Hans Duschke und Bov Bjerg: Debatte
Achtundsechzig oder ´89? Was war wichtiger? Mit einer Rolle vorwärts wird aus der 68 eine 89. Ist es mit der 69 nicht genauso? Welche Rolle spielt das Französische in diesem Zusammenhang? Daniel Cohn-Bendit? Werden hier Äpfel und Birnen miteinander verglichen? - Eine unserer leichtesten Übungen.
Hans Duschke: Achtundsechzig
Achtundsechzig, das war toll. Wenn ich nur dran denke... Freie Liebe gab es, Blumenkinder, Schwanzvergleich: Das Private war politisch. Die Frauen befreiten sich von ihren Höschen gar. Teilweise! Und außerdem noch Minirock! Wir Männer aber bereiteten die Revolution vor, und fast hätte es auch geklappt, hätte es damals nicht diese furchtbare Repression gegeben (deutscher Herbst!).
Im Gemeinschaftszimmer der WG wurden die Matratzen ausgebreitet, Futon und Aids waren noch nicht erfunden, die Musik wurde mit der Hand gemacht. Sex & Drugs & Rock ´n´ Roll. Love and Peace, das war unser Motto, und manchmal waren wir richtig zugedröhnt, auch das war toll. High.
Diskussionen wurden grundsätzlich nur in D-Dur geführt: Das Debakel des direkten Diskurses darf dabei durch didaktische Differenzierung determiniert werden. Diesseits des dogmatisch-defätistischen Diktums dulden die drastisch-drängenden Deformationen durchaus dünkelhafte Debatten. Dank der dabei determinierten Diagnosen denunzieren dekadente Deklamatoren den durchaus, durchgängig dekuvrierten Dünkel dominanter Deformation. - Dies die despektierliche Darlegung des dürftigen Denkens. - Dadurch droht, dank der desolaten Dressur des diabolischen Dezernentenwesens die diffusdringliche, drückend-drängende Dysurie.
Ein alter Trick: Durch Aneinanderreihung von D-Wörtern Intelligenz zu erzeugen.
Achtundsechzig, das war toll. Das war nicht nur der Ruf der Bananen. Zugegeben: Den Brüdern und Schwestern, die hinter dem Eisernen Vorhang dahinvegetieren mußten, die, von Stasi-Horden gepeinigt, den Fruchtjoghurt und den italienischen Wein nur aus der Ferne sahen, wenn überhaupt, ihnen muß der Übergang vom spätfeudalen zum kapitalistischen System bedeutender erscheinen. Aber mir? ´68 bezeichnet nur den Auszug aus der postfaschistischen Wirtschaftswunden-Stagnation. Allein, die Vergrößerung des Wortschatzes, die ´68 gebracht hat. Hej, hej, my, my, Rock ´n Roll will never die!
Bov Bjerg: Neunundachtzig
Phylogenetisch oder ontogenetisch, das ist doch die Frage! Für Menschen, die nicht wie ich im Besitz eines Fremdwörterdudens sind: Für den ganzen Stamm oder für mich? Also für mich. Wenn ich mir vorstelle, das Jahr 1989 wäre weg, also praktisch ausge-x-t, nach Silvester ´88 käme gleich Neujahr ´90, so wäre das blöd. Mir würde ein kostbares Lebensjahr fehlen und der vorliegenden Zeitschrift sogar ein ganzer Jahrgang. In meinen Erinnerungen käme ich ganz schön ins Schleudern, denn im Jahr 1990 würden darin Leute auftauchen, von denen ich gar nicht weiß, woher ich sie kenne, weil ich sie ´89 kennengelernt habe. Das ist schlimmer, als die Leute, die 1968 geboren sind, vor allem reizende Frauen, vermissen zu müssen. Denn die hätte ich ja gar nicht erst getroffen.
Hätte es ´89 nicht gegeben, dann würden Wolfgang Thierse, Bärbel Bohley und praktisch alle kritischen Ostdeutschen heute immer noch mit einem gigantischen Vollbart herumlaufen. Wenn man das bedenkt, so bedeutet das Jahr 1989 doch einen immensen Fortschritt, jedenfalls ästhetisch.
Na gut, würde man das Jahr ´68 nachträglich abschaffen, dann würden vielleicht Martin Luther King und Rudi Duschke noch leben, aber da ist mir doch das Hemd ein bißchen näher als der Rock.