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Kurznachrichten: Pichelsteiner

Singende Grundschüler

(Jürgen Witte) Zwei Kinder, männlich, knapp über eins-zwanzig, der eine davon, der kleinere, wohnt im sündhaft teuren Maisonette-Neubau nebenan, der andere, etwas größere, irgendwie nicht so dezent schick von Muttern ausgestattete, den habe ich nicht gekannt. Die beiden laufen die Straße lang und singen lautstark das Lied vom deutschen Vaterland.

Der größere, blonde, der mit seinen Segelohren und der sehr kurz geschnittenen Seitenscheitelfrisur, wirkt irgendwie prollihaft neben dem kleinen gepflegten Mittelstandssöhnchen und Designer-Kinder-Brillenträger, der Blonde also singt lauter als sein ungleicher Kumpel und hält sich dabei in einer aus dem Fernsehen abgeguckten Ergriffenheitspose die rechte Hand übers linke Herz. Es sieht ulkig aus, wie er so wandervogelmäßig ausschreitend den einen Arm an die Brust gelegt hat, während der andere Arm lustig schaukelnd die Gehbewegung unterstützt.

Jetzt sind sie im Lied an jener Stelle angelangt, wo das mit der Einigkeit und der Freiheit in höherer Lage und mit verspielterer Melodie nochmal zu wiederholen ist. Der Kleine hält sich zurück. An dieser Stelle ist er, wie so viele Nationalhymnensänger etwas unsicher, aber der Größere schmettert die Zeile unbeirrt aus voller Brust und führt den kleinen zurück auf den Pfad der richtigen Töne. Dann sind sie fertig. Sie sitzen auf einer Parkbank, reden, singen kurze Melodielinien an, aber es findet sich kein Lied, das sie noch zusammen singen könnten.

Karl

(Horst Evers) »Hallo Horst! Bist du´s? Hier ist Karl.«

»Ja?«

»Äh, ich hoffe, ich störe nicht, aber mir ist echt etwas ziemlich blödes passiert.«

»Ja?«

»Also, ich komm gestern Nacht nach Hause, ziemlich betrunken, und seh diese Werbung für diese Telefonsexnummern. Naia, denk ich, is ja nix dabei, braucht ja keiner zu erfahren, rufst da halt mal an, legst dich ins Bett und dann mal schön zuhöm, ne.«

»Ja?«

»Was ja? Bin natürlich sofort nach den ersten Sätzen eingeschlafen. Mann, ich muß bestimmt 12 Stunden in eins durchgeratzt haben. Und wie ich grad aufwache, den Hörer immer noch inne Hand, und dadrin so´n Plätschern und eine Frauenstimme, die immer sagt naß, naß, naß, wußte ich natürlich sofort, daß ich ziemlich große Scheiße gebaut hatte.«

»Ja?«

»Ja. Du, sag mal, kannst du mir´n bißchen Geld leihen?«

Erziehung

(Andreas Scheffler) Gerad´e hat sie ihren kleinen Jungen verprügeln. Er heult und tobt, weil ihm der Hintern weh tut und wegen der Demütigung. Da knallt sie ihm eine. »Halt die Klappe«, sagt sie, »sonst denken die Nachbarn, wir schlagen unser Kind.«

In Würde altern

(Jürgen Witte) Hans Duschke war es, der mich, als wir beim Spazierengehen die unscheinbare Fassade einer neueröffneten In-Disco passierten (er sagte sogar, dieses sei nun gerade definitiv die In-Disco in der Stadt) darauf hinwies, daß ich, sollte ich beabsichtigen, dieses Etablissement zu besuchen, dort nun ganz bestimmt sofort als Alter Sack erkannt und klassifiziert werden würde.

Ein sicherlich etwas rüder Hinweis auf eine Tatsache, welche auch mir nicht verborgen geblieben ist. Erst kürzlich bemerkte ich, daß die Taschenbücher, die ich mir erst gekauft habe, nachdem ich schon einen halbwegs vernünftigen Geschmack zu entwickeln in der Lage war, daß also diese Taschenbücher, die Fischer-Ausgaben von Arno Schmidt zum Beispiel, mittlerweile aufs übelste am Vergilben sind. Dickere Taschenbücher, auch und gerade Pynchons Romane von Picador, geben seit einiger Zeit ein unheilverkündendes knackendes Geräusch von sich, wenn ich sie aufschlage. Ja, ja, so alt bin ich geworden. Aber es sind nicht nur die Buchrücken, auch mein eigener macht mir gelegentlich zu schaffen.

