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Dr. Seltsam: Winter in Kreuzberg

Geschichten aus dem Hinterhof

November

Regen, Regen und wieder Regen. Regen, der die Hundescheiße in braunen Strömen breiig über die Gehwege verteilt, Stiefel und Hosenbeine stinken entsetzlich beim Trocknen, selbst wenn man nur kurz zum Brot kaufen raus war. Die Temperaturstürze jagen einander in Viertelstunden: Eben spielte noch ein heller, muntrer Sonnenfleck auf der Hauswand gegenüber, aber bis ich angezogen und die Treppe hinunter bin, um voller Vorfreude das Gesicht ins Wetter zu halten und ein bißchen Vitamin D zu tanken, stürmt es schon wieder und dieser ekelhaft feine Berliner Landregen findet mit satanischer Genauigkeit jede kleinste Falte im Schal, um kalt und ungemütlich am Hals hinab zu rinnen.

Klar, was folgt: Die letzten drei Wochen habe ich mit einer der ekligsten Grippen zu Bett gelegen, die jemals den Weg in meinen Körper gefunden haben. Ich hasse dieses Gefühl, wie wenn sich an der Innenseite der Hirnschale ein pelziger Schimmelbelag bildet, der das immer mehr wattig, lose und unfähig werdende Denkorgan wie einen Alzheimerschen Tennisball hin und herschaukelt, was dazu führt, daß man keinen einzigen Satz mehr grammatikalisch und inhaltlich - strukturell korrekt zuendebringen kann, während der Körper aus allen Rohren Flüssigkeiten schießt, Blood weat and tears und noch einiges mehr, wovon sich´s die Popweisheit nicht mal alpträumen läßt, oder singt, von meinen fiebrigen Glitzerfantasien ganz zu schweigen. Oh toll, ich habe dieses kompliziert gefügte Kunstgespinst fertig: bin ich wieder gesund?

Dezember

Ich strecke alle Glieder, bade den alten Fieberschweiß hinweg in gurgelnde Tiefen, habe wieder Appetit auf Zigarettchen und Bier, auf Zeitunglesen, Spazierengehen und Disputieren, will zu leben anfangen. Da droht dieser schreckliche Familien-Folter-Tag.

Ganz früher war´s ja manchmal schön: der große Bruder hatte sich ganz rot verkleidet, aber daß der nicht der Weihnachtsmann war, war mir schon als Fünfjährigem klar. So riß ich an dem Wattebart, bis die Pappmaske von meines großen Bruders Gesicht abfiel und ich damit allen die unfehlbare Wahrheit enthüllte. Zur Strafe gab´s Schläge und ich wurde ohne Kartoffelsalat und Würstchen zu Bett geschickt. Seitdem hasse ich Weihnachten.

Weihnachten, das war: Stress, Kirche, Prügel und die Ansprache aus Bonn, und ich durfte nicht sagen, wer hinter der Pappmaske steckt.

Wieder naht das Fest der Lüge; nur dieses Jahr ist alles anders. Die Krise ist da, dem Kapitalismus schwimmen die Felle weg.

Meine Hoffnung erfüllt sich mit jedem Adventstag mehr: Die Herrschenden können nicht mehr weitermachen wie bisher, die letzte Schlacht wollen sie mit der Wohlfeilheit ihrer Waren gegen mangelnden Lebenssinn der Beschäftigungslosen führen. Nach der Maueröffnung, auch damals war gerade Weihnachten, schrieb das Wallstreet Journal: »Der Zusammenbruch des Ostens kam für die Wirtschaft der westlichen Länder keine Minute zu früh.« Das heißt: sie waren eigentlich damals schon fertig. Jetzt ist die durch den Ostaufkauf verzögerte Krise im Anmarsch und Bewegung ist wieder möglich, auch Bündnisse, Barrikaden, Streiks und rote List.

