben wir im Fernsehen gesehen, und der eine oder andere ist vielleicht schon einmal hingeflogen.

In jenen mehr oder weniger weit entfernten Ländern aber entspricht der Lebensstandard der Kinder dem ihrer Eltern, nur daß man mit denen keine so niedlichen Bilder machen kann.

Die Folgen der Kinderarbeitsderegulierung, denn nur darum handelt es sich, werden in Deutschland ganz andere sein, pädagogisch wertvolle. Bei aller Begeisterung, die wir empfinden, jetzt, da wir so kurz vor dem Ziel stehen, aber dürfen wir an unseren Grundsätzen zum Schutz des Kindes nicht rütteln:

Ein Stellenangebot wie das folgende darf es auch in Zukunft nicht geben: »Bei gleicher Qualifikation werden Kinder bevorzugt eingestellt.«

Ich danke Ihnen.

Copyright: Bov Bjerg und Hans Duschke

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

Diese Website erfüllt die folgenden Standards: