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Andreas Scheffler: Fortschritt ist Rückschritt

Gerade wollte ich meine exzellente Geschichte über den genialen Leiter einer Werbeagentur, der glücklich und zufrieden und mit vielen Aufträgen in seiner Weddinger Hinterhauswohnung lebt, bis seine vietnamesische Frau, als sie von einem Auslandsurlaub zurückkommt, an der Grenze erschossen wird und wenige Tage später zwei Berliner Polizisten seine Tochter vergewaltigen, der daraufhin rot sieht, die Staatsgewalt bekämpfen will und die beste Werbekampagne seines Lebens entwickelt, die auf so wirksame Weise den Gedanken der Revolution betreibt, daß diese nach wenigen Wochen auch eintrifft, infolge der wirren Zeiten ich selbst aber als Dissident erschossen werden soll, was aber wiederum die Bevölkerung des Wedding mobilisiert, die geschlossen zur Richtstätte marschiert und mit den Worten »Das könnt ihr doch nicht machen. Dies ist einer der wertvollsten Köpfe unserer Zeit!« meine Freilassung erzwingt, woraufhin alle ihren Irrtum einsehen und mich zum Vordenker im Bereich Literatur und Zeitkritik erklären; gerade wollte ich diese, der Literatur des Realismus zuneigende, Geschichte auf der Festplatte abspeichern, da ging das Licht aus, der Radiowecker hörte auf zu leuchten, und mit einem schnell abschwellenden Summen stellte auch der Computer seinen Betrieb ein.

Einige Sekunden verzögert setzte der Schock ein. Zwei Minuten mochte ich wohl dagesessen haben, mit offenem Mund, entsetzt über den jähen Verlust meines Kunstgespinstes. Dann langte ich instinktiv nach dem Rotweinglas auf der rechten Scheibtischseite, eine mir angeborene Schutzgeste zur Beruhigung des zentralen Nervensystems, ich griff etwas zu fahrig und stieß den Becher um. Die blutrote Flüssigkeit ergoß sich sabbernd über die filigrane Tastatur. Ich geriet in Panik. Wo kriege ich jetzt Salz her?, schoß es mir durch den Kopf, da muß Salz drauf! - Ein Automatismus der Zivilisation. Wie abhängig sind wir kleinen Sterblichen doch von etwas so niederem wie einem fließenden Stromkreis! Langsam gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit und nahmen Schemen wahr. Von weitem schimmerte matt eine Straßenlaterne durch die geschlossenen Vorhänge.

Da plötzlich knackte es in einem Winkel des Zimmers. Ich habe nie die Existenz von Kobolden und Poltergeistern vollständig leugnen können.

»Geist des Hauses, sei mir wohlgesonnen«, flüsterte ich beruhigend ins Halbdunkel und war in diesem Moment froh, allein zu sein.

Dann mußte ich wieder an etwas anderes denken. Der Verlust des Augenlichtes schärft die anderen Sinne. Vielleicht wäre dies der rechte Moment, mit dem Klavierlernen anzufangen. Ray Charles und Stevie Wonder waren nun auch schon in die Jahre gekommen.

Mit einem Mal schaltete sich eine andere Spur aus dem historischen Teil meines Gedächtnisses ein: Ich dachte an den großen Stromausfall von New York, im Zuge dessen das große Kinderzeugen stattfand. Und hatte sich nicht auch hier die Aura merklich verändert? Was mochte jetzt, im selben Augenblick, in der ansonsten absolut unerotischen Atmosphäre dieses Hauses alles vorgehen? Ich stellte mir vor, wie Frau Pauli die gerade angesetzte Flasche A&P-Korn mit einer lasziven Bewegung beiseite warf und ihren knitterigen Gatten anschnurrte. - Doch sofort verwarf ich diese abstruse Vorstellung. Das war nun wirklich nicht erotisch. Außerdem war bei Paulis seit Jahren schon der Stromanschluß gesperrt, was ihrem Eheleben auch nicht gutgetan hatte, wie ich dem hellhörigen Flur mehrfach entnehmen konnte.

Aber Frank & Rita aus dem vierten und Ina & Martin aus dem zweiten Stock, da mochte wohl gerade das Liebesleben leuchten. Ich schloß die Augen und bemerkte eine beachtliche Erektion. Bei Frank und Martin. Vereinten sich jetzt gerade Ei- und Samenzellen zu neuem Leben? Ich merkte, wie mich Rührung überkam, und meine Augen wurden feucht.

Einige Momente gab ich mich den Eindrücken hin, dann stand ich auf und tastete mich vor ins Nebenzimmer zu Sandra, die die ganze Zeit über erstaunlich still gewesen war. Sie hatte eine Kerze angezündet, lehnte in einem Sessel und sah mich vielsagend an. Doch im Bewußtsein des Wunders der Schöpfung stand mir der Sinn nicht nach etwas so Banalem wie einem gewöhnlichen Geschlechtsakt. Wenige Stockwerke über uns wurde der Grundstein für neues Leben gelegt, und wir sollten ganz ordinär vögeln?! - Oder aber war dies ein Zeichen, die dezente Aufforderung, alle wirtschaftlichen Hemmnisse beiseite zu lassen und eine Familie zu gründen?

Ich sah Sandra fragend an. Ihre Blicke ließen keinen Zweifel an ihren geheimen Wünschen, die nun doch immer offenbarer wurden. Und ich? - Ja, ich wollte auch. Nie wollte ich es so, wie jetzt. Wir nahmen uns in die Arme, Kleider fielen zu Boden, wir sanken zurück, da plötzlich leuchtete mit einem leisen Knacken das Deckenlicht auf Sandra und ich erschraken. Ernüchtert schlossen wir unsere Hosen, und ich ging mit einem bedauernden Achselzucken zurück in mein Arbeitszimmer. So schnell wird noch nicht mal vorhandenes Familienglück zerstört. Ich bin sicher, der Rückgang der Geburtenrate im Osten hat unmittelbar etwas mit der besser werdenden Stromversorgung zu tun. Fortschritt ist oft Rückschritt.

Ich setzte mich an den Computer und begann erneut mit meinem Plädoyer für die Revolution.

Copyright: Andreas Scheffler

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero

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