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Jürgen Witte: Arbeitsessen

Ein Einakter

(Klingeln mit der Glocke)

Berater:

Eilet herbei, Höflinge, Narren und Schranzen,
dem Kanzler um den Bart zu tanzen!

(Füßegetrappel)

Kanzler:

Augstein, mein Augenstein,
darf ich heut dein Diener sein?

Augstein:

Ha!... Ha!... Ha und Ha!!

Berater:

... köstlich, Kanzler, wunderbar!

Augstein:

Herr, seit ihr zum Narren mich gemacht,
wird hier nur noch dumm gelacht.
Mir obliegt, die Wahrheit zu ergründen,
und ihr müßt meine Späße spaßig finden.
Macht Schluß jetzt mit der Witzelei!

Kanzler:

Nun gut, du Narr, es sei!

Berater:

Ja, der Narr, der Augstein liebt es nicht,
wenn man im Scherz nur von ihm spricht.

(Händeklatschen)

Zu Tisch, meinen Herrn, zu Tisch!
Es gibt Parfait vom edlen Fisch!

(Stühlerücken, Besteckgeklapper, Gläserklirren)

Kanzler:

Sei´s drum, alter Wort-Wert-Wender
sprich mir von dem Volk der neuen Länder!

Augstein (zwischendurch schmatzend):

Oh, das Volk, es strebt mit Herz und Hand
ins blühend deutsche Vaterland.
Es wurzelt fest im Garten der Kultur
und treibt treu deutsche Triebe nur.

Kanzler:

Er spricht so wunderschön,
es ist, als hätt´ man´s selbst geseh´n;
und auf allem glänzt ein Sonnenstrahl.
Er sieht´s so herrlich national.

(hier ein Rülpser wäre schön)

Augstein weiter, Augstein weiter,
Narr, du machst mich wahrlich heiter.

Augstein:

Dieses Land so dick und groß,
es fiel dir in den Kanzlerschoß.
Mit den Mächt´gen dieser Welt
fühlst du dich nun gleichgestellt,
und unsere ersten Front-Soldaten
vollbringen wieder Heldentaten.
So bläht das Land sich auch,
gleich deinem dicken Kanzlerbauch.

Kanzler:

Nicht alle politischen Geschäfte
regeln mir die Magensäfte.
So sprich mir denn von der Wirtschaftskraft,
von Werten, Waren, die das Volk uns schafft!

(Besteck fällt klirrend auf einen Teller)

Berater (erschrocken, gehetzt):

Er führt ihn hin auf´s glatte Eis.
Auf Augsteins Stirn rinnt kalter Schweiß.
Man sieht ihn recht um Worte ringen,
wird er´s weiter so gut bringen?

Augstein (zögernd):

Der deutsche Unternehmerstand
liegt in besonnen kluger Hand.
Doch wer will schon Unternehmen
bei den derzeit hohen Löhnen.
Das Volk kauft Waren aus dem Fernen Osten,
wo fleißige Hände nur sehr wenig kosten.

Kanzler:

Ja, der Prolet kauft gerne billig ein,

Augstein:

...selber aber, will er teuer sein!
Gerade den Armen geht´s zu gut,
sie saugen ärmerer Arbeiter Schweiß und Blut.

Kanzler:

So spricht ein kritisch wacher Geist,

Sozialdemokrat (grantig):

...was immer solches heute noch heißt.

Kanzler

Augstein, will all das ich wohl bedenken,
wohin das Staatsschiff also lenken?

Augstein:

Wohlstand für einen jeden,
niemals hat es daß gegeben.
Selbst in den Wirtschaftswunderjahren
haben nicht alle vom Wunder selbst erfahren.
Der Arbeiter soll endlich sich bescheiden,
angestellt und dennoch arm zu bleiben.

Sozialdemokrat:

Es zerreißt mir schier das Herz,
zu weit geht jetzt des Narren Scherz!

Kanzler:

Ach der Soziale Demokrat,
was der nur wieder zu mosern hat?

Sozialdemokrat:

Gebt dem Arbeiter mehr Geld zur Hand,
und Wohlstand kehrt zurück ins Land.
Nur wenn die Masse fleißig konsumiert,
wird auch in Massen Ware produziert.

Augstein:

Nur mit Überschüssen aus Exporten
kann Deutschland seinen Reichtum horten!

Sozialdemokrat:

Aber ein gerechter Ausgleich auf der Welt?

Augstein:

Noch der ärmsten Deutsche wäre da zu gut gestellt.

Kanzler:

So ist ´s im Grunde eine ehrenwerte Sache,
wenn ich die Armen jetzt noch ärmer mache

Berater:

Siehst du´s ein, Sozialer Demokrat,
auch un´sre Politik ist von sozialer Art.

Kanzler:

Darauf einen Toast!

(Gläser klirren aneinander)

Kanzler:

Prost, die Herren!

Alle:

Prost!

Sozialdemokrat (langsam erregt):

ihr gefährdet den inneren Frieden;

Kanzler:

...noch ist´s im Lande ruhig geblieben!
´s sind ordentliche Untertanen,
die wir von der SED vererbt bekamen

Sozialdemokrat (erregt):

Ich seh´ sie schon mit Forken und mit Stecken
kommen und die Fäuste recken.
Ich seh´ Aufruhr in den Arbeitermassen.
Wollt ihr es bis dahin kommen lassen?

Augstein:

Seht da, der Soziale Demokrat,
der Angst vor seinem Wähler hat.

