Horst Evers: Zu Spät
Er war unruhig. Immer wieder schaute er auf die Kronkorkenuhr in der Kneipe. Er hatte doch extra gesagt »18.00 Uhr«, und zwar Punkt 18.00 Uhr. Er hatte wirklich etwas wichtiges, etwas sehr wichtiges mit ihr zu besprechen. Er wußte genau, daß er in dieser Kneipe auf keinen Fall länger als maximal bis 19.00 Uhr nüchtern bleiben konnte. Wäre sie pünktlich um 18.00 Uhr dagewesen, hätten sie also eine volle Stunde gehabt, das hätte locker gereicht. Aber nein, sie mußte natürlich wieder zu spät kommen. Sie kam immer zu spät, und er war dann natürlich immer Schuld. Sowieso. Wieder starrte er auf die Uhr. Noch fünf Minuten, das reichte doch nie und nimmer, um diese äußerst wichtige Angelegenheit zu besprechen. Verdammt. Er ging nochmal auf Toilette, jetzt war sowieso alles egal, kam zurück, setzte sich, und fuhr an der Stelle mit dem Warten fort, wo er vorhin aufgehört hatte.
Da plötzlich ging die Kneipentür auf, und sie trat herein. Erregt sprang er auf: »Hallo Monika, gut daß du endlich kommst, ich habe eine äußerst wichtige Angelegenheit mit Dir zu bespre... schascha schascha schaaaa...« Zu spät, 19.00 Uhr, er war wieder völlig betrunken. Genau wie er es vorausgesagt hatte. Er wußte schon, wovon er sprach. Verzweifelt versuchte er noch, den einen oder anderen sinnstiftenden Satz zu artikulieren, aber es kam nur das konfuse, mit vielen Sch-Lauten durchsetzte Geseiere heraus, das er immer machte, wenn er seiner Umwelt kundtun wollte: ›Ich bin für heute mit dem Denken durch.‹
Oh, er kannte diesen Moment des Übergangs gut. Diesen kurzen, aber entscheidenden Moment des Übergangs von der vom Rausch beflügelten, am Rande der Genialität balancierenden, beschwingten Rede, hin zur völligen Dumpfheit des demoralisierenden, lähmenden Vollrauschs. Er hatte sogar schon mal ein Gedicht über diesen Moment geschrieben. Es hieß einfach Pech und ging so: Eben noch im hehren Kreis der Philosophen - jetzt schon wieder einer vonne Doofen.
Nur zwei Zeilen, weiter war er nicht gekommen, denn es war damals gerade 19.00 Uhr geworden, und da war dann wieder Essig.
Manche Strategie gegen die stetig voranschreitende Verwahrlosung hatte er schon ausprobiert. Zum Beispiel, bei Tageslicht keinen Alkohol mehr trinken. Doch nachdem er zwei Wochen bei heruntergelassenen Jalousien in seiner Wohnung verbracht hatte, wußte er, daß auch diese gesundheitsfördernde Maßnahme ein Fehlschlag war.
Sie verließ bald wieder die Kneipe. Verständlich, sie konnte ja nicht wissen, wie knapp das Ding mit dem Gespräch schiefgegangen war. Er jedoch wußte, daß er noch mehrere Stunden hier sitzenbleiben mußte. Völlig hilflos seiner mißlichen Lage ausgeliefert. Immer wieder versuchte er, den einen oder anderen überraschend doch noch auftauchenden Gedanken der belästigten Kundschaft mitzuteilen. Doch diese wenigen Gedanken waren wie Flugzeuge, die von einem Flughafen aufstiegen, und lange bevor er sie überhaupt bemerkt hatte, waren sie schon nur noch als winzige schwarze Punkte am Horizont seines pelzig-pochenden Hirngekräusels zu erkennen. Und bis er endlich den Sprechvorgang eingeleitet hatte, wußte er in der Regel schon nicht einmal mehr, auf welchem Flughafen er eigentlich stand.
Er war jetzt 31 Jahre alt. Wahrscheinlich blieben ihm noch zehn, 15, vielleicht 20 Jahre. Er hatte keine Angst über sowas nachzudenken. »Die 20 Jahre«, sagte er sich immer, »...die, wenns hoch kommt, 20 Jahre, die reiß ich doch auf einer Arschbacke ab.«
Um eins schloß die Kneipe. Auch er machte sich auf den Heimweg. Natürlich nicht, ohne sich noch einmal auf den Bürgersteig zu übergeben. Er hatte da so seine feste Stelle. Auf halbem Weg, vor einem Mietshaus aus den fünfziger Jahren. Die Leute aus dem Haus mochten ihn deshalb nicht besonders. Eine Frau hatte ihn mal auf frischer Tat ertappt. Freundlich, aber bestimmt, hatte sie Verständnis für seine Situation geäußert, ihn aber dennoch gebeten, erst zwei Häuser weiter seinem unruhigen Magen Tribut zu zollen. Dort wohnten zwei ehemalige Freundinnen von ihr, denen sie sowieso die Pest an den Hals wünsche. Er mochte die Frau auf Anhieb, ja, er verehrte sie, doch er war einfach zu schüchtern. Und eigentlich wollte er auch wirklich ihrer Bitte entsprechen, aber dann wählte er doch immer wieder ihr Haus, denn er hoffte, so würde sie ihn vielleicht nochmal ansprechen.
Zu Hause angekommen, schaltete er noch einmal das Fernsehn an. Problemlos zappte er sich schnell zu einem Kanal, der Werbung ausstrahlte. Das Werbefernsehn war für ihn das einzig wirklich interaktive Medium. Sein wichtigster noch verbliebener Kontakt zur Außenwelt. Interessiert verfolgte er einen Spot über die neuen Ausbildungslager zur Eingewöhnung und schnellen Akzeptanz der neuen sozialen Schicht. Die sanft-erotische Frauenstimme aus dem Off pries die Vorzüge dieser noch sehr jungen Einrichtungen.
»...in Zeiten schwerer wirtschaftliche Rezession passiert es vielen Menschen, daß sie von einer sozialen Schicht in eine tiefere wechseln müssen. Dieser Wechsel fällt den Meisten sehr schwer und verursacht häufig erheblichen Unmut und arge Orientierungslosigkeit. In unseren neuen Ausbildungs- und Trainingslagern Sag Ja! zu deiner sozialen Schicht werden Sie in einem sechswöchigen Schulungskurs zu perfekten Repräsentanten Ihrer neuen, nach dem Absacken zu erwartenden Schicht, der Zielschicht, herangebildet.«
»Die Ausbildung ist umfassend und staatlich anerkannt. Umgang mit Behörden, Abbau von Schwellenängsten, geduldige Lethargie gehört da genauso zum Programm wie das Erstellen eines neuen Ernährungsplanes und Rumgrölen im Innenhof des heimatlichen Mietshauses.«
›Mensch‹, dachte er, ›wenn´s das vor zwei Jahren schon gegeben hätte.‹ Er schaltete den Fernseher aus, und beschloß seinen Wecker auf 18.30 Uhr zu stellen. Dann hatte er am nächsten Morgen immerhin noch eine volle halbe Stunde Zeit, wichtige Telefonate zu führen.