Hinark Husen: Essayistischer Versuch
über die moralische Bewertung gleichgeschlechtlicher Sexueller Praktiken in den Zügen der deutschen Bundesbahn unter besonderer Berücksichtigung meiner Beobachtungen im ICE Walter Gropius im Januar diesen Jahres
Da es sich immer besonders gut macht, einen essayistischen Versuch, und um nichts anderes handelt es sich im folgenden, mit einem Zitat zu beginnen, werde ich dies auch genauso handhaben und zur erstbesten Lektüre greifen, die auf meinen Schreibtisch liegt, um daraus zu zitieren und einen gedanklichen Spaziergang zu vollziehen. Ich bin mir durchaus darüber im klaren, daß dies ein gewagtes Vorgehen ist, die Frage, ob der ausgewählte Satz meine Gedanken für den Rezipienten klarer macht, bleibt dahingestellt; wir werden es im folgenden berücksichtigen. Hier also das Zitat aus dem Buch, das mir in der Tat als erstes in die Hände fiel:
»Im Laufe der Stammesgeschichte haben sich die Käfer an die verschiedensten Biotope angepaßt.« (Kosmos Käferführer, Frankh´ische Verlagshandlung, Stuttgart 1988)
Zugegeben, hier handelt es sich offenkundig nicht um den direktesten Einstieg, aber der gewogene Rezipient wird mir Glauben schenken, wenn ich behaupte, daß ich es mir auch keineswegs einfach zu machen gedenke. Sei es, wie es ist, wir wissen nun also, und da dürfen wir den Autoren des Kosmos-Käfer-Führers getrost glauben schenken, daß die eben genannte Insektengruppe fast überall zuhause ist. Ich könnte es mir nun gar zu simpel machen und behaupten, daß auch in den Zügen der deutschen Bundesbahn diverse Spezies anzutreffen sind, und fähige Entomologen, sprich Käferkundige, werden mich bestätigen, aber suchen wir uns doch ganz in des Lesers Sinne eine filigranere und nichtsdestotrotz naheliegendere Relation. Wer den Biologieunterricht nicht als quälend erlebt hat und ihm wohl gewogen war, dem ist der Begriff der ökologischen Nische vertraut. Wer in der Natur überleben will, der sollte in der Lage sein, auch die unbequemsten Nischen zu besetzen, sei es in der ewigen Wüste des Polareises, in naßkalten Mauernischen Weddinger Altbauten oder winzigen Zugtoiletten.
Und nun wollen wir uns einmal von den Käfern abwenden und zu einer stammesgeschichtlich wesentlich jüngeren Lebensform vordringen, die im Laufe ihrer Entwicklung eine Fülle von ökologischen Nischen geschaffen hat, die in der Natur ihresgleichen suchen. Seniorenheime, MacDonald-Filialen, Behörden, Diskotheken. Mannigfache Formen menschlichen Lebens wären ohne die dazugehörigen Nischen undenkbar.
Ungeachtet der breitgestreuten Möglichkeiten homo-sapiensisch geprägter Nischen muß ich jetzt im folgenden doch einmal auf die eine anspielen, die sich im Titel meines Essay-Versuchs verbirgt. Dazu eine wirklich kurz gehaltenen Erzählung:
Bei meiner ersten und einzigen Fahrt im ICE Walter Gropius nach Berlin im Januar dieses Jahres beobachtete ich von meinem Sitzplatz aus, wie zwei junge Männer gleichzeitig die Toilette des Zuges aufsuchten und sich schätzungsweise 10 Minuten darin aufhielten, um mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen wieder ihre Plätze einzunehmen.
Nun werden einige Neunmalkluge einwenden wollen, daß eine eindeutige Aussage über das Gebaren der zwei innerhalb der sanitären Anlagen des Hochgeschwindigkeitszuges gar nicht zu treffen ist. Diverse andere Deutungsmöglichkeiten blieben annehmbar. So könnte es sich um einen Zivildienstleistenden in der individuellen Schwerstbehindertenbetreuung handeln, der seinem Patienten in jeder Situation hilfreich zur Seite steht. Zwei Gründe sind es, weshalb ich diese Version für unwahrscheinlich erachte. Zum ersten sind beide nicht völlig gleichzeitig im WC verschwunden. Der erste befand sich schon circa eine Minute in der Örtlichkeit, als der zweite nachfolgte. Für eine dringend benötigte Hilfeleistung ein recht unpraktisches Vorgehen. Zum zweiten, und dies mag noch stichhaltiger sein, waren bei keinem der zwei irgendwelche Behinderungen erkennbar. Keine spastische Lähmung, keine Multiple Sklerose, keine Blindheit, nicht einmal ein leichtes Humpeln.
Nun werden unsere Besserwisser als zweite Eventualität in die Diskussion einbringen, die beiden hätten sich zum Zwecke des Konsums illegaler Drogen den kritischen Augen der Öffentlichkeit entziehen wollen. Hier eröffnet sich eine durchaus ernstzunehmende Spekulationsmöglichkeit. Kreisen wir zunächst die eigentliche Droge ein. Nehmen wir die drei großen Varianten Koks, Heroin und Haschisch, Speed und Extasy schließe ich hier ausdrücklich aus, denn deren Konsum wäre ohne AuffäIligkeiten auch auf den Sitzplätzen möglich gewesen. Kokain hingegen wird wohl nur in den Toiletten der ersten Klasse eingenommen. Und gefixt wird zumeist allein auf Bahnhofstoiletten und nicht zu zweit im ICE. Bleibt einzig und allein der Joint. Aber nicht umsonst heißt mein essayistischer Versuch Essayistischer Versuch über die moralische Bewertung gleichgeschlechtlicher sexueller Praktiken in den Zügen der deutschen Bundesbahn unter besonderer Berücksichtigung meiner Beobachtungen im ICE ›Walter Gropius‹ im Januar dieses Jahres und nicht etwa Essayistischer Versuch über die moralische Bewertung von Haschisch-Konsum auf Toiletten in den Zügen der deutschen Bundesbahn unter besonderer Berücksichtigung meiner Beobachtungen im ICE ›Walter Gropius‹ im Januar dieses Jahres. Diesem Thema kann sich getrost ein anderer widmen.
Nachdem die beiden jungen Männer das WC kurz hintereinander wieder verlassen hatten, suchte ich sofort die Örtlichkeit auf, um Spuren zu sichern. Das Fenster war geschlossen, und der doch so typische Haschgeruch war nicht feststellbar. Hier wurde eindeutig kein Joint geraucht.
Und damit dringen wir nun endgültig zum Kernpunkt meiner Überlegungen vor. Wie ist das Verhalten der beiden moralisch-sittlich-ethisch zu beurteilen? Es gilt zu beachten, daß die beiden im Besitz eines gültigen Fahrausweises waren und der Zug nicht im Bahnhof stand, eine Benutzung der Toilette also verboten gewesen wäre. Unter Berücksichtigung dieser Umstände gibt es für mich nur die eine Konsequenz:
Wer erfolgreich eine Nische besetzt, dem sei sie auch gegönnt! Bravo, sag ich, wenn´s Spaß gemacht hat, um so besser. Man lebt nur einmal, nichts gegen einzuwenden, außer mir hat´s ja keiner mitgekriegt. Die einen lesen Bücher, andere machen Sex auf der Toilette, na und? Selbst zu dritt... Aber ich werd ja nie gefragt!