Was diesem Land offenkundig fehlt, sind die Arbeiter als Klasse. Aber aus einer geschickten Verbindung von Millionen Arbeitslosen und unzufriedenen Ossis, rebellischer Jugend, wild entschlossenen Frauen und streikenden Gewerkschaftern, RAF, Walschützern, messerbewährten Türkengangs und ein paar marxistischen Parteien, aus all dem, was aus je eigenen Gründen das System haßt, müßte doch ein heißes Süppchen zu kochen sein, das selbst die herrschenden Prasser nicht mehr verdauen können. Heißa, das wird ein Weihnachten werden.

Heiligabend

Heute tat ich endlich das, was allen Arbeitslosen am allerdringendsten anzuraten wäre: Sofort alle Alkoholika und Fernseh/Video-Geräte in die Mülltonne schmeißen. Notfalls auch aus dem Fenster! Sofort! bei Strafe des Verrücktwerdens! Oder zumindest schwerer Depression.

Januar

Unter Beziehern wird sie Alhihi genannt, wegen des irre flackernden hilflosen Kicherns, das einen unfehlbar überfällt angesichts der stets unerwartet niedrigen Summe. Früher gab es einmal pro Jahr eine Anpassung an die steigenden Lebenskosten, stets knapp unter der Inflationsrate, so daß man als Arbeitsloser Jahr für Jahr ein bißchen ärmer und ärmer wurde. Aber wenigstens gab es jedesmal drei oder vier Mark mehr, ein ermunterndes Zeichen, daß Vater Staat seine ärmsten Kinder nicht total vergaß. Diesmal aber gibt es eine Dynamisierung nach unten, gleich vierzig Mark weniger, und wer sich mit den Tabellen auskennt, kann jetzt ausrechnen, wie hoch meine Alhihi ist, falls es jemand interessiert.

Ab und zu muß ich, wie wohl jeder Erwerbslose, auch mal eine Woche lang von Nixmarkfuffzich kochen und ich bin heilfroh, daß ich nur für meinen eigenen Bauch zu sorgen habe: Stellte ich mir vor, wie die wehmütigen Augen meiner hungernden Kinderschar, - gottseidank alle verhütet - anklagend über den Tischrand lugten, wenn ich Ihnen wegen einer größeren Waschmaschinenreparatur zwei Wochen lang nur Spaghetti Miracoli oder wahlweise Nudeln mit Tomatensoße anbieten könnte, so würde ich auf der Stelle ein noch viel böserer Systemfeind und Revolteur als ich es jetzt schon bin in der heimlichen Tiefe meines Herzens.

Aber über den Groschen, der in der Küche fehlt, wird nicht in der Küche entschieden. Als ich den Brief vom Arbeitsamt öffne: »Für die Höhe Ihrer(!) Leistung ist die vom Bundesminister für Arbeit(!) und Sozial(!)ordnung erlassene Verordnung maßgebend.« - Gleich drei satte Lügen in einem Satz. Und sowas liest in seiner Post heute morgen jeder der drei komma acht Millionen. Warum gibt es eigentlich keinen Aufruhr, gleich, sofort, hier?

Die neue Alhihi sei »deutlich niedriger«, weil: »Steigende Beiträge zur Kranken- und Rentenversicherung mindern nicht nur den Nettolohn der beschäftigten Arbeitnehmer, von dem die Ihnen gezahlte Leistung« abhängt, nein, die Regierung hat auch gleich noch dazu »die Lohnersatzleistungen abgesenkt.« - »Die Absenkung fällt bei Leistungsempfängern mit Kind geringer aus als bei den übrigen. Gegen diesen Bescheid ist der Widerspruch zulässig binnen eines Monats.« Alles wörtliche Zitate vom Arbeitsamt.

So also sieht das am Ende aus, was die Politnasen im Fernsehen erzählen. Sogar bei den Kindern sparen sie, »geringer«, und wundern sich dann heuchlerisch, daß heute schon die Achtjährigen losziehen und Rollstuhlfahrer umschmeißen und alte Omas beklauen, statt sie über die Straße zu geleiten.

