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Bov Bjerg: Gorleben ist überall

Der Blick auf die Landkarte läßt an Atomstrom und Baumkuchen denken. Gleich neben Salzwedel, im 50tausend-Seelen-Landkreis Lüchow-Dannenberg, liegt Gorleben. Seit 1977 soll hier ein Endlager für Atommüll errichtet werden. Viele, vor allem junge Menschen pilgerten hierher, um den Bau zu verhindern. Der Bauplatz wurde besetzt und von der Polizei wieder geräumt, Straßen wurden blockiert usw. Eine Hochburg des Widerstands also. In Dannenberg gibt es sogar ein Ohm´sches Haus. Diesen Witz versteht nur, wer in Physik aufgepaßt hat. Und selbst dann ist er ziemlich flau.

Bisher ist in Gorleben. lediglich eine Lagerhalle für schwach radioaktiven Müll in Betrieb, das Endlager im Salzstock wird weiter geplant. Etliche Anti-Atom-Aktivisten und -innen sind hier seßhaft geworden. Jeder zweite kommt aus Berlin, ist also Schwabe oder Westfale. Den Landkreis Lüchow-Dannenberg nennen sie Wendland. Man hat so etwas wie eine alternative Infrastruktur aufgebaut. Bioläden, Biobauernhöfe. Das Trampen wird mit einer Art Rabattmarken gefördert, genau hab ich das auch nicht verstanden. Auf Schildern, die sich an so ziemlich jedem dorfauswärts fahrenden Feldweg finden, steht: Nimm mit - steig zu.

Platenlaase: Zehn Häuser, eine Bushaltestelle und zwei Trampstationen, mitten zwischen Lüchow und Dannenberg. Nach Kriegsende machte ein britischer Offizier den Ort zum kulturellen Zentrum des Wendlandes, indem er kurzerhand eine Scheune zum Veranstaltungsort erklärte. Seit diesem Frühjahr gibt es hier sogar ein richtiges kleines Theater. Das Kreuzberger SO 36 riecht nach menschlichen Ausscheidungen, nach Urin und Kotze. Hier riecht es, obwohl das Theater neugebaut ist, aus allen Ritzen nach Kuhstall. Das ist der Unterschied. Während eine befreundete Kabarettgruppe ihr neues Programm probt, verdinge ich mich als ihr Koch und bediene einen Pürierstab. Dabei dichte ich ein wenig in der Tradition Jürgen Wittes:

Pürierstab, oh Pürierstab,
weißt du, was ich an dir hab?
Dein Messerlein macht mich zum Koch!
Doch, doch.

Oder ich fahre einkaufen, denn ich bin das, was im Abspann von Filmen Best Boy genannt wird. Bukowski war mal Leichenwäscher, ich bin Best Boy. Das ist der Unterschied.

Einmal nehme ich zwei Tramper mit. Da meine normale Brille kaputt ist, trage ich beim Autofahren meine dioptriengestärkte Sonnenbrille. Damit sehe ich nicht nur cool aus, sondern auch weniger verschwommen als ohne Brille, selbst wenn es gerade regnet. Die Tramper sagen, sie wollen nach Hitzacker. Dann schweigen sie. Berliner Kennzeichen und Sonnenbrille bei Regen. Entweder macht der hier krumme Geschäfte, denken sie, oder er ist Künstler. Ich sage, daß ich nur bis Platenlaase fahre. Aha, also Künstler. Ich versuche, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Der Versuch scheitert, weil ich den Mund nicht aufkriege.

Gelbe Textilfarbe wird gebraucht, um für das Bühnenbild einer Szene einen erigierten Penis auf einen Wimpel zu malen. Kabarettistisches Nummernprogramm, haha. Die Frau im Bastelbedarfsgeschäft W. Risch, Inh. Elke Risch überzeugt mich von der Deckungsfähigkeit der gelben Textilfarbe: »Die hab ich auch schon benutzt, für so´n Wimpel. Republik Freies Wendland. Die Sonne da drauf, wissen Sie (ich weiß nicht), die Sonne, die hab ich damals damit gemalt.« Die Farbe ist gekauft.

Bei Hettig, dem größten Kaufhaus in der Kleinstadt Lüchow, hängt im Schaufenster ein Schild: Der Preis zieht Euch die Schuhe aus - DM 19.95. Unter dem Schild befindet sich ein Spielzeug-Bauemhof Marke nachgemachtes Playmobil, ein Plastikbauer sitzt auf seinem Trecker, eine Kuh, ein Schwein. Auf dem Bauernhausdach steht in großen Buchstaben: Der kleine Ökobauer. Neben dem Kaufhaus Hettig residiert der Bioladen Aehrensache, dahinter endlich ein großer Parkplatz und, an der Theodor-Körner-Straße, der Supermarkt. Anderswo heißen die Supermärkte Plus, im Wendland heißen sie Minimal. Das signalisiert Sparsamkeit und Wachstumsverzicht.

Bei Minimal kostet das Kilo rote Paprika fünf Pfennig weniger als bei Hettig der ganze Ökobauernhof. 19 Mark 90. Der grüne Paprika kostet nur 9 Mark 90. Ich glaube an einen Auszeichnungsfehler und wiege eine kleine rote Paprika. Sie würde drei Mark kosten. Ich lege sie zurück in die Kiste, mit Preisschild drauf, zur Warnung. Zu spät. An der Waage steht eine Frau mit einer roten Paprika. Eine Verkäuferin eilt hinzu und versucht, sie von ihrem aberwitzigen Kaufvorhaben abzubringen. Die Verkäuferin schlägt billigere Gemüsesorten vor: »Schaun Se mal, der junge Mann da, der kauft Karotten, das ist vernünftig.« Doch die Dame zeigt sich halsstarrig und beharrt auf ihrem Wunsch. Inzwischen kreist um die Waage ein Rudel gewöhnlicher Hausfrauen (domina vulgaris). Ihre Augen blitzen verächtlich. Ich und mein Sack Karotten dagegen ernten freundliche Blicke. Am nächsten Tag kostet auch das Kilo grüne Paprika zwanzig Mark.

Abends sitzen wir herum und diskutieren. Einige rauchen einheimische Erzeugnisse. Manchmal rufen sie im Chor, weiß der Himmel warum, so lustige Sachen wie: »Im Waschraum vom Warschauer Ashram ist am Ascheimer ´s Scharnier im Arsch«. Vor zehn Jahren gab es hier Anschläge auf Bundesbahnstrecken, heute entgleisen nur noch die Gesichtszüge der lachenden Kiffer. Ute, eine Schwäbin, erzählt: »Ich wohne auf ´nem Hof hier in der Nähe, nur mit Frauen.« - Und die Tiere? Früher hatten sie mal zwei Schafböcke. Wenn ein Tier reif ist für die Bratpfanne, wird aus dem nächsten Ort ein Mann geholt. Der Schlachtermeister.

Copyright: Bov Bjerg

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero

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