Andreas Scheffler: Ein Tag im Leben des Prinz Claus
6 Uhr
Wegen Vögeln aufgewacht. Viel zu früh. Mache mir Gedanken über das Leben und weine ein wenig ins Kopfkissen.
7 Uhr
Alfred kommt, um mich zu wecken. Sage, es sei sinnlos, weil ich schon wach bin. Überhaupt ist alles sinnlos. Alfred sagt, ich müßte heute ein Krankenhaus besuchen. Krankenhäuser deprimieren mich. Aber ich bin Prinz. Hätte ich doch was Anständiges gelernt! Holzfäller zum Beispiel.
7 Uhr 30
Frühstück. Beatrix trägt ein blaues Kostüm. Sie weiß, daß ich kein Blau mag. Blau deprimiert mich. Beatrix sagt, die Deutschen würden immer militanter. - Natürlich eine Spitze gegen mich. Ich deute an, daß ich mich krankschreiben lassen will. Beatrix: »Hat er wieder sein Böckchen?« - Niemand nimmt mich ernst.
8 Uhr 30
Abfahrt zum Krankenhaus. Ich darf mir das Auto selbst aussuchen und frage: ¡Haben wir einen Leichenwagen?« Die Leibwächter lachen. Wir nehmen dann den Volvo mit den getönten Scheiben. Der Chauffeur erzählt einen Herrenwitz, um mich aufzuheitern. Gut gemeint, aber über sowas kann ich nicht lachen.
9 Uhr
Im Krankenhaus. Ich weihe einen neuen Gebäudeteil ein und spreche mit aidskranken Kindern. Warum muß ich immer ins Krankenhaus? Beatrix pflanzt Bäume. Gut: Hier muß ich nicht lachen. Die Zeitungen werden schreiben: »Dem Prinzen war seine Erschütterung anzusehen.« Gehe aufs Klo und spüle die Tränen herunter.
10 Uhr 30
Termin beim Therapeuten. Er redet von positiver Lebenseinstellung, ich erzähle von den Aids-Kindern. Heute Mittag soll mir der Koch mein Lieblingsessen kochen, sagt der Therapeut. Der Koch wird es nie lernen, Grünkohl so wie meine Mutter zuzubereiten.
12 Uhr
Mittagessen. Es gibt Kartoffelgratin mit Remouladensoße. Pfui Spinne! Erwäge, den Koch zu entlassen und selbst zu kochen. Ich wollte schon immer Koch werden. Hole mir Ketchup aus der Küche. Vorwurfsvolle Blicke von Beatrix.
13 Uhr
Ich soll meinen Mittagsschlaf halten. Besorge mir heimlich Kafka´s Schloß aus der Bibliothek. Das hatte der Therapeut verboten. Macht angeblich depressiv. Pah! Lege mich auf´s Bett und lese.
14 Uhr 30
Der Therapeut hatte Recht. Meine Augen sind naß. Ob das die Tuberkulose ist?
15 Uhr
Spaziergang im Garten. Gespräch mit dem Gärtner. Ach, wie gern würde ich mit ihm tauschen. Willem, ein guter Kerl. Er sagt, das Leben sei ein ständiges Auf und Ab. Ja, sage ich, bei den einen geht es nur aufwärts, bei den anderen nur abwärts. Setze mir eine Sonnenbrille auf und fahre mit dem Bus im die Stadt. Hoffentlich erfährt Beatrix nichts davon. Glaube aber, der Pförtner wird dichthalten. In der Stadt sind zu viele fröhliche Menschen.
16 Uhr 30
Am Stadtrand ein langes Gespräch mit einem Penner über das Leben. Er sagt, er möchte nicht mit mir tauschen. Ich fahre raus. Starre lange auf die Nordsee hinaus. Warum nur ist die See so weit und so blau? Ich summe leise La Paloma vor mich hin. Einige Tränen.
19 Uhr
Zurück im Schloß. Vorwürfe von Beatrix weil ich mich nicht abgemeldet habe. Der Koch hat mir das Abendessen warm gestellt: Reste vom Mittag. Ich hätte lieber eine Klappstulle.
20 Uhr
Beatrix will mit mir in die Komische Oper. Ich sage, ich habe Migräne. Sie ärgert sich und geht allein. Ich gehe ins Bett.
21 Uhr
Im Femsehn gucke ich mir Sissy an. Zusammen mit Romy Schneider sehr geweint. Würde gern mit Romy Schneider tauschen. Romy Schneider ist tot, ich muß leben, denn ich bin Prinz.
24 Uhr
Beatrix kommt zurück. Jetzt habe ich wirklich Migräne.