Hans Duschke: Was ist ein Soziotop
Ein Soziotop ist ein Pauschalurteil, eine unzulässige Verallgemeinerung, die man so nicht stehen lassen kann, letztendlich ein Vorurteil, sonst nichts.
Ein Soziotop geht zum Beispiel so: Es gibt sie hier ja immer noch, die Leute, die bauen und sanieren, die Stadtteilarbeit machen, Architekten kennen und Anekdoten. über WBM-Mitarbeiter erzählen. Sie sind Mitglied in Vereinen, werden vom ökologischen Einzelhändler persönlich begrüßt, jawohl, sie sind im Kiez verwurzelt. Auch ohne ABM.
Oder so: Außerdem hat es hier in Brezelberg-Mitte die Architektur-StudentenRudel, Graphiker, Kulturverwalter und andere Insassen von Großraumbüros. Das Design hat sie im Würgegriff; ihre Wohnungen sind frisch renoviert, gern mit Fenster zum Klo.
Und schließlich: Die Freunde der völkischen Bühne - Pardon: der Volksbühne. (Kritischer Witz!) Das sind so Leute, die machen mit beim öffentlichen Diskurs, d.h. man kann mit ihnen übers Feuilleton plaudern, fein, dann brauchen wir uns nicht übers Wetter zu unterhalten. Im Foyer haben sie die Wichtigtuer-Fresse aufgesetzt, Lebenskunst oder Proletkult, also Weißwein oder Becks in der Flosse. So stehen sie da, Ideen in ihren kleinen Köpfen: Diese und auch nächste Woche wollen sie die Freiheit verteidigen, gegen den Spießer von Links.
Der Spießer von Links, der will die Wahrheit nicht hören, und darum kriegt der Bote eins aufs Maul. Die aktuelle Version geht so:
Wer mit der Rutschky Umgang pflegt
Wird flachgelegt
Er wird nicht gerade umgebracht
Jedoch gehauen
Drum gib acht
Denn wer DER Frau ein Forum bietet
Wird umgenietet
Die Sypathisantlnnen sind fleißig
Stürmen ins SO 36
Um Droste würdig zu empfangen
Doch der ist vorher schon gegangen
Das war am Samstag vor ´ner Woche. Beruf: Neonazi kommentiert von Droste und Schlingensief mußte im Kreuzberger SO 36 abgesagt werden. Der Kiez war sauber geblieben.
Am nächsten Tag, 23.00 Uhr: Beruf: Neonazi kommentiert von Droste und Schlingensief in der Volksbühne. Das Foyer ist berstend voll mit denen, die am liebsten in Veranstaltungen gehen, über die am nächsten Tag in der Zeitung berichtet wird. »Ich war dabei«, scheinen sie sich zuzurufen, als sie dem Getränkestand zustreben, Becks oder Weißwein holen. Auch Sekt als Aphrodisiakum wird gern geschlurft. Morgen kann ich dann lesen, wie´s gewesen ist, jetzt muß ich erst mal schauen, wer sonst noch da ist. Wer von mehr als einem Dutzend Menschen begrüßt wird, der hat es schon fast geschafft.
Und? Passiert heut´ noch was? In ihren schicken schwarzen Lederjacken: wild entschlossen sehen sie alle aus, die Freiheit (der Kunst) zu verteidigen. Wo bleiben sie denn nur, die Bösewichte, Kiezguerilla, schwarzer Block, die die Veranstaltung verhindern wollen, auf daß wir was zu erzählen haben, morgen in unserer Bar? Doch nichts geschieht. Na gut, dann gucken wir uns wenigstens den Film an, der ist ja immerhin schon halb verboten, das ist ja auch ganz nett.
So geht es zu, ein Samstagabend in der Volksbühne:
Darauf halt´ ich jede Wette
Wenn hier wer gemeckert hätte
Hätt´ es ´n Skandal gegeben
Und ich wär´ dabei gewesen
Doch hier passiert längst´ nichts mehr, am Rosa-Luxenburg-Platz wird jeder Scheiß wegkonsumiert, die Stachelschweine oder das Theater am Kurfürstendamm haben ein vergleichsweise kritisches Publikum. aber immerhin, wir stehen im Feuilleton, das ist doch besser als nichts.