Vier Wochen Zeit, Widerspruch einzulegen? Oh nein, wir haben ein ganzes Jahr Zeit, diese Diebe abzuwählen und die Kinder und ich, wir haben ein ganzes Leben Zeit, eine perverse Wirtschaftsordnung zu beseitigen, in der »Ihre Leistung« aus verminderten Geldzahlungen der Regierung besteht.

Februar

Zwar klebt seit Jahren an meinem Briefkasten das kleine gelbe Warnschild: »Wen ich hier beim Einwerfen von Werbung erwischen, der kriegt die Fresse poliert«, und meistens hilft das auch, außer natürlich bei den Briefen, die die Post bringt.

Meine Briefträgerin, Frau Radtke, ist blond und stämmig. Jedesmal, wenn ich sie in ein Gespräch verwickle, was ich ihrer blauen Augen wegen oft versuche, stöhnen wir zusammen: Ich darüber, wie ich meistens montags entzückt meinen Briefkasten öffne, weil er vor lauter Post lustvoll zu bersten droht, und dann sind es nur Werbung und Rechnungen. Und Frau Radtke stöhnt wegen der Last unnötiger Werbung, die sie schleppen muß. Sie sei Postbotin aus Idealismus, sagt sie, um die Verbindung zwischen Menschen zu fördern, alte einsame Omas mit Enkel-Briefen zu beglücken usw. Statt Freude bringt sie Arbeitslosen mit zehntausend Mark Kreditschulden höhnische Reisekataloge für die Bahamas.

Ich habe Frau Radtke bereits angebettelt, ob sie die an mich adressierten Werbebriefe nicht gleich morgens beim Sortieren auf dem Postamt wegschmeißen könnte, ja ich habe sogar angeboten, sie in schriftlicher Form offiziell von jeglicher Beförderungspflicht »zu entbinden«, besonders weil dieses Wort Anlaß zu schlüpfrigen Witzen zwischen uns bietet, bei denen ihre blauen Augen lustig funkeln. Aber: »Was frankiert ist, muß ich austragen«, sagt sie ergeben, bevor sie im nächsten Aufgang verschwindet. Oh, preiswürdige Bundespost, die ihre Amtsbegriffe der gynäkologischen Fachpraxis entlehnt und die solche Botinnen ernährt!

Ich bin nämlich leider ein schwerer Fall! So wie andere Leute an keinem Daddel-Automaten vorbeikommen, bevor sie nicht ihre gesamte Barschaft verjuxt haben, so bin ich ein zwanghafter Besteller von »unverbindlichen Schnupper-Abos« und Warenproben mit »kostbarem Geschenk, das Sie auf jeden Fall behalten dürfen«. Schon habe ich alle Wände meiner kleinen Wohnung panisch vollgepappt mit Gipsabgüssen altägyptischer Gottheiten (Time-Life-Buchversand), mittelalterlichen Weltkarten (Readers Digest) und großformatigen Baumfotos aus allen Jahreszeiten (Geo), nicht zu vergessen diverse Mini-Lexika (Bertelsmann) sowie »wertvolle goldene Schmuckanhänger« (Avon).

Und so war ich einfach wehrlos, als der Norman-Rentrop-Verlag mir »fünfzig elegante Visitkarten auf Bütten, mit Ihrem Namen, von einem Grafiker eigens für Sie gestaltet« offerierte. Vor Jahresfrist brachte mir meine unter der Last tapfer strahlende Postbotin ein Riesenpaket mit den wirklich sehr schönen und praktischen Visitenkarten nebst einem völlig blödsinnigen »Handbuch des jungen Unternehmers« in mehreren abscheulich blauen, klebrigen Plaste-Sammelordnern, die ich umgehend und pünktlich retournierte, »unfrei« natürlich, wie ich es von all den anderen Verlagen, Fernlehrschulen, Münz-, Tee- und Hemdenfabriken gewöhnt bin, mit denen ich in langjährigen Werbebeziehungen stehe.