Die Oma auf der Parkbank

(Hinark Husen) Weißes Kleid mit wenig roten Tupfen. Eine dicke, häßliche Taube landet auf dem Schotterweg vor der Bank und pickt die Krümel auf, die die alte Frau dort fallen gelassen hat. Der Vogel reißt ein größeres Stück Kuchen in die Höhe und dreht blitzschnell den Kopf, um einen schnabelgerechten Happen herauszureißen. Oma beobachtet das Federvieh und wirft weitere Teile ihres Gebäcks auf den Boden. Nachdem noch drei Tauben gelandet sind und einige Enten aus dem nahegelegenen Teich herüberwatscheln, steht sie langsam auf und läßt nun alles fallen. Begierig stürzen sich die Vögel auf das Naschwerk, an nichts anderem mehr Interesse. Jetzt lohnt es sich, denkt Oma. Selbst die dicke häßliche Taube bemerkt nicht, wie der große Stein direkt auf sie hinabgeschleudert wird.

Weißes Kleid hat jetzt mehr rote Tupfen.

Postgeheimnis

(Bov Bjerg) Aus zuverlässiger Quelle weiß ich folgendes: Manchmal tauchen in dem für einen großen Berliner Verlag zuständigen Postamt Briefe auf, die in ungelenken Buchstaben adressiert sind wie folgt: An die Arschficker-Schweine von BZ und BILD-Zeitung Forderung 100 000 Mark Arschlöcher Jesus Christus. Diese Briefe sind niemals frankiert, deshalb verweigert der betroffene Verlag regelmäßig die Annahme. Auf diesen Briefen steht nichts außer der Anschrift An die Arschficker-Schweine von BZ und BILD-Zeitung Forderung 100 000 Mark Arschlöcher Jesus Christus, also kein Absender. Man leitet sie weiter zur Nachforschungsstelle der Deutschen Bundespost in Marburg, wo sie ein zur Verschwiegenheit verpflichteter Postbediensteter öffnet, um so den Absender zu ermitteln. Dieser Beamte ist, vielleicht mit Ausnahme des Absenders, der einzige Mensch, der den Inhalt dieser Briefe kennt. Selbst wenn er jemanden hätte, mit dem er darüber sprechen könnte - er darf es nicht. Niemand spricht von der großen psychischen Belastung, die diese Tätigkeit mit sich bringt. Außer mir.

Deutschland

(Horst Evers) Ein Land lebt in Angst. Täglich. nimmt die Gewalt auf den Straßen zu. Erlebnisse wie das des Bürgers Horst Evers sind keine Seltenheit:

Es war schon spät nachts. 3 Uhr oder so, ich schaute WM. Da klopfte es plötzlich an mein Fenster. Ich zog die Jalousien hoch, öffnete und sah einen großen, grobschlächtigen Mann. Er schaute mich böse an und sagte: »Ein Menschenleben ist mir überhaupt nichts wert. « Oh, dachte ich, jetzt wäre es aber ziemlich gut, wenn dir eine schlagfertige Antwort einfallen würde. In diesem Moment jedoch löste sich ein Blumenkübel vom Balkon eines der höheren Stockwerke und schlug den Mann nieder. Da spürte ich, daß da etwas war, eine höhere Macht, die mich irgendwie beschützt. Um unnötigen Ärger zu vermeiden, klebte ich dem Mann noch einen Zettel an den Kopf. »Ich war das nicht!«, schloß das Fenster und legte mich schlafen. - Horst Evers hat Glück gehabt. Erklären aber können wir es nicht.

Bis der Tod Euch scheidet

(Bov Bjerg) In der U-Bahn sitzt ein Mann. Er schaut vor sich hin. Nach einer Weile sagt die Frau neben ihm: »Kuckstn so komisch?«

Er: »Bin nachdenklüsch... «

Sie: »Wat schlimmer?«

Er: »Nö. Bin ehmt nachdenklüsch. Im Rahm´ meiner Möglischkeiten... «

Sie, nach kurzer Pause: »Schon lange?«

Er: »Seit Fehrbelliner Platz:«

Copyright: Salbader.-Redaktion
Mitwirkende: Jürgen Witte, Horst Evers, Andreas Scheffler, Hinark Husen, Bov Bjerg

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 13
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Pichelsteiner
Bov Bjerg und Hans Duschke: Debatte Horst Evers: Zu Spät Hans Duschke: Der Kaugummi (1) Andreas Scheffler: Nostalgie Hans Duschke: Der Kaugummi (2) Bov Bjerg: Urlaub, aber richtig Hinark Husen: Essayistischer Versuch Horst Evers: Ideologisch bedenkliches Gedicht Andreas Scheffler: Ein Bekenntnis Gerhard Zinn: Daniela und Anna Gerhard Zinn: Henna Gerhard Zinn: Schlaflosigkeit Roland Oelfke: Mini und Jimmy Bov Bjerg: Mein Leben beim Film Jürgen Witte: Schriftstellerlexikon (3) Dr. Seltsam: Elektrosmog Bov Bjerg: Bißchen viel Litauen (IV) Jürgen Witte: Ein geopolitisches Gedicht Jürgen Witte: Reise ins Ich
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XV
Was die anderen schreiben
Hans Duschke: Im nächsten Heft
Impressum
Mehr…
 

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