Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XIV
Privatdetektiv Victor Orloff sucht, besonders motiviert durch seine Gummiallergie, seit Ewigkeiten nach der Pflanze, die Aids besiegt. Der Multikonzern Rubber Intemational sowie der BND hängen Victor aus verschiedenen Gründen an den Fersen. Außerdem muß er seine verschollene Freundin Indiana Jane finden. Er glaubt, eine Spur auf den Osterinseln entdeckt zu haben.
Folge XIV: Schrei, wenn Dich der Hexentöter würgt
von Andras von Guoterslohe aus dem Mittelhochdeutschen übersetzt von Andreas Scheffler
›Wie schön ist eine Butterfahrt, wenn unter mir der Kutter knarrt.‹ - Welcher Trottel hatte diese Verse geschrieben? Egal, auf dem Butterbrot, das jetzt in meinem Bauch knarrte, gärte die Margarine. Wieder blubberte es furchtbar im Magen-Darm-Trakt, und ich beugte mich über die Reling. Anatomisch ist es unmöglich, gleichzeitig Kopf und Hinterteil über ein Geländer zu halten. Also beeilte ich mich nach der erfolgreichen Magenentleerung breitbeinig, so schnell wie möglich meine Kabine aufzusuchen. Eine Darmgrippe ist, verdammt noch eins, keine schöne Sache. »Sie gehen schon wie ein richtiger Seemann, Mister Orloff«, unkte einer der Matrosen. Ich langte schnell unter meine Jacke und fühlte den Stahl der 38er. Das beruhigte, und ich stapfte wortlos weiter.
In der Kabine wechselte ich die Wäsche. Meine letzte Unterhose. Es wurde Zeit, daß wir auf den Osterinseln ankamen. In einem Berliner Bürokomplex hatte ich meinen Steckbrief gefunden, bei einer dubiosen Firma namens International Communication Services. Daneben lagen eine Telefonnummer von diesen Inseln, 50.000 Piepen und der Auftrag, mich umzulegen. Wenn in dieser ganzen Geschichte überhaupt noch ein Sinn stecken sollte, dann würde ich ihn hoffentlich hier finden.
Draußen krakeelte jemand herum. Ich verstand kein Spanisch, konnte aber erraten, daß Land in Sicht war. Endlich. Wenig später verließ ich die Eierschale und ging schlingernd, mit nichts außer einer großen Kaisers-Plastiktüte, an Land.
Was nun? Ich wußte nicht, wohin und schon gar nicht, wo anfangen. Nur eines war klar: Ich mußte auf diesem trostlosen Eiland die International Communication Services finden. Dort lag der Schlüssel zu meinem Schicksal und vielleicht zu dem Indiana Janes. Ich bin sonst nicht sehr gefühlsselig, aber bei dem Gedanken, was Jane inzwischen zugestoßen sein mochte...
Fürs erste orientierte ich mich an einem großen, zu einem Menschenkopf geformten, Felsbrocken, der etwa einen Kilometer von mir entfernt stand. Dort mochten einige Touristen herumlungern, die mir vielleicht sagen konnten, wie ich hier an eine gescheite Flasche Schnaps und schwarze Zigaretten herankäme. Ich zündete mir die vorletzte Karo an und nahm einen Schluck aus dem Flachmann. Bald war ich an meinem vorläufigen Ziel. Touristenmäßig nahm ich einen der Felsklumpen, die man überall Idole nennt, in Augenschein, da dröhnte es aus der Nähe: »Mensch, Victor, Du lebst noch, altes Haus?«
Aus den Schatten einer Pinie trat ein alter Mann hervor und kam auf mich zu. Ich dachte, ich seh´ nicht richtig: Joachim Grasmück, der alte Fuchs, den ich schon lange für tot gehalten hatte, stand hier, auf den verdammten Osterinseln, lebendig vor mir. Joachim war eigentlich seßhaft in Frankfurt und schrieb unter dem Pseudonym Dan Shocker sogenannte Gruselkrimis mit Titeln wie Schrei, wenn Dich der Hexentöter würgt für einen Groschenheft-Verlag. Es tat gut, eine verwandte Seele zu finden, und schon nach kurzer Zeit saßen wir, bierselig und alte Geschichten erzählend, am Strand. Als Achims Rucksack geleert war, lud er mich in seinen Bungalow ein. Nach dem Begrüßungsdrink (Bommerlunder!) zeigte er mir das Haus. Ich staunte nicht schlecht, als wir auf einmal in einem großen Tonstudio standen.