Alle anderen sind anständige Kaufleute, die höchstens in einem Brief mein mangelndes Interesse an ihrer Ware bedauerten und, höflich bittend, meine Ablehnung zu überdenken, mir gleich zehn Prozent Preisermäßigung einräumen wollten. Norman Rentrop jedoch schickte mir seitdem jeden Monat die Nachfolgelieferung für junge Unternehmer zum Einheften in ihre ekligen Plasteordner, deren Annahme ich ebenso regelmäßig verweigerte, ganz so, wie die Verbraucherzentrale es bei aufdringlichen Haustürvertretern empfiehlt. Schließlich haben sie mich verklagt und ich verlor den Prozeß, weil ich zwar beweisen konnte, daß ich das scheußliche »Urwerk« rechtzeitig zurückgeschickt hatte, ich bin ja nicht blöd, aber Norman Rentrop behauptete einfach, er habe es nicht erhalten!

Völlig perplex über die Schlechtigkeit der Welt besprach ich die ganze Sache ausführlich mit meiner blauäugigen Postbotin. »Selber Schuld«, lachte sie glockenhell, »das Zeug hätten Sie per Einschreiben mit Rückschein zurücksenden müssen, kostet nur sieben Mark extra. War ihnen wohl zuviel, Herr Seltsam, was? Dafür zahlen Sie jetzt das Hundertfache: Geiz am falschen Ende, würd ich sagen.«

März

Die schreckliche Lichtmangel-, Geld weg- und Schmuddelwetter-Depression ist endlich vorbei. Ist das der letzte Schnee oder Sonnenreflexe, was da schon zehn Minuten lang zum Fenster reinleuchtet und mich wachgekitzelt hat?

So hell, daß ich das erste Mal seit langem wieder fröhlich aus dem Bett hüpfe und das schwere Arbeitslosentagwerk wie neu geboren beginne: Mit ein bißchen Schattenreggaespringen auf you can get it if you really want von Jimmy Cliff, das weiß der Teufel wie heute ins Radioprogramm gerutscht ist, Turnen, heiß duschen, kalt duschen, Kohlen holen, Ofen anheizen, Kaffee aufsetzen, und summend rausgehen, Brötchen und Honig vom kurdischen Bäcker und kühle, frische Milch im Bioladen kaufen, und mit dem Zeitungshändler über seinen Boykott der Jungen Freiheit plauschen, und Nachbars hübsche Tochter anlächeln, bis sie ein ganz klein bißchen rot wird, und mich darüber freuen, daß der muslimische und der evangelische Obsthändler in unserer Straße beieinander stehn und über Lottogewinne fachsimpeln, statt sich zu erschießen wie in Sarajewo, und den Kater aus dem 4. Stock ammaunzen, bis er wieder an die Katze glaubt und seine Kastration vergißt und vor Lust ein wenig dumm rumsabbert wie Kater eben so sind, und zurück bei mir leise, ganz leise die Tür aufsperren, Blumen gießen, lüften, schnuppern, und mit der ersten Tasse zum Bett zurück und leise brummend:

Der-Kaffee-ist-fertig-klingt-das-nicht-unheimlich-zärtlich die Geliebte wecken und ihr unbeschreibliches erstes Morgenblinzeln genießen, lange und ausgiebig, und ohne Wecker, ohne Hast, ohne Angst vor dem Tag.

Oh ja, das Leben der Arbeitslosen ist wie ein langer Sonntag, sie säen nicht, sie ernten nicht und Gott der Herr ernähret sie doch.

Aber das ist ja Kommunismus! Vormittags Gedichte Schreiben, mittags Fischen, abends Angeln oder Vögeln nachsehen oder so ähnlich, ich kriege das berühmte Zitat aus Marx´ Pariser Schriften nicht mehr so ganz zusammen. Werde es gleich mal raussuchen. Habe ja jetzt Zeit. Und endlich wieder den Kopf frei zum Marx-Lesen und Revolutionmachen.

Copyright: Dr. Seltsam

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero

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