(Zwei Mal laut auf den Boden stampfen)

Berater:

Ein hinkender Bote hinkt schnell zum Tor heran.
Aus dem Osten ward ihm Nachricht aufgetan.

(Hinkende Schritte durch den Bankettsaal)

Bote (schwer schnaufend):

Herr, es murrt im Arbeiterheer,
sie dulden es nicht länger mehr.

Sozialdemokrat:

Seht, der Aufstand naht.
Jetzt ham wa den Salat.

Augstein:

Mir bitte auch
davon, und etwas Lauch.

(Klopfen mit dem Messer ans Glas)

Kanzler:

Ruhe jetzt, es wird regiert.
Sag mir, wer den Aufstand führt.

Augstein:

Ach, wir wollen uns beim Prassen
die Laune nicht verderben lassen.

Kanzler:

Schick ich Grenzschutz oder Polizei,
ist der Spuk wohl bald vorbei.
Denn auch mit schweren Waffen,
läßt sich sozialer Friede schaffen.

Sozialdemokrat (ängstlich):

Kommen sie mit Forken und mit Stecken?
Sahst du wie sie ihre Fäuste recken?

Bote (zögernd, verwirrt):

Nein, sie liegen da und essen nicht!

Sozialdemokrat:

Gottseidank...

(Klingeln mit der Glocke)

Kanzler:

...es kommt das Hauptgericht!

Alle:

Aahhhh...

Augstein:

Sagt Herr, was ist denn das genau?

Kanzler:

Gefüllter Magen von der Pfälzer Sau!

Sozialdemokrat:

Ich reih´ mich ein zum Hungerstreik.
Nein, ich esse nicht von diesem Zeug.

Augstein:

Verstaubt ist deine Solidarität.
Besser schickt man da ein Fresspaket,
denn Hunger kommt zu allererst beim Essen.

Berater:

Ha! Das hat gesessen!

Kanzler:

Ruhe jetzt, ich will regiern´,
Truppen lass ich aufmarschiern!
Ich dulde diese RAF-Methoden
nicht auf meinem deutschen Boden.
Wollen ausgerechnet mich erpressen,
indem sie einfach nichts mehr essen.

Augstein:

Zum Verhungern brauchts viel Zeit.
Ihr werdet sehn, bald sind sie´s leid.

Kanzler:

Null-Diät hab auch ich schon ausprobiert,
weiß sehr wohl, daß es zu gar nichts führt.

Augstein:

Bote komm und sag uns mehr,
was genau der Streikenden Begehr.
Sind Forderungen aufgestellt?
Wollen sie Macht oder ist´s mehr Geld?

Bote:

Nein Herr, Arbeit ist´s wonach sie schrei´n!

Augstein:

...so dumm möcht ich auch mal sein!

Augstein (kurze Denkpause, dann frech):

Bote sprich,
was macht zum Boten dich?

Bote (nachdenklich, vorsichtig):

Füße, die mir Gott gegeben,
mich zu tragen durch das Leben,

(Jetzt sicher)

und daß ich mir merken kann,
was andere mir aufgetan!

Augstein:

So? Ist´s dir nicht vielmehr ums Geld?
Nein? So sei denn um den Lohn geprellt!

Kanzler:

Ha! Als Narr ist er grandios,
Augstein, Bruder, du hast echt was los!

Sozialdemokrat:

Ja, auf die Kosten kleiner Leut
hat man hier noch keinen Witz gescheut!

Bote (zerknirscht):

Herr verzeiht,
es tut mir leid,
untertänigst meine Bitte:
Gebt, nach guter alter Sitte!

(Münzen die auf einen Teller geworfen werden)

Berater:

Nimm dir deinen Judas-Lohn,
auf Lakai, nun troll dich schon.

(Schritte des hinkenden Boten, leiser werdend)

Sozialdemokrat:

Herr, ich bitt´, die Not ist groß,
in Bischofferode wird man arbeitslos.

Augstein:

Dort oder anderswo,
das ist halt so.

Kanzler:

Arbeitsplätze, die abrupt verschwinden,
kann auch ich nicht wiederfinden.

Augstein:

Was immer da der Markt vollbracht,
der Kanzler hat es sicher nicht gemacht.

Kanzler:

Ich weiß nicht, doch mir scheint,
das war nicht sehr lieb gemeint.
Ach, wie wird das Herz mir schwer,

Berater:

...schnell, man bringe das Dessert

(Hektisches Klingeln mit der Glocke)

Kanzler:

Muß ich alles wieder alleine tun,
mein Augstein, wozu rätst du nun?

Augstein:

Seht zu und macht ein Angebot:
Ein Scheibchen Wurst, ein Kanten Brot.
Zeigt ihnen einen Happen
und wartet bis sie danach schnappen.
Solange sie nicht die Fäust recken

Sozialdemokrat:

...und mit Forken und mit Stecken...

Augstein:

Solang ist es gut,
daß man besser gar nichts tut.

Sozialdemokrat:

So lasst uns denn aus unseren Mitten
um des Allmächtige Hilfe bitten.

Kanzler:

Ja, zum Herren der Wirtschaft jetzo fleht,
Helm ab, Kameraden, zum Stoßgebet.

(Bestecke fallen auf Teller, Gläser abstellen, Stühlerücken)

Alle:

Mach, O Kapital,
ein Ende diesem Jammertal.
Zeig uns deine Macht,
die so viele Wunden schon vollbracht.
Führe uns aus Rezession,
Wirtschaftkraft, du machst das schon!

Copyright: Jürgen Witte

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:09
erstellt von jero

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