»Mensch, Achim, bist Du ins Musikgeschäft eingestiegen? Schreibst Du nicht mehr Deine Heftchen?«, fragte ich erstaunt. - »Ach was, den Schund machen schon lange andere für mich; ich liefere nur noch die Exposés und den Namen. Und das hier, na ja..." Er nahm einen großen Schluck aus der Flasche, reichte sie dann mir und drängte mich, mehrere Hiebe zu nehmen. Als ich absetzte, merkte ich die heraufdämmernde Trunkenheit. »Ich bin jetzt selbständig«, erklärte er, »ich produziere auf eigene Kappe Cassetten und verkaufe sie an die International Communication Services. Machen viele.« - Schlagartig war ich wieder nüchtern. »Was für Cassetten?«, - »Na ja« grunzte er und setzte nochmal die Flasche an; der gute Bommi rann an seinem Kinn herab, »Telefon-Sex eben. Der Markt boomt wie Sau!« - »International Communication Services ist eine Telefon-Sex-Gesellschaft?« Ich entriß ihm die Flasche und trank den Rest in einem Zug.
»Und warum will mich eine Telefon-Sex-Gesellschaft umbringen!«, brüllte ich. - »Was ist los? Nun erzähl erstmal.« Wir setzten uns, und ich berichtete über meine letzten Monate. - »Scheiß Exposé«, sagte er, »total unstimmig.« - »Das weiß ich auch, aber ich stecke da drin und will endlich raus!«, rief ich erregt. Joachim rekapitulierte nochmal die Fakten: Ich war nach einem visionären Traum in Berlin aufgewacht und hatte in einem ICS-Büro mein Foto, Geld, eine Waffe und einen Mordauftrag gegen mich gefunden, nebst einer Telefonnummer von den Osterinseln. »Schaun wir uns mal die Firma an«, murmelten wir gleichzeitig, »morgen.« Nach der nächsten Flasche schliefen wir ein.
Die ICS residierten in einem flachen Komplex im Norden der Hauptinsel. Wir hielten mit Achims Jeep an der Pforte. Er hatte mich mit einer roten Perücke und massenhaft Schaumgummi ausgestattet. Aufgrund der Notwendigkeiten war ich auch endlich einmal wieder zum Rasieren gekommen. - »Ich will Euch ´ne neue Stimme vorstellen. Victoria Orlowski«, sagte Achim und wurde prompt durchgewunken. Wenig später saßen wir in einem kargen Büro. Ein verlebter Mann, der aussah wie Hans Duschke zehn Jahre älter, reichte mir die Hand und flötete: »Orlowski, bist Du verwandt mit der Theresa?« - »Ja, aber um zehn Ecken«, zirpte ich. Jetzt hätte ich einen Bommerlunder gebrauchen können. - »Hm«, machte der knittrige Mann, »so eine ähnliche Stimme haben wir eigentlich schon; gerade hereingekommen. In einem unserer Apartments.« Dabei grinste er so ekelhaft, daß ich instinktiv nach der Smith&Wesson griff. »Eine Claudia Thomas, nennt sich Indiana Jane. Können Sie sich das vorstellen? So ein dämlicher Künstlername!« Er lachte meckernd.
Mein Gehirn arbeitete fieberhaft. Indy war hier; irgendwo hier. Freiwillig wurde sie nie so einen Scheiß mitmachen, also war sie verschleppt worden und wurde hier festgehalten. Vielleicht waren Drogen im Spiel... Vor meinen Augen tanzten rote Sterne. »Ich finde den Namen sehr passend, besonders, wenn man weiß. was sich damit verbindet«, sagte ich ruhig und langte nach der 38er.