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Hans Duschke: Der Kaugummi (1)

Nach Wochen und Monaten der Recherche war ich endlich soweit: Ich hatte das Thema, das die Jugend interessiert, wußte, wie es aufzubereiten sei. hatte die Stellungnahmen der Experten beieinander, sogar für das Layout hatte ich relativ konkrete Vorstellungen. Für Bravo. Ein Knaller: jugendspezifisch, informativ und unterhaltsam, idealer Gesprächsstoff für die große Pause, multikulturell und pädagogisch progressiv. Ein brisantes, beinah schon brilliantes Thema:

Wohin sollen die Jugendlichen heutzutage ihren Kaugummi kleben, bzw. wohin kleben sie tatsächlich ihren Kaugummi, wenn sie fertig gekaut haben, unter dem Titel: Ausgelutscht... und tschüß.

Der eigentliche Artikel machte den kleineren Teil der Geschichte aus. Es handelte sich um eine in jugendspezifischer Sprache (kurze Sätze, komische Worte) geschriebene kritische Würdigung eines Abschnitts aus einem Benimm-Ratgeber, den ich mir einmal auf dem Flohmarkt gekauft habe, und der seitdem neben meiner Schreibmaschine steht.

Bunt eingestreut gab ich ein paar Kaugummi klebt unter dem Tisch und du faßt voll rein-Anekdoten zum besten. Den Hauptteil und Knüller meines Artikels aber bildeten die Statements (jeweils mit Foto) der Jugendlichen, die sich, da sie sich Tag und Nacht mit solchen Themen beschäftigen, konkret und kontrovers zu meinem Kaugummi-Thema äußern konnten. Ich hatte alles beisammen, hatte die Fotos aus dem Katalog ausgesucht, die Statements dazugeschrieben und mir die Namen ausgedacht.

Dabei hatte ich, ganz multikulturelle Schreibstrategie, dafür gesorgt, daß fast die Hälfte meiner Jugendlichen seit Jahren in Deutschland lebende, gutgelaunte Ausländer waren. Ich hatte sogar ein kopftuchtragendes Jugendliches in die Galerie aufgenommen und ihr einen besonders pfiffigen Text auf den Leib geschrieben: »Echt voll blöd is´ ja, wenn du beim Zungenkuß so´n abgerutschtes Teil in den Rachen geschoben bekommst. So´n cooler Typ in der Disco, zehn Minuten hat der versucht, mir das reinzuschieben. Ätz! Echt voll Panne, der Django.«

Einige Mädchen berichteten von furchtbaren Erlebnissen, von Kaugummis, die sich im Haar oder in besonders geliebten Kleidungsstücken (product-placement) verfangen hatten, und die Mädchen hätten nicht gewußt, wie der Kaugummi zu entfernen sei. An dieser Stelle öffnete ich eine Klammer und schrieb: »Der Bravo-Experte verrät, wie´s gemacht wird. Siehe links.« Am linken Rand der Doppelseite sollte sich dann ein Kasten befinden, in dem der Experte verrät, wie der Kaugummi entfernt wird: Mit Essig! Diese Passage hatte ich aus dem Buch 100 000 Tips für die sparsame Hausfrau abgeschrieben. Das sind so die Standart(d?)werke, die man braucht - und einen Rechtschreibduden natürlich.

Außerdem noch einen Kasten auf der rechten Seite: Rock ´n´ Gum - Die Geschichte des des Kaugummis in den USA seit 1894 (incl. Bild von James Dean).

So machte ich mich auf den Weg zur Bravo-Redaktion.

Copyright: Hans Duschke

zuletzt verändert: 12.06.2006 01:08
erstellt von jero
Nummer 13
Titelbild
Vorrede
Kurznachrichten: Pichelsteiner
Bov Bjerg und Hans Duschke: Debatte Horst Evers: Zu Spät Hans Duschke: Der Kaugummi (1) Andreas Scheffler: Nostalgie Hans Duschke: Der Kaugummi (2) Bov Bjerg: Urlaub, aber richtig Hinark Husen: Essayistischer Versuch Horst Evers: Ideologisch bedenkliches Gedicht Andreas Scheffler: Ein Bekenntnis Gerhard Zinn: Daniela und Anna Gerhard Zinn: Henna Gerhard Zinn: Schlaflosigkeit Roland Oelfke: Mini und Jimmy Bov Bjerg: Mein Leben beim Film Jürgen Witte: Schriftstellerlexikon (3) Dr. Seltsam: Elektrosmog Bov Bjerg: Bißchen viel Litauen (IV) Jürgen Witte: Ein geopolitisches Gedicht Jürgen Witte: Reise ins Ich
Kvara Bistroj: Der Ausländer
Victor Orloff: Geheimauftrag Aids - Folge XV
Was die anderen schreiben
Hans Duschke: Im nächsten Heft
Impressum
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